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Migräneforschung

30 Oktober 2018 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

„Die Migräneforschung hat mich bis heute nicht wieder losgelassen“

Markus Dahlem ist theoretischer Physiker – und Migräneforscher. Außerdem ist er Mitgründer der Migräne- & Kopfschmerz-App M-sense und verfolgt das Ziel, die Welt der Migränetherapie zu revolutionieren und Betroffenen alternative Behandlungsmethoden aufzuzeigen. In diesem Interview erklärt Dahlem, dass Physik und Migräne ganz wunderbar zusammenpassen, wie die Idee zu M-sense entstand und warum jeder zu seinem eigenen Gesundheits-Experten werden sollte.

Markus, wie hat es dich als Physiker in die Migräneforschung verschlagen?

Theoretische Physiker schauen gerne zu fernen Galaxien und fragen, wieso diese Sternhaufen Spiralen bilden. Das hat auch mich fasziniert. Nur waren Galaxien mir zu fern. Als ich im Labor von Otto Creutzfeldt Anfang der 1990 Jahre hörte, dass es Spiralen im Gehirn gibt und diese Migräne auslösen, war mir schnell klar: Darüber will ich forschen. Die Migräneforschung hat mich bis heute nicht wieder losgelassen. Damals beschäftigte mich, wie im Gehirn ein Muster wie die Spiralwelle entsteht und welche Konsequenzen das hat. Heute suche ich weiter nach Erklärungen für Muster. Dabei versuchen wir auch mit M-sense Muster in den individuellen Migräneattacken zu erkennen. Die analytischen Methoden der Physik helfen uns dabei zu verstehen, wie Migräneattacken sich nach und nach verstärken.

Auf welchen Gebieten bewegt sich deine Forschung?

Zu welchen Erkenntnissen konntest du bisher kommen? Für Migräneanfälle sind anhaltende elektrische Entladungen von Nerven verantwortlich, welche die schon erwähnten spiralförmigen Wellen bilden. Nachdem ich mit dazu beitragen konnte, die Entstehung dieser Spiralen zu entschlüsseln, habe ich mich gefragt, was eigentlich vor den Spiralen im Gehirn geschieht. Die Betroffenen spüren ja lange vor den Attacken, wie diese herannahen. Also geschieht etwas, lange bevor die Spiralwelle entsteht. Was aber ist das? Die Antwort darauf kann man sich wie einen Schalter im Gehirn vorstellen, der von Stress und anderen Auslösern umgekippt wird und das Gehirn erst anfällig für die Attacken macht. Dieses Umkippen kann mit Hilfe von mathematischen Algorithmen analysiert, abgebildet und prognostiziert werden. Was genau die Schalter im Kopf jedoch umlegt, ist bei jedem Menschen individuell unterschiedlich, aber mit M-sense sammeln wir immer wieder neue Daten und Erkenntnisse zu diesen Trigger-Faktoren, die auch für die Forschung relevant sind.

Wann und wie ist dann die Idee für M-sense entstanden?

Von uns Gründern leidet keiner unter Migräne – obwohl einer gerade seine erste Aura hatte. Startup ist viel Stress. Aber das ist nicht unsere Gründungsgeschichte. Sie begann mit unserem CEO Stefan Greiner, dessen Mitbewohnerin damals unter starken Attacken litt. Stefan hat sich während seines Studiums verstärkt mit dem Thema Mensch-MaschineInteraktion beschäftigt und sich die Frage gestellt, ob man die immer wiederkehrenden Migräneattacken seiner Mitbewohnerin nicht auch durch eine Software vorhersagen könnte. Also mit anderen Worten, ein Muster der Migräne entschlüsseln könnte. Stefan rief mich an, da ich zu dem Zeitpunkt bereits langjährig in der MigräneForschung involviert war. Zusammen mit Simon Scholler, unserem Datenspezialisten, und dem Softwareentwickler Martin Späth, haben wir dann die Idee zu M-sense entwickelt. Wir begannen als Universitäts-Spin-off der Humboldt Universität zu Berlin sowie mit Unterstützung der Charité Berlin und hatten recht bald den ersten Prototypen der App.

Wie entsteht Migräne eigentlich und inwieweit unterscheidet sie sich von üblichen Kopfschmerzen?

Laut dem aktuellen Wissensstand, handelt es sich bei Migräne um eine Funktionsstörung im Gehirn, deren Ursprung im Hirnstamm liegt. Allerdings wissen wir auch, dass Migräne ein sehr individuelles Leiden ist. Jede Person reagiert verschieden auf die Auslöser und deren Kombinationen. Dabei unterscheidet sich Migräne insofern von Kopfschmerzen, als dass die Attacke bereits vor dem Kopfschmerz beginnen kann und dieser Kopfschmerz auch gar nicht zwingend vorliegen muss. Zu Anfang spricht man von der sogenannten „Migräneaura“, die z.B. ein Flimmern im Gesichtsfeld sein kann, aber auch ein Kribbeln in der Hand. Diese seltsamen Erscheinungen, die übrigens von aller Art sein können, sind das, was eine Migräne vom Kopfschmerz unterscheidet. Bei einer Migräne kommt außerdem oft Übelkeit und manchmal auch Erbrechen hinzu. Die App berechnet den Einfluss von verschiedenen Faktoren auf die Migräneattacken der Nutzer.

Welche Faktoren führen denn am häufigsten zu einem Migräneanfall?

Ein Faktor, den wir sehr häufig im Zusammenhang mit Migräne identifizieren können, ist Stress. Entstanden aus Zeitdruck, Perfektionsstreben, unregelmäßigem Schlaf. Aber auch ausgelassene Mahlzeiten oder körperliche Überanstrengung begünstigen das Auftreten von Migräne. Dabei sehen wir häufig, dass diese Faktoren multifaktoriell eine Attacke verursachen, also nicht alleine auftreten. Zudem sind die Trigger bei jedem Menschen anders, denn bei jedem Migräne-Betroffenen ist das Leben auf biologischer, psychologischer und sozialer Ebene bisher unterschiedlich verlaufen. So gehen wir davon aus, dass das aktive Wechselspiel von Umwelt, wie z.B. Wetter, und bio-psycho-sozialen Einflüssen sich auf die Gehirnfunktionen auswirkt und dadurch die Entwicklung von Migräne begünstigen kann. Wir sehen auch, dass bei vielen Betroffenen ein deutlicher Zusammenhang zwischen hormonellen Schwankungen und einer Migräne besteht. So sind Frauen fast dreimal häufiger von Attacken betroffen als Männer, denn der Rückgang von Östrogen vor der Periode stellt eine besonders große hormonelle Veränderung dar. Viele Frauen leiden deswegen einmal im Monat unter menstrueller Migräne.

Migräne gilt als unheilbar – was können Betroffene mit Migräne tun, um mit ihrer Migräne umzugehen?

Genau, noch ist Migräne nicht heilbar. Jedoch ist, wie gesagt, Stress der wohl häufigste Faktor in der Begünstigung einer Migräne. Demnach ist es von Vorteil, Stress einzudämmen. So schlagen wir auch in unserer App M-sense im Pro-Modul „M-sense Active“ verschiedene vorbeugende Verfahren und Übungen vor, die zur Entspannung beitragen. Dazu gehören Autogenes Training, Atem-Meditation oder die Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen. Solche Methoden sind in der klinischen Praxis bereits erprobt: Um durchschnittlich 40 % können Häufigkeit und Intensität der Attacken bei regelmäßiger Anwendung gesenkt werden. Dadurch lässt sich auch die Medikamenteneinnahme reduzieren, was natürlich klar von Vorteil ist. Zu viele Schmerzmittel können nämlich auch Schmerzen verursachen: einen sogenannten medikamenteninduzierten Kopfschmerz – ein chronischer Kopfschmerz, der durch Medikamentenübergebrauch entsteht.

Welche Vorteile und Möglichkeiten bietet M-sense im Gegensatz zu anderen gängigen Therapiemethoden?

Ein großer Vorteil liegt bereits in der digitalen Handhabung, denn der Nutzer hat die App immer dabei. Täglich werden Details zum Befinden abgefragt, die ermittelten Daten sind präzise und das Führen eines Tagebuchs ist einfacher und effektiver, als haptische Kopfschmerztagebücher, die aufwendig sind und zu Ungenauigkeiten neigen. Unser Chatbot denkt für die Betroffenen mit und minimiert den Aufwand. M-sense ermittelt im nächsten Schritt eigenständig die Trigger, die Kopfschmerz-Attacken begünstigen und synchronisiert auf Wetterverhältnisse und Uhrzeit. Dadurch ermöglicht die App ein wesentlich akkurateres Ergebnis, als traditionelle Kopfschmerztagebücher – was zusätzlich Ärzten und Betroffenen viel Arbeit abnimmt. Dazu erhalten die Nutzer und Nutzerinnen einen digitalen Assistenten, der ihnen strukturiert Expertenwissen vermittelt, um sie zum Experten ihres Kopfschmerzes zu machen. In dem Therapiemodul „M-sense Active“ kann der Nutzer aus verschiedenen Therapieansätzen wählen und begleitende Übungen ausführen. Zusätzlich zu Entspannungsübungen werden bald auch Bewegungsübungen folgen. M-sense Nutzer und Nutzerinnen können so die Intensität und Häufigkeit von Attacken stark reduzieren. Mit dieser Kombination aus vorbeugenden Entspannungstherapien und akuter Hilfe machen wir einen weiteren Schritt in Richtung Digital Therapeutics, um Migräneattacken ohne Medikamente zu lindern.

M-sense ist als Medizinprodukt zertifiziert – was genau bedeutet das für Nutzer, Ärzte und Krankenkassen?

Migräne-Apps werden – wie Apps für andere Krankheitsbilder auch – auf Grundlage einer medizinrechtlichen Einordnung ihres Leistungsumfangs in Gesundheits-Apps und Medizinische Apps unterteilt. Gesundheits-Apps brauchen keine Zertifizierung, sie dürfen über Kopfschmerzen und Risikofaktoren informieren, Therapiemöglichkeiten aufzeigen und den Verlauf der Attacken dokumentieren. Damit ersetzen sie Ratgeberbücher oder CDs und erleichtern den Patienten das Führen eines Kopfschmerztagebuchs. Ärzte und Kopfschmerzzentren bekommen eine Vielzahl von Daten, die sie allerdings noch selbst analysieren müssen. Medizinische Apps verarbeiten diese von den Patienten eingegebenen Daten für den Arzt weiter. Die gewonnene Information, wie etwa eine Zusammenfassung des Krankheitsverlaufs über mehrere Monate oder eine Analyse der Auslöser von Migräne, darf vom Arzt jedoch nur dann benutzt werden, wenn die App eine entsprechende Zertifizierung in Form einer CE-Kennzeichnung trägt. Mit dem CE-Kennzeichen bescheinigen wir, dass bei der Datenverarbeitung grundlegende Sicherheits- und Gesundheitsanforderungen der entsprechenden EU-Richtlinien eingehalten werden. Als Medizin-App ist für uns auch der Datenschutz besonders wichtig, deswegen denken wir diesen in der App-Entwicklung schon von Beginn an mit. Was die Krankenkassen betrifft, so muss man sich vor Augen halten, dass Migräne mit 12 % Betroffenen in Deutschland eine Volkskrankheit ist, die Kosten in Milliardenhöhe verursacht. Wir stehen mit vielen Krankenkassen in Kontakt und bemerken ein großes Interesse. Daher gehen wir davon aus, dass die ersten Krankenkassen bald schon die Kosten für die App übernehmen werden.

 

 

 

Quelle/Bildquelle: Frohe Botschaft Public Relations GmbH, M-sense

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