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Krise und Experiment

5 Juni 2011 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Heinrich von Kleist – Zum 200. Todestag des Dichters

Vor 200 Jahren nahm sich Heinrich von Kleist mit nur 34 Jahren das Leben. Heute gilt er als einer der bedeutendsten deutschen Dichter. In seiner Geburtsstadt Frankfurt an der Oder und in Berlin wird im Rahmen des Kleist-Jahres 2011 an ihn erinnert.

Höhepunkt des Kleist-Jahres ist eine Doppelausstellung in Frankfurt/O. und Berlin mit dem ungewöhnlichen Konzept: „Kleist: Krise und Experiment“. Insgesamt stehen dazu 25 Themen-Räume zur Verfügung, 20 in Berlin und 5 in Frankfurt/O. Bezüge werden darin hergestellt zu seinem Leben, z. B. seine 7 Jahre Militärzeit, die ihn besonders prägten, sowie seine zahlreichen beruflichen Lebenswege als Gelehrter, Bauer, Buchhalter oder Journalist.

Außerdem werden Bezüge zum Heute dargestellt, insbesondere an Hand der Krisenzeit unmittelbar um die Jahrhundertwende (1800), die wie heute durch mannigfaltige Unsicherheiten und Umbrüche gekennzeichnet war. Somit war der Dichter einem ständigen Wechsel von Lebensentwürfen ausgesetzt, die sich auch in seinen zuvor angesprochenen zahlreichen beruflichen Aktivitäten äußerten. Dies wiederum war dann Ausdruck eines sehr komplexen Charakters mit vielen widersprüchlichen Facetten.

Ein zusätzlicher Film im Rahmen der Ausstellung „Die Akte Kleist – ein Doku-Drama“ rekonstruiert an Hand von Polizei-Protokollen und Abschiedsbriefen die letzten Stunden des Dichters und seiner Gefährtin Henriette Vogel, die mit ihm gemeinsam den Freitod wählte.

Würdigung seines Werkes

Der zu seiner Zeit nahezu unbekannte Dichter, der kurz vor seinem Freitod finanziell am Ende und von Preußen, seinem Staat, bitter enttäuscht war, da es sich nicht gegen die napoleonische Besatzung erhob, gilt heute mit seinem im Zeitalter der Aufklärung und der Weimarer Klassik entstandenen Werk als ein seiner Zeit weit voraus Denkender und sogar für die heutige Moderne als ein durchaus würdiger Vertreter, indem er bereits Vieles vorwegzunehmen scheint: Den zermürbenden Kampf gegen eine undurchschaubare, kleinkarierte Verwaltungswelt (Michael Kohlhaas), verwirrende Geschlechterkonstellationen ( Penthesilea), gerichtliche Auseinandersetzungen mit dubiosem Ausgang (Der zerbrochene Krug mit dem Dorfrichter Adam als Angeklagter im selbst geführten Prozess) oder frauenfeindliche Gewaltszenen (Das Käthchen von Heilbronn als Ausgepeitschte) oder die Marquise von O. als Vergewaltigte. So beschreibt Kleist selbst die Welt als einen Krieg:“ Wer sie nicht umfasst halte wie ein Ringer, …….., der wird, was er will, in keinem Gespräch durchsetzen; viel weniger in einer Schlacht.“

Wenn auch Vieles, was Kleist in seiner kurzen persönlichen Vita anpackte, ihm misslang, bleibt dennoch zu konstatieren, dass er von einem „abenteuerlichen Herz“ geradezu besessen war und dieses nahezu all seinen Protagonisten angedacht hat. Diese seine Kompromisslosigkeit, mit der er sich durchzusetzen bemüht war, sollte uns auch in der heutigen Moderne Ansporn und Richtschnur sein, um unseren Idealen von echter Demokratie und wirklich humanem Wollen möglichst nahe zu kommen. Der Besuch der beiden Kleist-Ausstellungen, die noch bis zum 29. Januar 2012 geöffnet sind, könnten dazu sicherlich als Anlass dienen.

(wz)

Weitere Informationen:  http://www.heinrich-von-kleist.org/kleist-jahr-2011/

 

Quelle: Zeit, rbb, Kleist-Jahr 2011

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