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Vertikales Happening im Oberengadin

8 September 2018 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Der traditionelle Engadiner Sommerlauf

Dort, wo die Herren im Winter auf den Abfahrtsski zu Tale brettern, sprinteten am 18. August die Teilnehmer des 2. Vertical Sommerlaufs hoch

Das Oberengadin gilt als das Dach Europas und ist mit seinem mondänen St. Moritz nicht nur ein Laufsteg des internationalen Jetsets, sondern auch ein Sportlerparadies. Nicht umsonst wählen viele Spitzensportler die Region für ihr Höhentrainingslager aus. In der klaren, kalten und sauberen Luft in 1800 Metern Höhe, einem sonnenreichen, trockenen Reizklima, treten keine Allergien und so gut wie keine Erkältungen auf. Das Hochtal im schweizerischen Graubünden ist eines der höchstgelegenen bewohnten Täler Europas. Die beschauliche zweistündige Anfahrt mit der Rhätischen Bahn von Chur bringt dem Reisenden die herrliche Bergwelt in homöopathischen Dosen näher. Die Bahnstrecke durchs Albulatal ins Engadin gehört mit ihren Kehrtunnels und den Schwindelerregenden Viadukten zu den malerischsten von ganz Europa. Die höchste Bahntransversale der Alpen verbindet Nord- und Südeuropa auf derart spektakuläre Weise, dass sie unter UNESCO-Schutz gestellt wurde.

Durch die archaische Schönheit der Bergwelt und das sportliche Ambiente der Region haben sich hier in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Ausdauerwettbewerbe entwickelt. Mountainbike-, Trail- und Ultrarennen, Swimrun, Triathlon und, mittlerweile bereits als langjährige Klassiker etabliert, sind Engadiner Radmarathon, Engadiner Skimarathon und Engadiner Sommerlauf. Die Landschaft und das Klima scheint die Menschen zu inspirieren, es herrscht eine ausgeprägte Sport- und Körperkultur. Überall wird geradelt, gelaufen, geskatet, gewandert, geklettert, gesurft. Subjektiv hat man das Gefühl, das für einmal die Fetten, Dekadenten und Zivilisationsgeschädigten in der Minderheit sind…

Der Engadiner Sommerlauf ist nach dem Skimarathon, der bereits seit 1969 stattfindet, der zweitälteste Laufwettbewerb. Er zieht alljährlich weit über 2000 Teilnehmer an und führt über 25 Kilometer flach entlang der Seenplatte, die sich wie eine Perlenkette durch das Oberengadin zieht. Mit der 38. Edition im letzten Jahr wurde aus dem Engadiner Sommerlauf jedoch ein Zweitages-Event. Das Organisationskomitee wollte den Teilnehmenden eine neue Herausforderung anbieten und ihnen das Engadin aus der Höhe zeigen. Auf Bewährtem aufbauen und Optimierungen vornehmen lautete das Ziel. Also, wurde am Vortag mit dem „Vertical Sommerlauf“ eine äußerst erfolgreiche Premiere lanciert. Die Strecke führte von St. Moritz Dorf über die Treppe Richtung Salastrains, wo auf die Piste der Ski WM-Herrenabfahrt gewechselt wurde. Den Abschluss des Rennens machte der legendäre Starthang, der so genannte Freie Fall mit 45% Neigung. Dort, in 2840 m ü. M., wo sich im Winter die Rennfahrer aus dem Kabäuschen auf die Piste stürzen und in Nullkommanix eine Geschwindigkeit von 140 km/h erreichen, lag das spektakuläre, hochalpine Ziel. Beim Freien Fall (was der Autor sonst nur vom Fallschirmspringen kennt…) handelt es sich übrigens um den steilsten Start aller Herrenskiabfahrten. Auf diese Weise diente der Freie Fall diesmal als Ziel und nicht wie sonst im Winter als Start. Mit 5,5 km und 1000 Höhenmetern wurde es beim flachen Engadiner Sommerlauf nun doch noch steil. Zudem sind Vertikalrennen mit möglichst vielen Höhenmetern auf kurzer Distanz sehr im Trend.

Mit 190 Anmeldungen legte der 2. Vertical Sommerlauf am Samstagmittag um 13 Uhr in der Fußgängerzone von St. Moritz einen wahrlich steilen Start hin. Vorneweg etliche Schweizer Nachwuchsläufer aus den alpinen Skidisziplinen, viele davon Mitglied im Nationalteam. Auch viele Jugendliche beteiligten sich an dem Extremaufstieg, da der Start ab 14 Jahren frei gegeben war. Daneben zahlreiche Laufgäste aus Deutschland und Italien, von denen nicht wenige auch den Engadiner Sommerlauf am Folgetag unter die Füße nahmen. Die Bedingungen waren recht Läuferfreundlich, es blieb trocken und die Regenfälle in der Nacht davor beeinträchtigten die Strecke nicht.

Schon bald nach dem Start endete der Vorwärtsdrang abrupt vor einer steilen Treppe: Kletterstau in der Vertikalen Rush Hour! Dieser löste sich erst rund 800 Meter später, als es auf laufbarer Asphaltstraße und dann einem Kiesweg, vorbei an den letzten Häusern von St. Moritz, weiter nach oben ging. Als das Hotel Salastrains passiert war, begann die Piste der FIS Alpinen Ski-Weltmeisterschaften, die im Februar 2017 bereits das fünfte Mal in St. Moritz ausgetragen wurden. Daneben durfte die schillernde Alpenmetropole in den Jahren 1928 und 1948 auch zwei Olympische Winterspiele zelebrieren.

Jetzt, nach rund 2 ½ Kilometern, war’s vorbei mit Laufen und es ging –je nach Trainingszustand und körperlicher Verfassung- im Sturm- oder Schleichschritt Direttissima in die Höhe. Kurze Erleichterung verschaffte ein Blick zurück ins Tal: Diese Berge, diese Seen, dieses Licht! Das ist kein platter Werbespruch der Tourismusorganisation Engadin-St. Moritz, sondern beschreibt genau die Stimmung und Atmosphäre wie sie zumeist im Oberengadin anzutreffen ist. Hier gibt es überdurchschnittlich viel Sonnenschein und ausgesprochen wenig Niederschlag. Oberhalb von Maloja entspringt der Inn. Und dieser Fluss ist es, der dem Hochtal seinen Namen gab: Engadin bedeutet in seiner romanischen Urform „Garten des Inns“. Das Wasser prägt den Charakter des Engadins. Wilde Bergbäche und Trinkwassersaubere Bergseen machen es zu einem hochalpinen Wasserparadies. Schon Schriftsteller wie Nietzsche, Künstler wie Beuys und Musiker wie David Bowie ließen sich von der fantastischen Weite und diesem zauberhaften Land inspirieren.

Zu den zahlreichen Schlachtenbummlern, die die Vertikalläufer lautstark und mit Kuhglocken bergauf trieben, säumten nun auch ganze Herden von Almkühen die Piste. Die Senkrechte ging nach rund einem Kilometer in steile Wanderwege und Trails über, die etwas flotter zu begehen waren. Schon bald tauchten die Lawinenverbauungen mit den finalen Stahltreppen auf und das Ziel kündigte sich mit lautstarker Moderation an. Ein lang gezogenes Geröllfeld markierte den Einstieg zum Freien Fall. Im Gegensatz zu den Skirennfahrern, die letztes Jahr bei der WM wegen Schlechtwetter nicht auf dem Freien Fall starten durften, konnten die Vertikalathleten diesen, teilweise auf allen Vieren und im Schlussstück auf in den Hang gebauten Stahltreppen, erfolgreich erobern. Auf der Zielplattform dudelte Helene Fischers „Atemlos“, was hier auch durchaus zutraf. Atem- und Sprachlos machte aber auch das gewaltige Bergpanorama mit einer ganzen Galerie von Eisriesen, dass jeder der 166 Finisher mit einem Döschen prickelnden Hopfentees von einer bekannten Münchner Brauerei geniessen durfte.

Das nächste Highlight stand an, denn für 50 Schweizer Fränkli Startgeld wurde den Vertikalathleten nicht nur ein spektakuläres Rennen geboten. Mit schweren Beinen ging’s die Stahlstufen hinab bis zur Zwischenstation der Bergbahn, wo die Wechselkleidung deponiert war. Von hier runter zur Seilbahnstation Corviglia auf 2456 Meter, wo im Bergrestaurant ein gepflegtes Buffet aufgebaut war und die Siegerehrung stattfand. Die Siege machten erwartungsgemäß die Skifahrer unter sich aus. Erster wurde mit 48:22 Minuten der erst 19 Jahre junge Forstwart-Auszubildende Flurin Wehrli aus Pontresina, einem Langläufer des Stützpunkt Engadin Nordic. Keine 5 Minuten später stürmte auf dem 14. Gesamtrang die ehemalige Spitzenlangläuferin Flurina Eichholzer aus Zernez in 53:04 Minuten ins Ziel. Die Erwartung aller Teilnehmer wurde weit übertroffen und die zahlreichen, durchwegs positiven Feedbacks, sowie die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Partnern und Sponsoren bestätigten dem Organisationskomitee, dass eine dritte Auflage des Vertical Sommerlaufs ihre Berechtigung hat.

(Stefan Schlett)

 

 

Fakten

Der 3. Vertical Sommerlauf ist für den 17. August 2019 terminiert und der 40. Engadiner Sommerlauf mit Muragl-Lauf (11,7 km) und Kids-Race findet am 18. August 2019 statt. Informationen für beide Events findet man auf:www.engadiner-sommerlauf.ch

Die Schweiz ist eines der großartigsten Länder Europas. Im Extremsport ist sie nach Frankreich Vizeweltmeister. Das Schweizer Hotelgewerbe und die Gastronomie sind Weltklasse. Und das Oberengadin ist das Sahnehäubchen des Landes. Hier oben ist es fast schon kitschig schön…

Im Engadin gibt es hunderte von Kilometern Wanderwege, Biketrails, Lauf- und Inlinestrecken. Golfplätze, Surfzentren, Klettersteige, knackige Singletrails, Hochseilgärten und vieles mehr ergänzen das Angebot. Die Bündner Alpen sind zudem ein Eldorado für Alpinisten. Dutzende von Dreitausendern können erklommen werden.

St. Moritz, die schillernde Alpendestination im Zentrum des Engadin bekam ursprünglich Bedeutung durch seine Heilquellen, die seit 3000 Jahren bekannt sind. Die legendären Luxushotels (fünf von acht 5-Sterne-Häusern in der Region thronen hier) sorgen seit den goldenen Zwanzigern für Glanz und Glamour und beherbergten alles, was Rang und Namen hatte: vom Schah von Persien über Charlie Chaplin bis Enrico Caruso. Der Magie von St. Moritz, so sagte Rolf Sachs einmal, bleibe jeder, der einmal da war, verfallen.

Touristische Informationen zum gesamten Engadin: www.engadin.stmoritz.ch

 

 

Queller/Bildquelle: Stefan Schlett, www.engadin.stmoritz.ch

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