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Fluch oder Segen

28 August 2015 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Der Fitnesstrend – Fluch oder Segen für unsere Gesellschaft?

Sie tun es morgens, mittags, abends, vor- und nach der Arbeit und am Wochenende sowieso. Sie tun es alleine, mit Freunden oder mit Arbeitskollegen, aber Hauptsache sie tun es: Fitnesstraining und Kraftsport ist in den letzten Jahren zum Volkssport geworden. Durch alle Altersklassen und sozialen Schichten zieht sich der Bann; alle scheinen von der monotonen Wiederholung immer gleicher Bewegungen so angetan zu sein, wie seit dem Inline-Skating-Boom der 90er Jahre schon lange nicht mehr von einer schweißtreibenden Beschäftigung.

Doch welche Beweggründe haben diese an sich so unterschiedlichen Menschen und wieso begeistert gerade diese, in den 80ern und 90ern noch als Drogensport für ungebildete Männer verpönte Beschäftigung heutzutage die Massen?

Fakt ist, dass es mittlerweile spezielle Programm für fast jeden Menschen gibt, egal ob sportlich oder unsportlich, dick oder dünn. Hochtechnisierte Computerprogramme analysieren meist nach der Anmeldung den neuen Kunden und erarbeiten weitgehend selbstständig einen Trainingsplan. Ob Muskelaufbau, Ausdauergewinn oder Erkrankungsprävention und -behandlung, immer neue Kundenschichten erschließt der hart umkämpfte Fitnessmarkt für sich. Längst sind es nicht mehr nur junge, sportliche Kunden, sondern auf den Laufbändern und Fitnessrädern dieser Welt mühen sich nun auch Rentner, stark Übergewichtige und junge Mütter ab. Was früher in einer Reihe stand mit Tennis, Golf und Squash ist heute für jeden erschwinglich: McFit, GetFit und FitforFun machen es mit Preisen zwischen 20 und 40 Euro möglich.

So unterschiedlich wie die Kundschaft sind auch deren Beweggründe: Manch ein – meist besonders junger – Kunde versucht seine Chancen bei der Partnersuche durch ein Sixpack und einen ordentlichen Bizeps etwas zu verbessern und so seinen sozialen Status vom Außenseiter zum Cliquenkönig anzuheben. Anderen, oftmals auch etwas älteren Frauen, soll der neugeschaffene Körper dabei helfen, wieder etwas Selbstbewusstsein zu erlangen, um wieder mit den „jungen Dingern“ mithalten zu können, denen der Ehemann so oft hinterherguckt. Doch mit der Erweiterung der Kundenschichten wird immer öfter auch die Gesundheit zum Grund: Diabetes, Übergewicht und muskuläre Verletzungen lassen sich im Fitnessstudio mit immer neuen Maschinen und Geräten behandeln. Vorteil dieser Kunden für die Betreiber: Sie bleiben, denn oftmals wurde die Fitnesslektion vom Arzt empfohlen oder sogar angewiesen.

Wer hätte so eine Entwicklung vor ein paar Jahren für möglich gehalten? Die meisten Wissenschaftler hatten sich schon vom Bild des muskelbepackten Körpers verabschiedet und stellten Studien auf, nach denen der Mensch in wenigen hundert Jahren ein knochenhäutiges Wesen mit einem riesigen Gehirn sei. Doch nun die Trendwende: Muskeln statt Grips!

Es stellt sich also die Frage: Welche sozialen Auswirkungen hat das auf den ersten Blick unverfängliche Hobby und welche gesellschaftlichen Gründe gibt es für den plötzlichen Boom?

Positiv sind natürlich die eher zufällig resultierenden sozialen Folgen der zunehmenden Beliebtheit der Studios: Die Trainingsräume sind nicht mehr nur Sportstätte, sondern auch kommunikative Orte, an denen neue Freundschaften und Bekanntschaften geschlossen und immer öfter auch Lebenspartner gefunden werden. Das gemeinsame Interesse in Form des Sports ist jedenfalls schon mal eine gute Basis. Lobenswert ist auch der intergesellschaftliche Austausch: Ob vormittags im Stahlwerk oder in der Kanzlei, ob in der Hauptschule oder auf dem Gymnasium – im Fitnessstudio sind alle vereint und es wird ein echter Ort des Austauschs geschaffen, der auch Freund- und Partnerschaften zwischen verschiedenen Schichten ermöglicht.

Hinter diesen positiven Auswirkungen des Fitnessbooms verbergen sich jedoch dunklere gesellschaftliche Gründe, die für sein Entstehen verantwortlich sind: In sozialen Brennpunkten werden die Fitnessstudios wohl kaum von Rentnern mit Bandscheibenproblemen, sondern eher von jungen Männern besucht, die ihren Körper für den Straßenkampf stählen wollen. Ob es junge Nichtvertreter der abendländischen Kultur sind, die in ihrer Gang aufsteigen und „Respekt“ erlangen wollen, oder deutsche Jugendliche, die die ständigen Pöbeleien satt haben und daher verzweifelt versuchen, den verloren gegangenen „Respekt“ über Körperkraft zurückzuerlangen: Der Fitnesstrend ist auch Ausdruck der Probleme in unserer Gesellschaft. Überhaupt scheinen die Gründe für das plötzliche Aufblühen der lange unbeachteten Randsportart nicht so rosig zu sein, wie das auf den ersten Blick scheint: Der neue Körperkult ist Ausdruck der individualistischen Wertneuorientierung und eines radikalen leistungsorientierten Sozial-Darwinismus, der sich auf Äußerlichkeiten beschränkt. Die ziellose Jugend irrt umher auf der Suche nach einem Lebensinhalt und erhofft durch das Verändern ihres Körpers auch ihren Geist und ihre Lebensumstände verändern zu können. Doch dem ist nicht so. Das Krafttraining und der neue Körperkult scheint oftmals nichts anderes zu sein, als ein (zugegeben gesünderes) Ersatzmittel für Alkohol, Videospiele und Drogen. Eine Flucht in eine andere Welt, eine Welt der Schwarzeneggers und Vin Diesels, eine Welt der schönen Frauen und der schnellen Autos, die aber spätestens beim Verlassen des Studios und bei der Rückkehr in die Realität zerbricht. Wir müssen uns fragen, was unsere Gesellschaft tun kann, um aus dem Kreislauf des sinnlosen und dummen Hedonismus auszubrechen und wieder Werte und Ziele zu vermitteln. Der Mensch zählt nicht nur dann etwas, wenn er schön, stark, intelligent oder reich ist. Es bringt nichts, wenn der Leistungsgedanke losgelöst von jeglicher Sozialethik betrachtet wird und sich ein Teil der Gesellschaft in den Körperkult flüchten muss, um die eigenen schulischen und beruflichen Misserfolge zu verdrängen. Wie groß dieser bedauerliche Anteil der Fitnessclub-Besucher ist, weiß jeder, der schon einmal in einem sozialen Brennpunkt ein Studio besucht hat. Für viele Menschen scheint das Krafttraining aber auch ein neurotischer Ausweg aus der sozialen Isolation und den persönlichen Problemen zu sein.

Krafttraining und Fitness ist zweifelsohne ein schöner Sport, der nicht nur den Körper schulen, sondern auch Aggressionen abbauen und innere Ruhe spenden kann. Aber es ist und bleibt ein Sport und kein Spender sonst negierter sozialer Anerkennung. Dass dies immer öfter missverstanden wird, ist ebenso wie der verstärkt auftretende Trend zu Schönheitsoperationen bei unter 18-jährigen ein Warnsignal für die sich verschärfenden gesellschaftlichen und sozialen Probleme in diesem Land.

R. Classen (rc)

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