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Vater, die Rolle seines Lebens

12 Juni 2011 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Der Vater als Hauptperson: neun Projekte von Fotokünstlern

Der Gruner + Jahr Verlag hat im  November 2010 das GeoWissen Heft „Väter was sie so besonders macht“ herausgegeben und dieses durch eine (DVD) ergänzt.

Themen, die den Vater von heute beschäftigen:

Inhalt:

Wie Väter ihre Kinder prägen : Neue Erkenntnisse der Familienforschung

Fall vom Gipfel der Macht : Historisch gesehen hat der Vater an Autorität verloren

Am Anfang eines neuen Weges:Endet die Vaterschaft, wenn der Sohn 18 wird? Harald Martenstein hat darüber auf einer langen Wanderung mit seinem Sohn David nachgedacht.

Ist dieses Kind wirklich von mir?: Zweifel an der biologischen Vaterschaft – und ihre Folgen

Interview: Wenn der Vater fehlt: Wer seinen leiblichen Vater niemals kennengelernt hat, leidet darunter ein Leben lang, sagt der Psychoanalytiker Horst Petri.

Der Mann fürs Leben: Die Art und Weise, wie ein Vater mit seiner Tochter umgeht, beeinflusst ihr Leben fundamental. Selbst wenn sie das Elternhaus schon lange verlassen hat.

Im Reich der Mütter: Weshalb die Mosuo in China das Prinzip Vaterschaft nicht kennen

Der Blick auf das Böse: Heidi Kastner begutachtet Väter, die missbrauchen und morden

Dossier: Von Liebe und Hass: Frauen und Männer schreiben über die Beziehung zu ihrem Vater

Männer unter sich: Väter sind nicht nur Vorbilder für ihre Söhne – sie sind auch Konkurrenten

Kinder zeugen? Besser als junger Mann: Warum eine späte Vaterschaft der Gesundheit der Kinder schaden kann

Krieg um die Kinder: Wenn Partnerschaften scheitern, beginnt oft der Kampf ums Sorgerecht

Die 400 Kinder des Kirk Maxey: Kirk Maxey ist möglicherweise Vater von 400 Nachkommen, denn eine Klinik verkaufte ohne sein Wissen sein Erbgut.

(DVD: Der entsorgte Vater. Wenn Väter ihre Kinder nicht mehr sehen dürfen; ein Dokumentarfilm von Douglas Wolfsperger der aus radikal subjektiver Perspektive zeigt, wie manchen Männern der Umgang mit ihren Kindern verwehrt wird.)

Auszug 1 aus der Ausgabe GEO WISSEN „Väter“:

Am Anfang eines neuen Weges

„Geht die Vaterschaft bei einem 18-jährigen Sohn langsam zu Ende? Bleibt man nur noch als Finanzier interessant, als Erzeuger, zu dem der Nachwuchs höflich Kontakt hält?

Irgendwann ist es so weit, und der Vater wird entidealisiert – auch, weil nach und nach seine körperlichen Grenzen sichtbar werden“.

Mein Sohn und ich fahren jedes Jahr für ein oder zwei Wochen gemeinsam in Urlaub. Wir waren in Disneyland und in New York, wir sind mit dem Wohnmobil durch Deutschland gefahren und mit dem Fahrrad von Berlin an die Ostsee. Wir haben die Weltausstellung in Lissabon besucht, den Vesuv und die Ruinen von Pompeji.

Unsere erste Reise ging nach Kreta, mein Sohn war zweieinhalb, wir trugen beide Rucksäcke. Als er ein Baby war, hatte ich übrigens Erziehungsurlaub gemacht, sechs Monate, mehr konnten wir uns finanziell nicht leisten. Die Zeit war schön, Hausmann ist in meinen Augen ein attraktiver Job, solange es zeitlich begrenzt bleibt.

Ein Kind, das ist für die meisten Männer meiner Generation und für die Jüngeren wohl erst recht, ein Projekt, eines der Großprojekte unseres Lebens. Man will es richtig machen. Man hat, auch, Ehrgeiz. Beruflich ist man natürlich stark eingespannt. Das schlechte Gewissen, von dem viele berufstätige Mütter berichten, dieses Gefühl, es allen Seiten recht machen zu wollen, Kind, Beruf, Haushalt, Partner, dieses Gefühl kennen wir Männer inzwischen ebenfalls. Vielleicht verdrängen wir besser.

Sechzehn Reisen.

Jetzt ist mein Sohn 18, er hat zum letzten Mal im Leben Sommerferien. Er hat sich ein Interrail-Ticket gekauft, ist mit Freunden kreuz und quer durch Europa getingelt, Übernachtungen auf Bahnsteigen und Campingplätzen, ich habe mit 18 das Gleiche gemacht.

Als ich ihn fragte, ob wir trotzdem wieder zusammen auf Tour gehen, hat er sofort Ja gesagt. Wir wandern eine Woche lang in Südfrankreich, Ardèche, Streckenwanderung, Mittelgebirge, wegen der Höhenunterschiede körperlich nicht ganz einfach. Das Gepäck wird von Hotel zu Hotel transportiert.

„Wir reden über Fußball – wenn überhaupt“.

Wenn wir zusammen unterwegs sind, führen wir keine tiefschürfenden Gespräche über die Dinge des Lebens. Es ist nicht wie im Fernsehen, wenn eine Vater-Sohn-Schnulze läuft. Wir reden nicht über Männlichkeit oder über Mädchen oder über Berufswahl. Politik? Manchmal. Wir reden über Fußball, zum Beispiel. Wenn überhaupt. Es kann auch sein, dass wir einfach nur schweigend Zeitung lesen. Ich frage nicht viel. Das nervt ihn doch nur.

Ich wollte ein guter Vater sein. Wie das genau geht, wusste ich nicht. Bin ich inzwischen klüger geworden? Ein Vater ist kein Therapeut, sage ich mir, auch kein Kumpel, ein Vater ist … irgendwas anderes.

Ein Vater weiß heute ziemlich genau, was er alles nicht sein soll: nicht autoritär, kein Tyrann, natürlich nicht gleichgültig, nein, durchaus interessiert. Erziehend, wenn es sein muss, bequemes Laisser-faire ist jedenfalls keine Lösung, aber auch nicht distanzlos und übergriffig. Nicht abwesend, nicht übermächtig oder erdrückend, keiner, der versucht, lediglich locker vom Hocker ein Freund zu sein und sein Vatertum zu vertuschen.

Das alles soll ich nicht sein, aber was, zum Teufel, statt dessen? Ich habe mich durchgewurstelt, je nach Situation. Ich habe versucht, die berühmte Regieanweisung von Rainer Werner Fassbinder umzusetzen. In seinem letzten Film hat er mit dem Weltstar Jeanne Moreau gedreht, und als sie wissen wollte, wie sie ihre Rolle anlegen soll, sagte er: „Just be great.“ Seien Sie einfach toll, der Rest wird sich finden.

Etwas Besseres ist für uns Väter im Moment nicht im Angebot.

„Zu meinem Sohn bin ich meist netter als er zu mir“

Erster Tag. Nach einer langen Reise kommen wir im Hotel an, schönes Haus, gutes Essen, aber eine unverschämte Kellnerin. Wir setzen uns an einen Vierertisch – das Lokal ist fast leer –, sie scheucht uns an einen Zweiertisch. Das mag ich nicht, zumindest hätte sie höflicher sein können. Mein Sohn sagt: „Jetzt hast du wieder den ganzen Abend schlechte Laune.“ Gut beobachtet. Könnte man aber auch netter sagen. Auffällig ist, dass ich zu meinem Sohn meistens netter bin als er zu mir.

Wie ist das, wenn ein Kind erwachsen wird? Auf der einen Seite gibt es diese Ablösungsrituale, Distanzierung, Kritik, das weiß man ja heutzutage alles. Der Vater wird entidealisiert. Das soll mein Sohn ruhig machen. Kein Problem. Auf der anderen Seite ist aus dem Kind ein fast fertiger Mensch mit Gewohnheiten und Eigenschaften geworden, die man halt akzeptieren muss. Während des Aufwachsens ist einem das Kind immer wieder fremd, es verwandelt sich ständig in einen neuen Menschen, streift die alte Haut ab, eine Phase nach der anderen.

So, wie es jetzt ist, wird es wohl bleiben. Man muss sich mit diesem Menschen und seinen Eigenarten arrangieren wie mit einem Lebenspartner. Das ist die neue Aufgabe.

Text von Harald Martenstein

Auszug 2:

Interview: Wenn der Vater fehlt

Wer seinen leiblichen Vater niemals kennengelernt hat, leidet darunter ein Leben lang, sagt der Psychoanalytiker Horst Petri.

GEO WISSEN: Herr Professor Petri, in der Psychoanalyse spielte der Verlust des Vaters lange Zeit keine Rolle, selbst Sigmund Freud hat kaum ein Wort dazu verloren. Weshalb?

HORST PETRI: Freud hat in seinem Werk „Die Traumdeutung“ geschrieben, dass der Tod des Vaters „das bedeutsamste Ereignis, der entscheidende Verlust im Leben eines Mannes“ sei. Er bezog das ausdrücklich auch auf sich. Aber weiter beschäftigt hat er sich mit dem Thema nicht. Womöglich hat es ihn zu schmerzlich an die durch den Tod des eigenen Vaters entstandene tiefe Kränkung erinnert. Außerdem beschäftigte sich die Psychologie damals vor allem mit der frühen Kindheit und der Mutter-Kind-Beziehung. Der Vater war eine zu vernachlässigende Größe für das Wohlergehen der Kinder.

Was war für Sie der Anlass, das Thema schließlich doch ans Tageslicht zu heben?

Ich sollte Mitte der 1990er Jahre einen Vortrag mit dem Titel „Der abwesende Vater“ halten, stellte aber fest, dass es dazu kaum substanzielle Fachliteratur gab. Ich habe gesagt, dass ich darüber erst einmal länger nachdenken müsse. Und dann hat mich das Thema plötzlich gefangen genommen.

Weil Ihnen klar wurde, dass es Sie auch persönlich betrifft.

Ich habe mir zunächst die Akten meiner früheren Patienten vorgenommen – und mit Erschrecken festgestellt, dass sehr viele von ihnen vaterlos aufgewachsen sind. Das hatte ich in den Sitzungen mit ihnen nicht thematisiert. Ein zweites Erschrecken setzte ein, als ich begriff, dass auch ich selbst von einer langjährigen Vaterabwesenheit betroffen war. Zwischen meinem dritten und neunten Lebensjahr war mein Vater praktisch nie zu Hause, sondern damit beschäftigt, Brücken für die Reichsautobahnen zu bauen. Es gab in der Zeit keine richtige Bindung zwischen uns. Darauf hätte ich spätestens stoßen müssen, als ich mich während meiner psychoanalytischen Ausbildung einer Lehranalyse unterzog. Aber auch da spielte die Vaterabwesenheit keine Rolle.

Sie haben dann den Begriff „Vaterentbehrung“ geprägt. Ein sehr sperriges Wort.

Es ist dem Begriff der „Mutterentbehrung“ entlehnt, der sich auf Kinder bezieht, die in Heimen und Krankenhäusern groß wurden. Vaterentbehrung beschreibt unterschiedliche Konstellationen: etwa die Vaterlosigkeit, wenn es für das Kind nie einen Vater gegeben hat. Dann den Verlust, den man erleidet, wenn der Vater stirbt oder dauerhaft verschwindet. Und schließlich die Vaterabwesenheit – von der jahrelangen Kriegsabwesenheit bis hin zum geschiedenen Wochenendvater.

Was davon ist am schlimmsten für Kinder?

Sicherlich die Tatsache, nie einen Vater gehabt zu haben. Anthropologisch gilt es heute als gesichert, dass es ein großes Bedürfnis von Kindern gibt, sich in der Dreier-Konstellation mit Mutter und Vater zu entwickeln. Wenn allerdings die Mutter in relativ kurzer Zeit eine neue, stabile Partnerschaft eingeht, also ein Ersatzvater da ist, ist der Verlust nicht ganz so dramatisch. Aber auch dieses Kind wird sich irgendwann über die biologische Herkunft Gedanken machen, will wissen, woher es eigentlich stammt – das belegen Tausende Krankengeschichten.

Finden sich Kinder, die nie einen Vater gehabt haben, möglicherweise eher mit dem Verlust ab als Kinder, die ihn bewusst erleiden? Die eine Trennung der Eltern miterleben müssen?

Es spielt natürlich eine wichtige Rolle, wie der Vater verloren wurde und wie die Familie damit umgeht. Wenn dem Sohn vermittelt wird, was für ein wunderbarer Mensch der Vater gewesen ist, dann kann es sein, dass der Sohn sich mit dem positiven Vaterbild identifiziert und es auf sich bezieht. Aber es besteht auch die Gefahr, dass der tote Vater derart idealisiert wird, dass er für den Sohn ein unerreichbarer Held wird, an dem er immer wieder scheitert.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Ich hatte einen 53-jährigen Patienten, der in den vergangenen Jahren einige berufliche Misserfolge überwinden musste. Er hatte seinen im Krieg gefallenen Vater nie kennengelernt. Da er aber das einzige Kind war, projizierte die Mutter alle positiven Eigenschaften ihres Mannes auf den Sohn, erzählte ihm ständig, wie erfolgreich der Vater als junger Architekt war. Ich fragte ihn, ob seine heutige Krise wohl etwas damit zu tun habe, dass er die seinem Vater zugesprochene Größe niemals erreichen könne. Das beschäftigte ihn intensiv. In den Folgestunden konnten wir das übermächtige Vorbild langsam sterben lassen. Und der Patient konnte sich auf die Frage konzentrieren, wer er denn eigentlich selbst ist. Bald löste sich auch seine berufliche Blockade und sein Stimmungstief.

Bei der Generation der heutigen jungen Väter ist die Vaterentbehrung meist eine Folge der Trennung der Eltern. Ändert sich damit auch die Symptomatik?

Diese Männer verleugnen den frühen Schmerz meist völlig, sagen, dass der Vater schon lange kein Thema mehr für sie ist, weil sie ihn seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben und sie bei der Mutter aufgewachsen sind. Aber dann sitzen die plötzlich bei mir und brauchen Hilfe. Ich habe vier Patienten im Alter zwischen 30 und 40 Jahren, die alle kleine Kinder haben. Die Frauen halten es mit den Männern nicht mehr aus, weil sie unfähig sind, empathisch auf die Familie einzugehen. Sie sind sehr leistungsorientiert, sehr tüchtig und erfolgreich – aber emotional wie zugeschnürt.

Immerhin kommen diese Männer überhaupt zu Ihnen.

Oft aber erst nach einer Trennung, oder wenn die Frau ihnen gesagt hat, dass sie sich trennen will. Für die Männer bricht eine Welt zusammen, sie sind oft völlig hilflos, entwickeln schwere Verlassensängste und Depressionen. In den Gesprächen stellt sich dann heraus, dass sich diese Männer bislang kaum um die Kinder gekümmert haben, sie aber nun wie wild um die Familie kämpfen. Sie versuchen, ihre Schuldgefühle loszuwerden und sich als guter Vater zu profilieren, alles Versäumte nachzuholen. Dabei sind sie häufig so überfürsorglich und vereinnahmend, dass die Kinder in ihrer freien Entwicklung erheblich eingeschränkt werden.

Und das ist eine Folge der eigenen Vaterentbehrung?

Sie haben aufgrund dieser Entbehrung nie gelernt, eine gute Bindungsqualität zum anderen Geschlecht und zu den eigenen Kindern zu entwickeln. Ihre Gefühlsbindungen zu nahen Personen haben an Tiefe verloren. Und dann kommt es zur sogenannten transgenerationalen Weitergabe des Traumas: Sie vernachlässigen die eigenen Kinder, weil sie das selber nicht anders erlebt haben und ohnehin davon ausgehen, dass sie entbehrlich sind.

Horst Petri, 74, hat in seiner Berliner Praxis für Psychotherapie schon viele vaterlos aufgewachsene Männer behandelt.

 

Auszug 3:

Die 400 Kinder des Kirk Maxey

Kirk Maxey ist möglicherweise Vater von 400 Nachkommen, denn eine Klinik verkaufte ohne sein Wissen sein Erbgut.

Neulich ist ihm in einem Fernsehfilm ein junger Schauspieler aufgefallen, der bewegte sich ziemlich genau so wie er früher, und er ähnelte ihm auch ein wenig. Der könnte von mir sein, hat Kirk Maxey gedacht. Auf der Straße passiert ihm so etwas auch manchmal. Die Frau an der Ampel? Der Kerl, der ihm gestern im Supermarkt blöd gekommen ist?

Dass hier in Ann Arbor, einem kleinen Universitätsstädtchen in Michigan, mehr Nachkommen von ihm herumlaufen, als ihm lieb ist, davon geht Kirk Maxey fest aus. Doch gestattet er sich eigentlich nicht, solchen Gedanken nachzuhängen. Er will sich nicht verrückt machen, nur weil ihn irgendjemand an ihn selbst erinnert.

Ohnehin hat er schon mehr als genug Probleme. Seit er auf Druck der Bank in seinem Pharma-Unternehmen zehn Mitarbeiter entlassen musste, fühlt sich der 55-Jährige im Würgegriff der Finanzinstitute. Seine Frau ist seit sechs Monaten seine Ex-Frau und letzte Nacht wurde in seiner Firma eingebrochen.

Ohnehin reden sie im Betrieb schon mehr als genug über ihn. Es kann die Autorität eines Chefs untergraben, wenn hinter vorgehaltener Hand über dessen Sperma gesprochen wird. Kirk Maxey wischt sich den Schweiß von der Stirn, blinzelt in die hoch stehende Mittagssonne.

Federnden Schrittes geht er über den Rasen vor seinem Haus, vorbei an dem Bienenstock, in die von ihm selbst ausgebaute Scheune. Dort schneidet er mit einem langen Messer Stück für Stück Bienenwaben vom Brett, füllt sie in eine Blech-Zentrifuge mit Handkurbel, gießt den noch ungefilterten Roh-Honig in Gläser ab, die er eine halbe Stunde im Wasserbad erhitzt, und seiht dann den Inhalt durch.

Ein Samenspender und die Folgen seines Tuns

Das Honigmachen beruhigt ihn sehr. Morgen wird er in der Firma wieder Gläser verschenken. Gut, mit dem Gerede hat er rechnen müssen, nachdem er seine Vergangenheit öffentlich gemacht hatte und sogar sein entziffertes Erbgut für jedermann sichtbar ins Internet stellen ließ. Aber er hat es ja nicht zum Spaß gemacht. Oder leichtfertig. Nein, er, Kirk Maxey, hat den Schutz seiner Anonymität verlassen, weil ihn die Konsequenzen seiner Zeit als Samenspender bedrücken.

Weil er sichergehen will, dass er gesunde Kinder in die Welt gesetzt hat. Weil er nach seinen eigenen, sehr zurückhaltenden Schätzungen Vater von mindestens 400 Kindern ist, die er nicht kennt. Gesichtslose Wesen, Leerstellen im Puzzle seines Lebens.

Objektiv betrachtet, kann eine Frau, die einen Samenspender sucht, auf sehr viel schlechtere Alternativen stoßen als auf ihn. Mit ein bisschen Fantasie sieht er aus wie Paul Newman in seinen späteren Jahren. Er hat zwei Studiengänge beendet und zwei Ehen, aus denen vier äußerst vorzeigbare Kinder stammen. Er führt ein Unternehmen mit 250 Mitarbeitern, ist kultiviert und geduldig, lebt gesund und redet mit sanfter Stimme.

Dies ist seine Geschichte. Kirk Maxey war Anfang der 1980er Jahre Medizinstudent und frisch verheiratet. Seine Frau arbeitete als Krankenschwester in einer Klinik für künstliche Befruchtungen, 100 Meilen westlich von Ann Arbor. Dort suchten sie Samenspender.

Er gab seinen Samen und redete nicht darüber, weil man das damals nicht tat. Fragen nach Krankheiten gab es anfangs ebenso wenig wie gründliche medizinische Untersuchungen. Zunächst habe ein altruistisches Motiv bei ihm im Vordergrund gestanden. Er und seine Frau hatten gerade ihren ersten Sohn bekommen und viel Freude an ihm. „Also hielt ich es für eine gute und ehrenwerte Sache, anderen Paaren zu helfen.“

Die Klinik verlangt zwei Portionen pro Woche

Die Regelung war klar: Die Samenproben, für die er jeweils 20 Dollar erhielt, waren ausschließlich für heterosexuelle Paare bestimmt, bei denen der Mann unfruchtbar war – anders als heute, da mindestens die Hälfte der Ware an alleinstehende Frauen oder lesbische Paare verkauft wird. Dann wechselte er an eine andere Klinik. Die verlangte zwei Samenspenden pro Woche. Auf seine Frage, wieso so viele erwünscht seien, erklärte man ihm, die Klinik arbeite an einem großen Entwicklungsprogramm zu Forschungszwecken.

Maxey fragte nicht weiter nach. „Ich hab die Verantwortung auf die Männer mit den weißen Kitteln übertragen.“An der Klinik gab es das sogenannte Masturbatorium, einen kleinen, mit zweckdienlichen Heften ausgelegten Raum, den Maxey in der Regel lieber mied. „Man braucht dort einfach länger.“ Er erledigte seine Aufgabe lieber daheim und brachte das Resultat abgefüllt und verschraubt zu einem Assistenten, der ihn zuvor auf Geschlechtskrankheiten untersucht hatte.

Vor dem gab es keine Geheimnisse. „Er sagte mir, wenn es seiner Meinung nach beim letzten Mal zu wenig gewesen war. Und er erklärte auch, warum es zu wenig war.“ Maxey lernte, dass er zwei Tage vor dem Spendetermin keinen Sex haben durfte. Und so kam es damals manchmal zu Gesprächen, die etwa so verliefen: „Hmm, Kirk, was ist passiert, da ist ja nichts drin.“ „Oh, tut mir leid, mir war gestern so romantisch zumute.“

Seine Frau habe ihn manchmal geneckt: „Zum Teufel mit der Samenbank, ich zahl dir 40 Dollar!“ Kirk Maxey sagt, es gab Wege, das eigene Sexualleben so zu managen, dass es nicht litt (am besten direkt nach der Spende!), aber natürlich habe es Konflikte gegeben zwischen den Ansprüchen der Klinik und denen des Ehelebens.

Sicherlich spielte bei Maxey auch Eitelkeit mit, jenes erhebende Gefühl des Auserwähltseins. Nur etwa jeder zehnte Mann liefert ein Ejakulat, das auch nach sechs Monaten in flüssigem Stickstoff noch eine ausreichend hohe Anzahl an beweglichen Spermien enthält. Und die von Kirk Maxey waren außergewöhnlich beweglich. —

 

Von dem Test im Geo Wissen „Väter“: „Bin ich ein guter Vater“ ist abzuraten! Was sagt schon ein Test über einen Mann aus. Was heißt eigentlich gut und schlecht in der heutigen Zeit; ist es nicht immer eine Betrachtungsweise? Was haben die Personen für eine Vita,  die diesen Test mit der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg 2007 zusammengestellt und aus dem englischen von der University of New Orleans (1991) abgeleitet haben?

(rz)

Broschiert: 160 Seiten

Verlag: Gruner + Jahr AG & Co.

Auflage: 1., Aufl. (10. November 2010)

ISBN-10: 3570199428

ISBN-13: 978-3570199428

 

http://www.amazon.de/GEO-Wissen-mit-2010-V%C3%A4ter/dp/3652000447/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1307878678&sr=8-2

 

 

Quelle: GeoWissen http://www.geo.de/GEO/heftreihen/geo_wissen/65994.html

 

 

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