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DELETE. Auswahl und Zensur im Bildjournalismus

29 Mai 2018 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

DELETE. Auswahl und Zensur im Bildjournalismus

Eine Ausstellung zur 7. Triennale der Photographie Hamburg vom 8. Juni bis 25. November 2018

Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) widmet sich dem großen Einfluss der Medien auf die öffentliche Meinungsbildung. Am Beispiel historischer Fotografien und zeitgenössischer Positionen, etwa zu Themen wie Migration, Armut, soziale Probleme oder Bürgerkrieg, untersucht DELETE die Auswahl der Motive für die Veröffentlichung in den Medien. Wie beeinflussen Herausgeber, Redakteure, Autoren und Grafiker die Arbeit der Fotografen und die Aussagekraft ihrer Bilder? Welche Mechanismen entscheiden darüber, welche Aufnahmen gezeigt werden, und welche unsichtbar bleiben? Geleitet von diesen Fragen befasst sich das MKG mit dem Bildjournalismus der 1960er bis 1980er Jahre aus den eigenen Beständen. Der Fokus liegt dabei nicht auf Ikonen der Reportagefotografie, sondern auf Motiven, die nie gedruckt wurden.

Die Ausstellung zeigt rund 80 Arbeiten, Videos und zahlreiche Kontaktabzüge, die im Rahmen der 7. Triennale der Photographie Hamburg unter dem Motto „Breaking Point“ vom 8. Juni bis 25. November 2018 zu sehen sind. Mit Arbeiten von Hanns-Jörg Anders, Sirah Foighel-Brutmann und Eitan Efrat, Günter Hildenhagen, Ryuichi Hirokawa und Thomas Hoepker.

Die Themen der ausgewählten Arbeiten haben dabei nie an Aktualität verloren oder gerade neu an Aktualität gewonnen, wie etwa der Blick auf die anhaltenden Rassenkonflikte in den USA, die vor dem Hintergrund des Brexit neu aufkeimende Sorge um Nordirland oder der Umgang mit körperlich bzw. psychisch beeinträchtigten Menschen zeigen. Indem die Ausstellung historische Kapitel von Konflikten aufschlägt, die bis heute das Weltgeschehen bestimmen, will sie zum einen die Bedeutung der Medien für die Informationsvermittlung und Meinungsbildung hervorheben, zugleich aber auch dafür sensibilisieren, wie selektiv ihre Inhalte notwendigerweise sind und sein müssen. Den Arbeiten aus der Sammlung werden daher zeitgenössische Positionen an die Seite gestellt, die mit neuen Formen der Berichterstattung und dem Blick auf das zurzeit so prominente Thema der Migration die Wirkmacht und Einflusskraft visueller Information verdeutlichen.

 

Die Reportagebilder, die die Fotografen oft selbst in die Sammlung des MKG gegeben haben, unterscheiden sich motivisch nicht selten von denjenigen, die tatsächlich gedruckt werden. Ein Beispiel findet sich in Thomas Hoepkers epochalem Bildbericht über die USA, der im Herbst 1963 für das Magazin Kristall entsteht. In mehreren Bildern zeigt Hoepker die Kinder schwarzer Familien, die in Armut und desolaten Verhältnissen aufwachsen. Obwohl der Fotograf mit der Rassentrennung eines der drängendsten sozialen Probleme der USA anspricht, schaffen diese Bilder es nicht auf die Seiten von Kristall.

Ähnlich verhält es sich bei einer Reportage über die Eskalation der Gewalt im Nordirlandkonflikt, die Hanns-Jörg Anders 1969 für den Stern fotografiert. Das Magazin konzentriert sich in seinem Bericht ganz auf die Straßenschlachten in Belfast und Londonderry und klammert die Bilder, in denen Anders die sozialen Folgen dieses Bürgerkriegs dokumentiert, völlig aus. Während diese Beispiele verdeutlichen, dass sich mit der Bildauswahl auch entscheidet, wie man eine Geschichte erzählt, stellt sich an anderer Stelle die Frage, was man seinem Publikum zumuten darf und zumuten will.

Der japanische Journalist Ryuichi Hirokawa fotografiert 1982 die Schauplätze des Massakers von Sabra und Schatila, bei dem während des libanesischen Bürgerkriegs zwischen dem 16. und dem 18. September hunderte palästinensische Flüchtlinge getötet werden. Hirokawa zeigt die verzweifelten Überlebenden, vor allem aber die vielen in den Straßen liegenden Leichen. Und er konfrontiert die Betrachter mit den Gesichtern einzelner ermordeter Menschen. Seine Reportage wirft die bis heute unbeantwortete Frage auf, wie brutal und direkt die mediale Berichterstattung in Anbetracht der Grausamkeit der Welt aussehen darf und muss.

Auch Sirah Foighel Brutmann und Eitan Efrat beschäftigen sich in ihrem Film Printed Matter mit Pressebildern aus dem Israel-Palästina-Konflikt. Mit Material aus dem Archiv von Brutmanns Vater, dem Fotografen André Brutmann, zeigen sie, wie die jüngere Geschichte in der Chronologie von Negativen und Kontaktbögen nachvollziehbar wird. Zugleich stellen sie die Idee vom Fotografen als neutralem Beobachter in Frage und verdeutlichen, wie er als Person in sein Privatleben und das Zeitgeschehen eingebunden ist.

Günter Hildenhagen, seit Mitte der 1960er Jahre als freiberuflicher Bildjournalist in Krankenhäusern, Pflegeheimen und karitativen Einrichtungen tätig, macht die Probleme in der Versorgung der Klienten in seiner Arbeit nie direkt zum Thema. Er konzentriert sich auf Porträts einzelner Persönlichkeiten und auf Bilder, die ein gleichberechtigtes menschliches Miteinander zeigen. Besonders die enge Beziehung der Freunde Mehri und Karlheinz aus dem westfälischen Wittekindshof beschäftigt Hildenhagen eindrücklich. In seiner umfangreichen Reportage zeigt er nicht, wie vermeintlich naheliegend, die Defizite der beiden körperlich Beeinträchtigten auf, sondern thematisiert ihre Stärken und macht dadurch die ganze Tragweite ihrer persönlichen Geschichte deutlich.

Publikation:
Zur 7. Triennale der Photographie Hamburg erscheint ein Katalog mit dem Titel Breaking Point. Searching for Change im Verlag Hartmann Books, mit Beiträgen von Krzysztof Candrowicz und weiteren, 352 Seiten, ca. 300 Abbildungen, Deutsch/Englisch, 20 x 27 cm, Hardcover mit Schutzumschlag, ISBN: 978-3-96070-020-3 –  39,00 Euro.

 

Die Ausstellung ist zu sehen:
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg – Steintorplatz 1 | 20099 Hamburg

Öffnungszeiten:
Di–So 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr | Eintritt: 12 € / 8 €, Do ab 17 Uhr 8 €, bis 17 J. frei

 

Quelle und Bildquelle:
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg | www.mkg-hamburg.de

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