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Jorge Semprún

26 Juni 2011 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Jorge Semprún Maura – Zum Tode des spanischen Schriftstellers

Der Spanier Jorge Semprún war einer der großen politischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts; er verstarb Anfang Juni im Alter von 87 Jahren in Paris. Berühmt wurde er durch seine größtenteils autobiografisch geprägten Werke, in denen er sich als ehemaliger Widerstandskämpfer in der französischen Resistance und gegen die Franco-Diktatur in Spanien mit seinen Lebenserfahrungen literarisch auseinandersetzte.

Geboren wurde Semprun 1923 in Madrid und wuchs mit 6 Geschwistern in einer großbürgerlichen linksliberalen Familie auf. Sein Vater, ein Jura-Professor, Politiker und späterer Diplomat musste 3 Monate nach Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs mit der Familie nach Frankreich emigrieren. Als Philosophie- und Literatur-Student an der Sorbonne schloss er sich dem französischen Widerstand an und trat kurz darauf in die kommunistische Partei (KP) ein. 1943 wird er von der deutschen Besatzungsmacht gefasst und ins KZ Buchenwald deportiert. Sein Überleben verdankte er dem Netzwerk von kommunistischen Insassen. Nach dem Krieg arbeitete er in Paris als Übersetzer und organisierte konspirativ den kommunistischen Widerstand gegen die Franco-Diktatur in Spanien. 1957 kehrte er unter dem Decknamen Frederico Sanchez nach Spanien zurück und leitete dort die Untergrundarbeit der kommunistischen Partei. Wegen seiner Kritik an der stalinistischen Parteilinie wurde er später aus der KP ausgeschlossen. Nach dem Ende der Diktatur berief ihn 1988 der spanische Premier Felipe Gonzales zum Kultusminister in sein Kabinett, in dem er bis 1991 agierte.

Werk:

In seinem ersten Roman „Die große Reise“ erzählt der Autor von der Deportation von KZ-Häftlingen in einem überfüllten Viehwaggon nach Buchenwald. Das nächste autobiographische Werk „Frederico Sanchez“ (1977) beschreibt sein Leben unter diesem Decknamen im spanischen Untergrund. Anderthalb Jahrzehnte rechnet er wiederum unter dem Titel: „Frederico Sanchez verabschiedet sich“ (1993) mit seiner Zeit als Kultusminister in der sozialdemokratischen Regierung von Felipe Gonzales ab.

Auch als Filmautor trat Semprun international ins Rampenlicht, so schrieb er u.a. die Drehbücher zu Alain Resnais „Der Krieg ist vorbei“ (1965) und Costa Gavras „Z“(1968) – den wichtigsten Polit-Regisseuren seiner Zeit.

Sein literarisches Werk wurde 1994 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Des Weiteren erhielt er verschiedene nationale und europäische Literaturpreise.

Wirkung:

Die Erzählweise Sempruns ist geprägt von der individuellen Gestaltungskraft seines Gedächtnisses. Er ist nie ein großer Chronist, sondern folgt einer Erinnerungslogik, die von Rückblenden und jähen Wendungen bestimmt ist. Seine Erinnerungen sind nicht als Ausdruck eines “ kollektiven Gedächtnisses“ zu verstehen, sondern immer eigen und selbstermächtigt: „Mein Gedächtnis ist niemals von kollektiven oder gesellschaftlichen Umständen bestimmt gewesen“. Somit sind Leben und Werk von Jorge Semprun imperativer Natur, d. h. das Erinnern muss gesellschaftliche Konsequenzen haben. Wenn es auch für die Schrecken der Erinnerung keine Abhilfe geben kann, was die politischen Konsequenzen des Terrors und Stalinismus betrifft, war sich Semprun bewusst, dass die europäische Union „als die bewundernswerte Aufgabe des Aufbaues einer supranationalen Gemeinschaft unabhängiger Staaten“ entwickelt werden sollte, um so die Wiederkehr totalitärer Systeme zu verhindern.

http://videos.arte.tv/de/videos/_mein_leben_jorge_semprun_ausschnitt_-3966746.html

Werke

  • Die große Reise. Paris 1963; dt. 1964 (Übersetzung aus dem Französischen: Abelle Christaller. Originaltitel: Le grand voyage.).
  • Die Ohnmacht. Paris 1967; dt. 2001 (Übersetzung aus dem Französischen: Eva Moldenhauer. Originaltitel: L’évanouissement.).
  • Der zweite Tod des Ramón Mercader. Paris 1969; dt. 1974 (Übersetzung aus dem Französischen: Gundl Steinmetz. Originaltitel: La deuxième mort de Ramón Mercader.).
  • Vorwort zu Fernando Claudin: Die Krise der Kommunistischen Bewegung. Herausgegeben von Ulf Wolter. Berlin 1977/1978.
  • Federico Sánchez. Eine Autobiographie. Barcelona 1977; dt. 1978 (Übersetzung: Heide Mahler-Knirsch).
  • Was für ein schöner Sonntag! Paris 1980; dt. 1981 (Übersetzung aus dem Französischen: Johannes Piron. Originaltitel: Quel beau dimanche!).
  • Algarabía oder Die neuen Geheimnisse von Paris. Paris 1981; dt. (gekürzt) 1985 (Übersetzung aus dem Französischen: Traugott König und Christine Delory-Momberger).
  • Montand, la vie continue. Paris 1983, ISBN 2-207-22876-2.
  • dt: Yves Montand, das Leben geht weiter. Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-458-14144-8 / 1986, ISBN 3-518-37779-5. (Übersetzung: Uli Aumüller).
  • Der weiße Berg. Paris 1986; dt. 1987 (Übersetzung aus dem Französischen: Eva Moldenhauer. Originaltitel: La montagne blanche.).
  • Netschajew kehrt zurück. Paris 1987; dt. 1989 (Übersetzung aus dem Französischen: Eva Moldenhauer. Originaltitel: Netchaïev est de retour.).
  • Federico Sánchez verabschiedet sich. Paris 1993; dt. 1994 (Übersetzung aus dem Französischen: Wolfram Bayer. Originaltitel: Federico Sánchez vous salue bien.).
  • Schreiben oder Leben. Paris 1994; dt. 1995 (Übersetzung aus dem Französischen: Eva Moldenhauer. Originaltitel: L’écriture ou la vie.).
  • Unsre allzu kurzen Sommer. Paris 1998; dt. 1999 (Übersetzung aus dem Französischen: Eva Moldenhauer. Originaltitel: Adieu, vive clarté…).
  • Der Tote mit meinem Namen. Paris 2002; dt. 2003 (Übersetzung aus dem Französischen: Eva Moldenhauer. Originaltitel: Le mort qu’il faut.).
  • Zwanzig Jahre und ein Tag. Barcelona 2003; dt. 2005 (Übersetzung aus dem Spanischen: Elke Wehr. Originaltitel: Veinte años y un día.).
  • Blick auf Deutschland. Frankfurt am Main 2003 (Übersetzung: Michi Strausfeld).
  • Was es heißt, Europäer zu sein. (Zusammen mit Dominique de Villepin). Paris 2005; dt. 2006 (Übersetzung aus dem Französischen: Michael Hein. Originaltitel: L’homme européen.).
  • Philosophie als Überlebenswissenschaft. Potsdamer Universitätsreden 6. Universitätsverlag Potsdam 2007. (Übersetzung: Michi Strausfeld).

(wz)

 

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