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Diskriminierung von Jungen im Gesundheitssystem

11 Juni 2011 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken
Strukturelle Diskriminierung von Jungen im Gesundheitssystem
Der Medizinjournalist Lajos Schöne hat in dem sehr lesenswerten Artikel auf Welt-Online „Die Gesundheit von Jungen wird vernachlässigt“ auf die Benachteiligungen von Jungen im bundesrepublikanischen Gesundheitssystem hingewiesen. Jungen sind nachweisbar häufiger krank als Mädchen. Chronische Krankheiten treten bei Jungen doppelt so oft auf wie bei Mädchen. Jungen leiden häufiger unter Bronchitis, Neurodermitis, Asthma, Sprachstörungen, Bauchschmerzen, Zappelphilipp-Syndrom, Halsschmerzen, allergischem Schnupfen und motorischen Entwicklungsstörungen.
Ferner sind Jungen viermal öfter als Mädchen von Stottern, Legasthenie, Bettnässen und Autismus betroffen. Und nicht zuletzt erleiden Jungen viermal häufiger Stürze mit tödlichem Ausgang. Ähnliches gilt für den Tod durch Ertrinken, Verbrennungen, Vergiftungen und Verkehrsunfälle.
Während aber das Gesundheitssystem für Mädchen unzählige Angebote bereit hält, wie z.B. Mädchensprechstunden, sind jungenspezifische Hilfsangebote kaum vorhanden. „Alle hacken auf den bösen Jungen herum, dabei sind sie das eigentlich benachteiligte Geschlecht“, so die Meinung von Experten auf dem Kongress der Kinder- und Jugendärzte in Potsdam. Der Kinder- und Jugendarzt Bernhard Stier, einer der wenigen Ärzte, die sich um jungenspezifische Gesundheitsprobleme kümmern, betont: „Die gesundheitliche Benachteiligung von Jungen ist ein Paradox unseres Gesundheitssystems. Jungen haben höhere Risiken für Krankheit und Tod, dennoch gibt es mehr Versorgungsstrukturen für Mädchen und Frauen.“
Ein großes Problem besteht darin, dass viele Jungen sich nicht trauen, über ihre gesundheitlichen Probleme zu sprechen. Beschwerden sind ihnen peinlich, Hilfe suchen wird als Zeichen von Schwäche aufgefasst. Stier erläutert: „Auch männliche Jugendliche brauchen einen Arzt, der ihre spezifischen Probleme, Ängste und Verhaltensweisen versteht. Wir sollten ihnen mehr geschlechterbewusste Beratungsangebote machen, um ihre Gesundheitskompetenz zu verbessern.“
Angesichts der eklatanten Diskriminierung von Jungen im Gesundheitssystem, aber auch in anderen Bereichen (z.B. in der Bildung), stellt sich die Frage nach dem Sinn und den Aufgaben der Gleichstellungspolitik. Vieles hängt davon ab, wie man die Gleichstellungspolitik (neu) definiert. Soll sie geschlechtsspezifische Anliegen von Frauen und Männern gleichermaßen berücksichtigen oder in erster Linie ein Gleichheitsverhältnis bei der Besetzung von prestigeträchtigen Arbeitsstellen herstellen?
Die abberufene Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Goslar Monika Ebeling plädiert dafür, dass sich die Gleichstellungspolitik für die Anliegen von Jungen und Männer öffnet und nicht wie bisher einseitig auf die Probleme von Frauen konzentriert. Das bedeutet, dass zusätzlich zu den bestehenden mädchen- und frauenspezifischen Angeboten auch noch jungen- und männerspezifische Angebote bereitgestellt werden müssten. Das wäre gerechter, würde aber die Beibehaltung der Gleichstellungsbürokratie mit tausenden von Gleichstellungsbeauftragten bedeuten. Es wäre darüber hinaus höchstwahrscheinlich nicht finanzierbar. Ob geschlechtsspezifische Maßnahmen noch unter dem Namen „Gleichstellungspolitik“ durchgeführt werden sollten, bleibt eine offene Frage. Schließlich gab es schon vor der Institutionalisierung der Gleichstellungspolitik, also vor der Einrichtung der Gleichstellungsbürokratie, geschlechtsspezifische Maßnahmen, beispielsweise in der Bildung. Wäre es deshalb sinnvoller, die Gleichstellungsbürokratie allmählich abzubauen und ein anderes System zu schaffen, das sich punktuell bzw. „nach Bedarf“ geschlechtsspezifischen Anliegen von Männern und Frauen widmen würde? Auf jeden Fall sollte im Anschluss an die Ereignisse in Goslar eine breite Debatte über die Zukunft der Gleichstellungspolitik geführt werden.
(rz)
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