Home » Gesellschaft, Philosophie

Aquila non captat muscas

13 Dezember 2016 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Aquila non captat muscas – Ein Adler fängt keine Fliegen

Wer sich nur mit Kleinigkeiten beschäftigt, verliert den Blick für das Wesentliche oder verwechselt jene sogar mit diesem. Wirklich Großes wird jedoch nur der schaffen, der es lernt, von kleinem abzusehen.

Seit der Antike ist der Adler ein Symbol für Stärke, Weitblick und Erhabenheit. Nach dem Löwen zählt er zu den häufigsten Wappentieren und das nicht zu unrecht. Hoch oben über all den Kleinigkeiten niederer Gefilde liegt sein Reich. Er schwebt zwar weit über diesen, aber dennoch ist sein Blick messerscharf. Diese fokussierte Überlegenheit erlaubt es ihm, den Überblick über das Geschehen unter ihm zu behalten, ohne dabei in diesen verhängnisvollen Strudel von ‚actio et reactio‘ hineingezogen zu werden. Nur wenn er einen triftigen Grund verspürt, greift er – im wahrsten Sinne des Wortes – ein, um genauso schnell wieder dorthin zu entschwinden, wo er auch hergekommen ist ohne sich von der Schwere des Bodens einfangen zu lassen.

Von Adlern und Menschen
Der Adler lebt in drei Dimensionen. Wir Menschen, die wir uns als Könige der Erde glauben, können viel von ihm lernen. Wir leben auf dem Boden der Tatsachen und rühmen uns deswegen, dabei klopfen wir uns oft nur gegenseitig auf die Schultern, um den anderen zu erniedrigen, um ihn noch näher an den Boden der Tatsachen zu zwingen. Wir solide erdentreue Bürger kennen nur das Vor und Zurück; allenfalls das Ausweichen nach links oder rechts liegt uns im Habitus. Wenn es Ärger gibt, ducken wir uns und klammern uns an die Sicherheit des Bodens, der unsere Last zu tragen vermag. Wir leben nur in zwei Dimensionen – daran ändern auch Flugzeuge und Fahrstühle nichts.

Doch der Boden ist für Würmer da
Tag für Tag wühlen wir uns durch die Aufgaben unseres Daseins, die wir uns selbst erschaffen, um uns nicht nutzlos zu erscheinen. Wir sind doch alle so geschäftig und penibel; doch wofür das alles? Würde die Welt etwa aus den Angeln fallen, wenn die Kaffeetassen im Schrank auf einmal verkehrt herum stehen oder wenn der Verkehr in einer Stadt zum Erliegen kommen würde oder wenn unsere Wirtschaft zusammenbricht oder wenn ein riesiger Komet das gesamte intelligente Leben auf unserem Planeten vernichten würde und das noch bevor es RTL II geschafft hat?

Die einzige Welt, die dann untergehen würde, wäre die unserer Illusion, doch die Welt an sich, sie würde nicht verschwinden, sie würde sich einfach nur verändern – mehr nicht. Wie die Bakterien auf einer Fliege, die auf dem gewaltigen Hintern einer unermesslich großen Kuh Platz genommen hat, gehen wir Tag ein Tag aus vornehmlich den Aufgaben nach, die unsere biologische Prägung uns als selbstbestimmte Handlungen vorgaukelt: individuelle Erhaltung zur Arterhaltung. Karriere, Familie usw. usf. All das ist zutiefst menschlich, zutiefst in unseren Genen vorprogrammiert.

Wir haben uns das ganze Spiel nur etwas komplizierter gestaltet, mit all unseren Ideologien, Religionen, Kulturen sowie Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen. Dabei denken wir, wir wären die Könige der Welt. Das ändert jedoch nichts an der Situation: Wir alle sind nichts Besonderes und solange wir nur diesen biologischen Programmen folgen, sind wir auch nicht großartig und unterscheiden uns auch nicht von den Bakterien auf einer Fliege auf einem gewaltigen Rinderhintern.

Schließlich haben diese dort ebenfalls ihre eigenen Kulturen. Vor längerem getätigte Untersuchungen in China sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Fliegen in Elendsvierteln durchschnittlich 3,7 Millionen Bakterien mit sich herumtragen, Fliegen in den ‚besseren‘ Wohnvierteln hingegen ’nur‘ 1,9 Millionen. Neuere Untersuchungen aus unseren Gefilden berichten von immerhin noch durchschnittlich 1,25 Millionen ‚Besiedlern‘. Da haben wir Europäer es schon mit sehr privilegierten Stubenfliegen zu tun.

Dennoch sollten wir einmal daran denken, wenn sich die nächste Fliege auf unserem Essen erbricht. Das machen sie nämlich ständig, um auf diese Weise feste Nahrung vorverdauen zu können. Gewisse Menschen machen es genau anders herum, aber beide machen es, um ihr Fliegengewicht zu behalten. Beide machen es oft auch dort, wo sie ihre anderen Hinterlassenschaften hinterlassen, die einen jedoch auf dem Topf und die anderen direkt auf dem Teller, auf dem sie auch speisen. Fliegen leben nun einmal ein richtiges Schweineleben.

Nun gut, könnte man denken, aber man kann ja nicht einfach ein paar simple Bakterienkulturen mit komplexen menschlichen Gesellschaften vergleichen. Kann man doch. So simpel geht es auf einer Fliege nämlich auch nicht zu. Da kann sogar richtiggehend die Hölle los sein – die Hölle für jeden Menschen: gefährliche Infektionskrankheiten wie z.B. Cholera, Frambösie, Hepatitis, Milzbrand, Ruhr, Typhus, Trachom u.v.m. können dort ihr Stelldichein haben. Man weiß zwar nicht, wer dort wen hasst, liebt, unterdrückt und überfordert, aber der Unterschied zu uns Menschen ist nur ein gradueller und kein kategorischer – mal abgesehen davon, dass wir ein Bewusstsein haben und Bakterien (wahrscheinlich) keines.

Das Bewusstsein für unsere Lage
Genau dieses Bewusstsein sollten wir jedoch dafür nutzen, um zu erkennen, in welch offenkundig absurder Lage wir uns befinden. Wir leben, um unser Leben weiterzugeben und um zu sterben. Wir wissen aber nicht warum. Die Reaktion der meisten Menschen ist, dass sie sich unreflektiert ins Leben stürzen und einfach mal das große Gesellschaftsspiel des Lebens mitspielen. Und seien wir doch einmal ehrlich, wir alle spielen hier mehr oder minder mit. Was bleibt uns auch anderes übrig. Schließlich liefert uns unser Unwissen über die wahren Hintergründe unseres Seins und Schaffens – falls es diese überhaupt geben mag – keinen Anlass, dieses unser Zahnradleben im Getriebe der menschlichen Evolution als schändlich oder negativ zu bewerten. Es ist einfach so und wenn wir schon da sind, können wir ja auch mitspielen.

Wir sollten uns dabei jedoch immer auch bewusst sein, dass dieses Spiel und unsere Rolle darin alles andere als selbstverständlich oder weltbewegend ist. Haben wir uns jedoch erst einmal eine Familie und/oder Karriere aufgebaut, ja haben wir Herzblut investiert, dann neigen wir nämlich dazu, unreflektiert an unseren Spielcharakter und seine ach so hohe Bedeutung zu glauben. Was wir hier alle machen, unsere Rollen, Jobs und Berufe, unsere weltlichen Besitztümer und unsere gesellschaftliche Anerkennung, all dies ist ja so furchtbar bedeutend. Wir können gar nicht anders. Wir müssen daran glauben oder unsere gesamte Illusion würde in sich zusammenbrechen und wir könnten nicht mehr in den Spiegel schauen, ohne in der Tiefe unserer Augen die Fadenscheinigkeit unserer Glaubensvorstellungen zu erblicken.

Wir müssen uns erheben
Wenn wir uns normalerweise erheben, dann oft nur, um andere zu erniedrigen, aber wann waren wir das letzte Mal erhaben? Wann haben wir uns zuletzt von unserer weltlichen Rolle abstrahiert und unser Dasein von einer viel universelleren Ebene begutachtet? Von einer Ebene, die zu uns selbst steht, so wie die unsrige zu der der Bakterien auf einer Fliege am Arsche der Weltkuh?

Wann hat unser Geist das letzte Mal die Zweidimensionalität seines beschränkten Erdendenkens verlassen und sich dem Adler gleich in die dritte Dimension erhoben, die es ihm ermöglicht, über den Widrigkeiten unseres irdischen Daseins zu schweben?

So etwas ist jedoch absolut notwendig, will man größere Zusammenhänge erkennen und noch viel notwendiger, wenn man sie auch lenken und produktiv beeinflussen möchte. Auch in der Entwicklung des eigenen Körpers ist dies unabdingbar. Nur wer sich nicht in den Details von eng gesteckten Trainingssystemen und den minutiösen Grammangaben fragwürdiger Ernährungsvorschriften verirrt, sich vom kleingeistigen Treiben im Mikrokosmus nicht anstecken lässt und seine Hoffnung nicht an völlig überbewertete Supplements bindet, wird es hier zu überdurchschnittlichem Erfolg bringen.

Ebenso wie dies für solche ‚Kleinigkeiten‘ gilt, so stimmt es aber auch bei gewichtigeren Punkten: Nur wer nicht den mühsamen Pfad sauberer Entwicklung über gesundheitsgefährdende Wege abzukürzen versucht, wer auch zu Zeiten großer Umbrüche oder in widrigen Lebensumständen weiterhin der Welt des Widerstandes treu bleibt und sich auch von Stimmungsschwankungen und Motivationsproblemen nicht beirren lässt, kann und wird hier punkten.

Über den Irrungen und Wirrungen unseres Daseins stehen
Seien wir doch einmal ehrlich: Das Leben ist eine gewaltige Achterbahn. Unabhängig davon, ob man in einem kleinen Kuhkaff immer nur kleine Runden dreht oder in der grenzenlosen Gesellschaft der globalisierten Welt rasanten Loopings und Steilfahrten folgt. Es geht immer weiter. Es gibt Aufs und es gibt Abs. Kurven, Geraden, Steigungen und Neigungen. Mal geht alles ganz schnell und ein anderes Mal ist die Zeit wie aus Klebstoff.

Es wäre mehr als nur vermessen, zu glauben, dass wir all diese Entwicklungen in der Hand hätten. Wir können nun einmal nicht immer entscheiden, wohin die Reise geht und unter welchen Umständen sie stattfindet. Aber wir haben immer in der Hand, wie wir damit umgehen.

In der Erhabenheit, in der dritten Dimension unseres Denkens, über den weltlichen Dingen, Zwängen und Verhängnissen liegt unsere Macht, nur das an uns heran zu lassen, was uns voran bringt und all das, was uns schaden würde, abzuwenden. Es ist nicht der Unfall oder der Irrweg auf unserer Achterbahn des Lebens, der uns unglücklich werden lässt, sondern unsere negative Bewertung desselben. Es sind immer nur unsere eigenen negativen Gedanken in unserem Leben, die uns auch negativ beeinflussen; nie die Geschehnisse selbst.

Wenn sie einmal geschehen sind, wenn uns das Leben übel mitgespielt hat, ja wenn uns der Katabolismus bereits in den Shake gespuckt hat, dann können wir auch nichts mehr daran ändern. Da können wir bitten und betteln, heulen und klagen, wie wir wollen. Das Leben geht weiter und wir sollten darüber stehen und daraus lernen. So kann man aus allem auch einen Nutzen ziehen und es gibt nichts, was uns in unserer Entwicklung hemmen könnte, solange wir es nicht als entwicklungshemmend anerkennen.

Wenn wir dies erst einmal verstanden haben, gibt es nichts mehr, was uns auf unserer Fahrt zu bremsen vermag. Jeder Mensch hat die Macht über den Verirrungen des menschlichen Daseins zu stehen, sobald er dazu fähig ist, sich der Weitläufigkeit und des Potenzials seines eigenen Geistes bewusst zu werden.

Ein Adler fängt keine Fliegen und ein Mensch sollte sich nicht von seiner irdischen Rolle gefangen nehmen lassen. In seinem Geist schlummert die Macht, die Ketten der irdischen Zwänge zu sprengen. Die Macht, aufrecht und erhobenen Hauptes über all dem zu stehen, was ihn in die Knie zwingen könnte.

Frösche fangen Fliegen und die meisten Menschen sind Frösche. Sie leben. Sie überleben. Sie sterben. Aber sie erheben sich nicht. Sie bleiben auf dem Boden der Tatsachen und machen ihre Sprünge. Mal vor, mal zurück, mal links, mal rechts. Wer jedoch den Sprung zum Adler schafft, der erhebt sich in höhere Gefilde, der wird verstehen, dass seine geringe Chance wirklich dauerhaft Fortschritte in der eigenen Entwicklung zu machen, einzig und allein darin liegt, seine Arbeit an dieser Entwicklung unabhängig aller anderen weltlichen Entwicklungen unentwegt und unbeirrt fortzuführen.

Aquila non captat muscas. Sei der Adler. Es gibt schon genug Frösche…

(cz)

 

Bildquelle: http://www.flickr.com/photos/perroverd/3418745073/sizes/m/in/photostream/

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (8 votes, average: 4,88 out of 5)
Loading...