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Der Tote Mann

12 Juni 2013 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Die Kunst im Umbruch IV

Ich war in Reihen eingeschient,
die in den Morgen stießen, Feuer über Helm und Bügel,
Vorwärts, in Blick und Blut die Schlacht,
mit vorgehaltenem Zügel.
Vielleicht würden uns
am Abend Siegermärsche umstreichen.
Vielleicht lägen wir irgendwo ausgestreckt
Unter Leichen.
Aber vor dem Erraffen
Und dem Versinken
Würden unsre Augen sich an Welt und Sonne satt
Und glühend trinken.

„Der Aufbruch“ von Ernst Stadler; gefallen am 30.Oktober 1914 bei Ypern.

Gespenster am Toten Mann (1931); Paul Coelestin (P.C.) Ettighofer

Ettighofer, der sich freiwillig 1914 meldet, später Stosstruppführer vor Verdun, geriet 1918 schwer verwundet in französische Kriegsgefangenschaft.

Mit dem autobiographischen Roman „Gespenster am Toten Mann“ schrieb P.C. Ettighofer seinen ersten Bestseller. Der im Jahre 1931 veröffentlichte Roman galt als Antwort der nationalistisch Konservativen auf den Roman „Im Westen nichts Neues“.

Ähnlich wie Franz Schauwecker, Werner Beumelburg ist die Quintessenz des Grabenkampfes geprägt von einer typisch religiösen Brüderlichkeitsethik. Das Grauen ist ein Schauspiel, welches es zu überstehen gilt. Vaterlandsliebe, Kameradschaft und Pflicht als das Wertetrias der Frontgemeinschaft.

Die Ambivalenz Vaterlandsliebe und Pflichtgefühl bekommen in diesem Roman einen besonderen Schwerpunkt. Ettighofer, im Elsass geboren, wurde wie fast alle Deutschen, die vor noch 1871 Franzosen waren, misstrauisch beäugt. Viele rein elsässische und lothringische Einheiten wurden an die Ostfront versetzt, weil man Kollaboration vermutete. Dies wiegt besonders schwer, da man sein Leben für ein Land bereit zu geben war und es auch tat, welches den Schwerpunkt auf die Herkunft legte, nicht auf die Taten.

Der Frontroman „Gespenster am Toten Mann“ beginnt mit der anfänglichen Begeisterung 1914. Als Kriegsfreiwilliger kommt man an die Front nach Frankreich.

„Der Asphalt dröhnt unter unseren Schritten. Wir sind erstarrt in Gruß und Ehrerbietung. Bis der Kommandeur seine Mütze schwenkt: „Seine Majestät, unser oberster Kriegsherr und das geliebte deutsche Vaterland, hurra, hurra!“

Unsere Arme fliegen hoch. Die Kehlen brüllen sich heiser, und ohne Übergang, ohne Befehl, hingerissen vom Augenblick, fallen wir in den Text der Marschweise:

„…siegreich woll’n wir Frankreich schlagen,

sterben als ein tapfrer Held…“

Die Zivilisten auf den Bürgersteigen brüllen es mit. Der General lächelt und winkt ganz unmilitärisch. Sein Adjutant lächelt und winkt.

Tausend Begeisterte marschieren, trunken vor Aufregung und stolz. Besonders wir, die jüngeren Leute, die Schüler und Abiturienten, empfinden hoch die Schönheit des Augenblicks, der uns zu Männern in Waffen, zu Vaterlandsverteidigern stempelt, uns, die vor einigen Wochen noch die Schulbank drückten.

„…sterben als tapferer Held…“

Wir marschieren und singen.

So marschieren wir und singen.

So marschierten einst die berauschten Gladiatoren am Imperator vorbei. „Sei gegrüßt, Kaiser! Die dem Tode Geweihten grüßen dich!“(1)

Die Begeisterung weicht dem Frontalltag. Das Zusammenleben in den Gräben, das Aufeinandertreffen verschiedenster Milieus und das Zurechtfinden im eisernen Garten fordern. Der Geist gewöhnt sich an unvorstellbarem Leid. Die Verrohung als Mittel zum Überleben ist evident. Morgen könnte man schon Tod sein.

Gespenster am Toten Mann (1931); Paul Coelestin (P.C.) Ettighofer„Souchez. Eine hohle Gasse und ein Bein

…Wir lassen uns vom überhöhten Weg in den Schlamm des Laufgrabens gleiten. Das kalte Wasser dringt an uns hoch bis weit über die Knie, quillt in die Stiefel. Wir stützen uns mit einer Hand, klammern uns fest an die Grabenwand. Ich erwische einen Schuh, einen Fuß, ein ganzes Bein. Ziehe mich daran hoch, heraus aus diesem Schlammloch bis zur nächsten Schulterwehr. Am herausragenden Bein eines der 17 dort auf der Böschung in Eile beerdigten Kameraden. Keine Zeit, sie anderswo zu begraben. Dort fielen Sie, vor zwei Nächten, durch Volltreffer. Gerade beim Abmarsch zum Essenholen…

Es haben sich noch viele Kameraden an jenem Bein festgehalten beim Durchschreiten des Schlammtrichters. Bis eines Tages, beim Vorbereitungsschießen zum großen Juni-Angriff der Franzosen, jenes Grabenstück, die Böschung, das Massengrab und das weiße Holzkreuz durch mindestens zwanzig Volltreffer vertilgt und mit den Leibern der 17 tapferen Deutschen zermalmt und überpflügt wurden.“ (2)

P.C. Ettighofer urteilt nicht. Die Handlung ist der Alltag. Eine Beschreibung des ist-Zustandes. Der Krieg ist der Kosmos. Er vermeidet Theorien über das „warum“. Das Leben und sterben findet im Zirkel der Kameraden statt. Kein Wort über die politische Verantwortung, über die Sinnlosigkeit des Grabenkrieges. Der Roman soll der Heimat vermitteln, mit welcher Kraft gekämpft und trotz des Aussichtslosigkeit bis zum Ende der Auftrag vollzogen wurde. Nicht besiegt, sondern unterlegen ist die Essenz und belegt die Frustration über das Verhalten der Deutschen in der Heimat. Diese Romane sind Ausdruck einer Generation, welche sich zutiefst unverstanden fühlt. Geprägt vom Wilhelminischen Pflichtgefühl und während der Revolution stigmatisiert als Kriegstreiber und Mörder. Der Roman endet mit dem totalen Zusammenbruch der Front, mit dem physischen Ende des Erzählers.

„Die Feuerwalze springt weiter nach hinten. Kientz hat das Tankabwehrgewehr geschultert und schießt mit schwerer Stahlmantelmunition. Beim zweiten Schuß wird ihm vom Rückstoß das Schlüsselbein entzweigeschlagen. Fast gleichzeitig kracht die leichte Granate eines Tankgeschützes auf der Böschung unseres Loches, reißt unserem Führer die rechte Seite auf. Ich springe hinzu, will helfen. Vergebens. Das Blut spritzt und rieselt. Der Getroffenen sinkt bleich zurück. „Siehst du, nun ist es aus. Ich muss sterben für Deutschland, das mich, den Elsässer, immer mit so viel Misstrauen behandelte. Nein ich habe keine Schmerzen, jetzt nicht mehr. Renne mit den Jungen noch schnell fort. Du guter Kerl, schau mal, habe ich was an den Augen? Ich sehe nichts mehr. Alles so schwarz … so schwarz …Du, kommen sie durch? Er hatte recht, der Segmüller … Gespenster am Toten Mann … Alles aus mit uns! Fertig! Ich der unsichere Kantonist …“

Vom rechten Schützennest rennt einer zu uns. „Alles aus,“ schreit er, „alles erledigt und tot, Kendzierski und die ganze Gruppe.“ – Der Mann schreit und tobt und wälzt sich brüllend und weinend am Boden.

Die Tanks vor uns kommen nur langsam vorwärts im weichen, lockeren Gelände. Beschießen jetzt das linke Nest. Die Leute stieben auseinander. Huba läuft mit umgehängtem Gewehr zu uns herüber. Stürzt am Rande des Loches nieder, tot. Mich packt jetzt eine furchtbare Wut, eine rasende Lust, mein Leben teuer zu verkaufen.

Zwei Rekruten reichen mir die Streifen mit Panzermunition. Eingefädelt! Angezogen! Mein Maschinengewehr kichert und schüttelt sich. Vor dem Visier tanzt das rote Maschinengewehrfeuer, und durch den bläulichen Pulverqualm sehe ich die Tanks näherkommen, jetzt kaum noch 200 Meter weit. Da kracht es hinter uns, und Pistolenschüsse aus Nahkampfentfernung strecken uns nieder. Die feindliche Infanterie war stellenweise rechts und links durchgebrochen und hatte uns unbemerkt umzingelt.

Beim ersten Krachen springe ich auf, drehe mich halb rechts, will schreien oder rufen oder flüchten, da blitzt es dicht neben meinem rechten Ohr und ein furchtbarer Schlag durchzuckt meinen Oberkörper. Ich falle nieder, neben den toten Offizierstellvertreter Kientz. Meine Beine ragen über die Böschung. Mein Stahlhelm rollt noch drei Schritt weiter, bleibt zwischen den röchelnden Rekruten liegen. Warmes Blut rieselt über Hals, Nacken und Rücken.

„… Mit letzter Kraft ziehe ich meine Beine in das Loch. Die feindlichen Tankgeschwader rasseln vorbei. Es wird Nacht vor meinen Augen. Stunden oder Tage oder Monate später werde ich wach. Die Sonne steht hoch im Mittag. Hunderttausend Fliegen umschwirren die Leichen meiner toten Kameraden. Irgendwo in der Ferne brüllt die Schlacht. Im Hohlweg, dicht hinter unserem Maschinengewehrnest, ist die französische Feldartillerie aufgefahren. Ich schrei und winke. Zwei französische Sanitäter ziehen mich zwischen den Leichen hervor, mich, den einzigen Überlebenden des Infanteriezuges.

Ich bin nun der Kriegsgefangene Nummer 43 282.“ (3)

1: Gespenster am Toten Mann; S. 6

2: Gespenster am Toten Mann; S. 22-23

3: Gespenster am Toten Mann; S. 262-264

Anmerkung: Der Tote Mann (Le Mort Homme), ist ein Anhöhe bei Verdun. Der Name entstand durch eine Leiche, welche im 16en Jahrhundert dort gefunden wurde. Die Anhöhen 265, 295 und 304, waren strategisch wichtige Punkte, die zu großen Verlusten auf beiden Seiten geführt haben.

(sb)

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