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PFADFINDER

8 Oktober 2015 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Über 100 Jahre DEUTSCHER PFADFINDERBUND ( 1 9 1 1- 2 0 1 5)

Wieviel freiwillige Disziplin lebte damals in dem Riesenorganismus „Pfadfinderkorps“ (Pfadfinderbund)? Wie viele fähige und selbständige Menschen ordneten sich streng unter die Regeln und Gesetze des „Korps“ und gründeten nicht einfach einen neuen Bund, wenn ihnen etwas nicht passte, wie man es heute tut. …Pfadfindertum hieß damals: „Ritterlichkeit, freiwilliger Gehorsam, Zucht (Korpsgeist), Hilfsbereitschaft, technische und körperliche Gewandtheit, einfache und gesunde Lebensweise.“

( So „Hartmut“, Wilhelm Fabricius, Reichsvogt des DPB, der schon in den Anfängen selbst dabei war, 1931 zum 20. Jahrestag der DPB- Gründung in „Das Lagerfeuer“, 21. Jg. des „Pfadfinder“, Berlin 1931)

Vor 100 Jahren, im Januar 1911, wurde in Berlin der Deutsche Pfadfinderbund gegründet. In ihm fand die Pfadfinderidee in Deutschland ihre organisatorische Gestalt. Fast alle seit dem Erscheinen des Pfadfinderbuches 1909 entstandenen örtlichen Pfadfinderkorps schlossen ihm sich an. Diese Gründung wirkte wie eine Initialzündung. An vielen Orten im Reichsgebiet entstanden Pfadfindergruppen. Der junge Bund entwickelte eine eigene begeisternde Dynamik. Die Bewegung erfasste sowohl die Jungen, – die Mädchen kamen 1 Jahr später in ihrem eigenen Bund hinzu -, wie auch jung gebliebene Erwachsene. In Maximilian Bayer erstand dem Bund eine charismatische Führungspersönlichkeit, die das Ganze ordnete und lenkte und weiter entwickelte.

Der alte Bund:
Bei der Beurteilung historischer Ereignisse sollte man sich möglichst in die damals herrschenden Verhältnisse versetzen, um die Bedeutung und Auswirkungen des Geschehens und die Leistung der handelnden Personen gerecht zu würdigen. Und auch zu klären, ob das, was damals galt, auch heute noch wichtig ist. Ob wir heute dem hohen Anspruch, den die Gründer an sich und die Bewegung stellten, noch gerecht werden. Der DPB war eine Gründung von unten nach oben. Nicht verordnet, sondern von den seit 1909 entstandenen örtlichen Pfadfindergruppen (Korps) dringend erwünscht als Koordinator und zentraler Ansprechpartner. Der bisher als Förderverein tätige „Jugendsport in Feld und Wald e.V.“, der die ersten Richtlinien für den Aufbau und die Struktur von Pfadfindergruppen und auch die erste Formulierung der 10 Pfadfindergesetze inDeutsch erlassen hatte, musste sich wandeln und wurde zum „Deutscher Pfadfinderbund e.V.“ Die folgenden Grundsätze seiner Arbeit erscheinen uns wesentlich:

Angehörige des Bundes deutscher Kolonialpfadfinder 1931 in Kairo

1. Der Bund war von Anfang an interkonfessionell. Das war bedeutsam in einem konfessionell gespaltenen Land, wo die Erziehung weitgehend in Händen der Kirchen lag, wo der „Kulturkampf“ in Preußen nur 2 Jahrzehnte zurück lag und es in manchen Gegenden noch getrennte Toiletten für evangelische und katholische Volksschüler gab. Die Toleranzschloss übrigens auch die jüdische Religion mit ein.

2. Keine Vorurteile gegen jüdische Mitbürger. Der 1. Vorsitzende des DPB e.V., der Berliner Fabrikant Konsul Georg Baschwitz, war aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde Berlins. Und Ehrenfeldmeister Dr. Alexander Lion entstammte einer Berliner jüdischen Bankiersfamilie. Er trat 1900 anlässlich seiner Hochzeit mit der katholischen Offizierstochter Mathilde Hibl zum katholischen Glauben über. Abstammung und Religion dieser und anderer Pfadfinderführer und Mitarbeiter waren im alten Bund kein Thema. Antisemitismus kam erst nach dem verlorenen 1. Weltkrieg auf und zwar besonders durch die sog. „Erneuerer“ um den Berliner Pfadfinderführer und evangelischen Pfarrer Martin Voelkel. Infolge der Angriffe trat 1921 Konsul Baschwitz als Vorsitzender zurück. Auch Alexander Lion wurde nach heftigen Auseinandersetzungen mit Voelkel und anderen u.a. auf der DPB- Führertagung 1923 in Dresden wegen seiner jüdischen Abstammung aus dem Bund „herausgemobbt“

3. Ohne die damals noch üblichen Klassen- und Standesschranken ging es zu im alten DPB. Das galt sowohl für die jungen Pfadfinder wie auch für die Führer (Feldmeister). Während der „Wandervogel“ fast ausschließlich aus Gymnasiasten und Studenten bestand, war es das Ziel der DPB- Gründer, gerade auch die Volksschüler und Berufsschüler für die Pfadfindersache zu gewinnen. Schon im Vorwort zur 3. Auflage des „Pfadfinderbuches“ äußert sich Dr. Alexander Lion sehr zufrieden, dass „mehr als 50 Prozent der Pfadfinder nicht den höheren Lehranstalten“ angehören. Aus dem Pfadfinderkorps BONN berichtet dessen Führer Hans-Egon von Gottberg:“…Aus allen Klassen der Bevölkerung haben wir unsere Jungen, einige aus „ganz roten Betrieben“. DieJungen sehen eben, dass es nicht leicht ist, in das Korps zu kommen, dass man dem Korps mit ganzem Herzen angehören muss und dass man dann auch einen Ruf hat.“ Eine große Zahl berufstätiger Jungen in einem Pfadfinderkorps hatte natürlich Auswirkungen auf die Möglichkeiten des Pfadfinderlebens. Die Schulpflicht endete damals nach 8 Schuljahren. Mit 14 Jahren kam der Junge in die Lehre oder Arbeitsstelle. Auch samstags wurde gearbeitet und war Schule. Einen Urlaubsanspruch gab es nicht. Die für die Pfadfinder mögliche Freizeit für diesen Teil der Jugend war also äußerst knapp. Wochenlange Großfahrten wie beim Wandervogel waren nicht „drin“. Auch in der Führerschaft ( Feldmeister- Korps) waren alle Stände und Berufe vertreten. „Nur wer die unheilgeladene Atmosphäre jenes Jahrfünfts vor dem Weltkrieg noch kennt, nur der wird den ungeheuren Erfolg des Aufrufs zur Pfadfinderei begreifen. Hier war ein klarer Weg gewiesen. Und nun drängte diese ganze frische junge Männlichkeit herbei: Offiziere und Unteroffiziere der Reserve aus allen Ständen und Berufen, blutjunge Leutnants, Studenten aller Hochschulen und Korporationen, dazu jüngere Geistliche beider Konfessionen und Lehrer von Gymnasien und Volksschulen. Und an jedem von ihnen hing ein begeisterter Haufen von Jungen und folgte ihnen durch dick und dünn.

4. Soldatenspielerei? „Jeder Exerzierdrill ist verboten. Nur diejenigen mil. Formen dürfen geübt werden, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung unbedingt erforderlich sind: Antreten, Marsch in Gruppen ohne Tritt, Halten. Alles andere ist als Soldatenspielerei zu verwerfen. Waffentragen ist untersagt.“ (Punkt 11 der Leitsätze des DPB). Soweit es „Ausreißer“ gab, ging das in der Regel von unbedarften Zivilisten aus, nicht aber von aktiven Soldaten und Offizieren, die in ihrer Freizeit als Pfadfinderführer tätig waren. Hierzu schreibt Carl Frhr. von Seckendorff, ehem. Reichsfeldmeister zum Gottberg- Gedenken 1930: „Gottberg war, wie damals zahlreiche andere Pfadfinderführer, aktiver Offizier, der sich mit voller Begeisterung seiner Pfadfinderei widmete. Nicht „obwohl“ er aktiver Offizier war, sondern weil er es war, bekämpfte er wie wir Offiziere alle, jegliche Soldatenspielerei. Unser Beruf war uns auch viel zu heilig und zu ernst, als dass wir ihn in kindlichem Spiel nachäffen ließen oder gar die Hand dazu geboten hätten. Gerade wir aktiven Offiziere erkannten am sichersten die große Gefahr, die in einer sog. „Militarisierung der Jugend“ lag.“

5. Die Einheit des Pfadfindertums in Deutschland  hat der alte DPB bewahrt. Er war eine Gründung von unten nach oben. „Auch die Einrichtung einer Zentrale, nämlich des Deutschen Pfadfinderbundes mit Sitz in Berlin war keine künstliche Gründung, sondern sie entstand notgedrungen aus dem Wunsche der rasch entstehenden Pfadfindervereine, dass ein Mittelpunkt geschaffen werde, der leitend und ordnend wirke“. Die örtlichen Gruppen hatten eine große Selbständigkeit. Geführt wurde überwiegend durch Appell an die Einsicht und Freiwilligkeit.Die „Ehre eines Pfadfinders“ spielte eine wichtige Rolle. Z.B. war der Bezug der seit dem 01. 01. 1912 monatlich erscheinenden Bundeszeitschrift „Der Pfadfinder“ und seiner Beilage „Der Feldmeister“ freiwillig. Kein Zwangsbezug über den Mitgliedsbeitrag. Auch Kritik wurde ernst genommen, toleriert und sogar in der Bundeszeitschrift abgedruckt. Als Beispiel wird unten der der Artikel „Äußeres vor Innerem – Abzeichen oder Geist ?“ des Bonner Hauptfeldmeisters Hans- Egon von Gottberg abgedruckt, (5) der auch einige „Kinderkrankheiten“ der jungen Bewegung benennt. Es gelang, den Pfadfindergedanken in ganz Deutschland bekannt zu machen und ein nahezu flächendeckendes Netz von Pfadfindergruppen aufzubauen. Und dieses hat sich als tragfähig erwiesen, alle Verluste und Schwierigkeiten im 1. Weltkrieg und vor allem danach zu überstehen, offen zu sein für neue Ideen und Reformen, wenn das auch seine Zeit brauchte. Auch nachdem der DPB 1924 endgültig zu seiner bündischen Form gefunden hatte, blieb er der größte und qualitativ hervorragende Bund der bündischen Jugend bis zu Verbot und Auflösung 1933.

Das Gründungsdatum:
Alexander Lion nennt im Vorwort zur 3. Auflage.des Pfadfinderbuches den 18. Januar 1911 als Gründungsdatum. So auch in anderen Veröffentlichungen des DPB ab 1911. Nun haben aber neuere Forschungen, insbesondere von Dr. Stefan Schrölkamp –Schöppy- Berlin, ergeben, dass die Gründungsbeschlüsse mit Satzung usw. schon einige Tage vorher, nämlich bei einer erweiterten Vorstandssitzung des Vereins „Jugendsport in Feld und Wald e.V.“ in Berlin am 9. Januar 1911 gefasst wurden. Es gibt darüber auch entsprechende Pressemeldungen. Dennoch ist dies kein Widerspruch. Die Gründer wollten wohl, dass die Beschlüsse erst mit Wirkung vom 18. Januar in Kraft treten sollten. Es war ein symbolisches Datum. So trug z.B. auch der Jugendpflege- Erlass des preußischen Kultusministers das Datum des 18.01.1911. Es war das Recht der Gründer, das Datum der Wirksamkeit ihrer Beschlüsse selbst zu bestimmen. Und wir machen keinen Fehler, wenn wir ihren Willen respektieren und das Gründungsdatum 18. Januar 1911 verwenden. Schlicht und bescheiden trat der DPB ins Leben. Keine Aufmärsche, kein Kaiser Wilhelm, keine „Show“. Auch kein pompöses Hotel. Die Gründer tagten schlicht und kostensparend im Haus ihres 1. Vorsitzenden Konsul Baschwitz in Berlin. Sogar das Pfadfinder- Abzeichen, das später sog. „Schachbrett“, wurde nicht feierlich vom Kaiser verliehen sondern erst ein halbes Jahr später nach Entwurf des Pfadfinderkorps Frankfurt a.M. durch Vorstandsbeschluss eingeführt.

Warum 18. Januar?
Der 18.Januar 1911 war der 40. Jahrestag der Reichsgründung. Noch mitten im erfolgreichen Abwehrkampf gegen eine französische Aggression wurde am 18.01.1871 im Spiegelsaal des Schlosses Versailles bei Paris der König von Preußen, Wilhelm I, zum Staatsoberhaupt des neuen Bundesstaates Deutsches Reich ausgerufen mit dem Titel „Deutscher Kaiser“. Deutschland hatte endlich seine Einheit gefunden. Der 18. Januar hatte noch eine weitere geschichtliche Bedeutung. Am 18.01.1701 wurde in Königsberg der Kurfürst Friedrich von Brandenburg zum ersten König in (später von) Preußen gekrönt. So war das Datum der Kaiser-Proklamation 1871 nicht zufällig gewählt. Die Einheit Deutschlands ermöglichte einen ungeheuren wirtschaftlichen und technischen Aufschwung. Und brachte eine bis dahin seltene Epoche des Friedens von über 40 Jahren.

(vz)

 

 

Weitere Informationen unter:

PGW
Wikingerstrasse 35
53859 Niederkassel
FON: 02208- 3601
FAX: 914871

http://www.deutscher-pfadfinderbund.de/
http://www.christliche-pfadfinderschaft.de/
http://www.weinbacher-wv.de/
 

Quelle: Forum für Pfadfinder – Geschichte, Pfadfinder Geschichtswerkstatt e.V. (PGW)
Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 102-12814 / CC-BY-SA, Deutsche Post, Forum für Pfadfinder

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