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Das Wäldchen 125

20 Juni 2013 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Die Kunst im Umbruch V

„So taumeln die Krieger im Rausche der Schlacht dahin, Pfeile im Nebel vom Bogen geschnellt, Tänzer im Ungewissen. Doch hing über diesen klirrenden Schleiern, so oft im Feuer zerrissen, weit mehr als der Rausch der Sekunde. Der Mut ist dem Tanze vergleichbar. Die Person ist Nebensache, wichtig ist allein, was unterm Schleier seiner Bewegung sich hebt und senkt. So ist auch Mut ein Ausdruck tieftsten Bewusstseins, dass der Mensch ewige, unzerstörbare Werte umschließt. Wie könnte sonst auch nur ein einziger bewusst dem Tode entgegen schreiten?“

„Der Kampf als inneres Erlebnis“ Ernst Jünger; Berlin 1922

Das Wäldchen 125

Eine Chronik aus den Grabenkämpfen 1918

Das Wäldchen 125 ist mehr als eine detaillierte Chronologie im Sinne eines Tagebuches. Das Erlebte gilt als Parabel. Sie ist Kritik an einer Gesellschaft deren metaphysischer Ursprung durch die Moderne verloren gegangen zu sein scheint. Mensch und Maschine, im immer wiederkehrenden Vergleich.

„Aber wo bleibt denn hier der Mensch? Ist denn das nicht ein seelenloses, rollendes Spiel mit Sprengstoff und Stahl? Eine kalte Wertung mechanischer Kräfte, eine Gegenüberstellung von Formeln der Physik, der Chemie und der höheren Mathematik? Soll so über das Leben entschieden werden? Heißt das nicht, den hundsschäuzigen Intellekt, das große Unternehmertum zum Herrn der Erde machen?“

Die Quintessenz ist die religiöse Überhöhung von Befehl und Tun, von Dasein und Tod. Warum sonst, sollte ein völlig unbedeutendes Stückchen Wald gegen Ende des Ersten Weltkrieges entgegen aller Logik so verteidigt werden? Die Vernichtung des eigenen Lebens, das Opfer, der Schmerz, die Niederlage scheinen bedeutungslos. Der Kristallisationspunkt ist für Ernst Jünger der Begriff des „Vaterlandes“. Ein Soldat kann nur aus dem unbedingten Glauben an sein Vaterland zu diesem Opfer bereit sein. Krieg als ein Höhepunkt des Daseins.

„Der Pazifismus wird steigen und fallen mit den Strömungen der Zeit. Eine müde Epoche oder eine solche, der die großen Ideen fehlen, wird ihm leicht eine wichtige Bedeutung einräumen. Mit Recht, denn wenn eine Jugend keine großen Ziele besitzt, wofür sollte sie sich opfern? Anderseits, wenn sie vorhanden sind, werden sie ganz von selbst auf das Blut jene hinreißende Kraft übertragen, die sich gerne zum Schwersten bereit erklärt. Das stolze und unbestreitbare Recht des Siegers, die Geschicke der Welt zu bestimmen, ist eine Rasse, die sich die unzweifelhafte Berufung dazu fühlt, eine so berauschende Aussicht, dass alles andere dagegen nichtig erscheinen muß. Dagegen treten Tod, Leid und alles Schreckliche der äußeren Erscheinung zurück, und in einer solchen Auffassung liegt ganz sicher die größere sittliche Kraft. Hier fallen gerade die materialistischen Gegengründe dafür ins Gewicht, sie werden zu einem trotzigen: „Dennoch!“, das den Helden beseelt, und ihn mit einer dämonischen Schimmer umgibt. Wo das Größte erkämpft werden soll, da ist es billig, daß das Schwerste überwunden werden muß.

Wieder ist es der alle diese Dinge sehr rein zum Ausdruck bringende Hölderlin, der sagt:

„Umsonst zu sterben, lieb ich nicht; doch

Lieb’ ich, zu fallen am Opferhügel

Fürs Vaterland.“

Es fällt jedoch auf, dass Ernst Jünger die Wichtigkeit des Einzelnen hervorhebt, zugleich aber dieser negiert wird. Da wird die „Maschine“ nicht nur zum Inbegriff einer neuen Zeit, sie diktiert dem Menschen ein neues Wesen. Stoßtruppführer und Panzerwagen, das Antagonistische verkehrt sich zu einem Gleichnis der Zukunft.

“Ich glaube, schon einmal gesagt zu haben, dass die zunehmende Maschinisierung der bewaffneten Macht merkwürdigerweise für den Einzelnen eine größer Selbstständigkeit und eine Befreiung vom Drill mit sich bringen muß. So auch hier. Der Kampf wird nicht mehr durch geschlossene, durch einheitliche Befehle geführten Menschenmassen, sondern durch die Beherrschung von Maschinen geführt. Und das ist es, was zum Ausdruck kommen muß. Die Gegenwart und die Zukunft müssen mehr zu Worte kommen als die Vergangenheit. Wenn wir des Nachts Lastautomobile voll Bewaffneter gegen zuckende Feuerwände fahren, oder einen Panzerwagen sich bewegen sehen, in dem sich der Mensch verborgen hält, und der als eine geheimnisvolle, drohende Eisenmasse erscheint, wird eine stärkere Wirkung auf uns ausgeübt als durch den Anblick menschlicher Lineale, die sich im Stechschritt fortbewegen.

…Sie fällt in einer Zeit, der wir beginnen, die Maschine als schön zu empfinden, und sie wird etwas von der Schönheit der maschine besitzen, an der es nichts Überflüssiges gibt.“

Das Wäldchen 125 ist eine weitere literarische Ausarbeitung aus der vier Jahre vorher erschienenen Publikation „In Stahlgewittern“. Ist der Roman „In Stahlgewittern“ noch geprägt von dem persönlich erlebten bedrückenden Gefühl der Niederlage, so ist „Das Wäldchen 125“ ein radikaleres Werk. So finden sich am Schluss folgende Worte, die Ernst Jünger zum Sprachrohr der „Frontgeneration“ haben werden lassen.

“Und wenn man die Männer sieht, die schweigend, Helm an Helm, unter dem Gesang der Motore neuen Entscheidungen entgegengetragen werden, diese neue und eisenharte Rasse, die in allen Feuern gehärtet ist, so steigt der Wunsch auf, dass sie nicht alle dem Lande verloren gehen mögen. Dieses Geschlecht darf nicht vergehen wie ein Meteor, das nach nie gesehenem Glanze in der Nacht erlischt. Seine Männer haben in diesem Kriege gezeigt, dass es nichts gibt, das nicht für eine Idee getan werden könnte, und sie sind es, die das Gedächtnis und die Folgen ihrer Taten verwalten müssen. Sie sind innerlich andrer geworden, das wird sich in allen Äußerungen offenbaren. Auf allen Gebieten stehen ihnen noch die größten Aufgaben bevor.

Das Wäldchen 125, das donnernd und glühend in unserem Rücken versinkt, lässt seine Spuren in den Herzen der Überlebenden zurück. Auf diesen feurigen Inseln ist mehr geschehen, als man heute ahnt.“

(sb)

Teil VI:
Robert Musil; „Die Amsel“
Paul Klee; „Der Fliegerpfeil“
 
 

 

 

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