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14 auf einen Streich

19 Oktober 2020 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

14 auf einen Streich

Alle 14 Achttausender in 2 Tagen? Der aktuelle Rekord wurde letztes Jahr von dem Nepalesen Nirmal Purja in der unglaublichen Zeit von 6 Monaten + 6 Tagen aufgestellt, womit er den alten Rekord um 7 Jahre + 5 Monate (!) unterbot. Freilich mit Hilfe des Militärs, Helikopterflügen ins Basislager, künstlichem Sauerstoff, Top-Kondition und bergsteigerischem Können, und verdammt viel Glück. Doch hier ist nicht die Rede von 8000 Metern Höhe, sondern von 8000 Dezimetern Höhe. Frank Meutzner, sächsischer Himalayabezwinger, hat jedem sächsischen Gipfel einen asiatischen im Himalaya zugeordnet. Der Gedanke war: 14 Berge deren Höhe mit einer Acht beginnt, geringer finanzieller und zeitlicher Aufwand für die Anreise, keine Grenzformalitäten, Sommer- und Winterbesteigung sowie verschiedene Routen möglich, Gipfelüberschreitungen und Doppelexpeditionen möglich. Achttausender für Jedermann. Achttausender auf sächsisch. 14 auf einen Streich. Aus der pfiffigen Idee entwickelte sich in den vergangenen 20 Jahren eine Kulttour für Wanderer im Osterzgebirge. Während die Originalen 8000er sich auf 4 Länder verteilen -China, Indien, Nepal und Pakistan- muss man hier nur eine Reise nach Sachsen antreten, weder ein Visa beantragen, noch eine Impfung machen lassen und erst recht nicht das Bankkonto plündern…

Schulz Sportreisen in Dresden kreierte daraus nun erstmals einen Traillauf in zwei Tagesetappen: Insgesamt 65 km und 1700 Höhenmeter – am ersten Tag Neun und am zweiten Tag die verbliebenen 5 Bergkuppen, die etwas weiter auseinander liegen. Dies als Auftakt zu einer neuen Trailrunning-Serie, die im September im Thüringer Wald rund um Oberhof auf dem Goethewanderweg und entlang des Rennsteigs, sowie im Oktober im Harz fortgesetzt wird. 2021 sollen weitere spektakuläre Ziele in Deutschland dazu kommen. Ohne Wettkampfcharakter, in kleinen Gruppen, somit Corona-Konform. Zudem preisgünstig organisiert, mit Gepäcktransport, Transfers, Unterkunft in urigen Pensionen, Genuss regionaler Küche und begleitet durch professionelle Trailguides. In bewegten Zeiten wie diesen und auch darüber hinaus, ein durchaus interessantes Format. Ideal für alle jene, die sich auf längeren langsamen Läufen wohlfühlen. Es geht um bewusstes Laufen und Entspannen in der Natur. Achtsamkeit und Spaß am Laufen stehen im Vordergrund. Eine behördliche Genehmigung ist nicht notwendig, die Abstandsregeln können gewahrt werden und wie Firmengründer Frank Schulz betont „auch als Antwort auf die großen Massenevents“. Sein Erfolg mit dem vor einigen Jahren ins Leben gerufenen „Annapurna Circuit Trailrun“ in Nepal, allerdings für sehr erfahrene Trail- und Bergläufer, gibt ihm Recht.

„Expeditionsleiter“ Stefan Utke empfängt alle Teilnehmer am Bahnhof im Kurort Altenberg. Als Assistenz-Guide fungiert Ulf Kühne, Organisator des „Mount Everest Treppenmarathons“ in Radebeul, dem längsten Treppenlauf der Welt. Schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich der Ort aufgrund der schneesicheren Lage zu einem bedeutenden Wintersportzentrum im Osterzgebirge. 1967 fanden hier die 8. Biathlon-Weltmeisterschaften statt. Kurz vor dem Shutdown wurden im Februar noch die WM im Bob- und Skeleton ausgetragen. Da der zu DDR-Zeiten beliebte Urlaubsort bereits 750 m hoch liegt, ist der 8238 Dezimeter hohe Geisingberg mit seinem Louisenturm auf Feld- und Waldwegen schnell genommen. Ein Schild auf dem Gipfel erinnert an den berühmten Forschungsreisenden Alexander von Humboldt, der am 23. Juli 1828 auf diesem Berg Höhenmessungen durchführte. Weiter geht‘s durch lauschige Erzgebirgsweiler und tiefe, dunkle Wälder. Das Erzgebirge besteht zu 2/3 aus Wald, der im Mittelalter auch Miriquidi, zu deutsch Dunkelwald, genannt wurde. Heute steht Miriquidi für den einzigen 24-Stunden-Skilanglauf in Deutschland, der ebenfalls von dem Dresdner Alpinist Frank Meutzner ins Leben gerufen wurde und alle 2 Jahre stattfindet.

Nach einem längeren Anlauf zur Traugotthöhe (8066 dm), geht es Schlag auf Schlag über Fuchshübel (8138 dm), Scharspitze (8072 dm), Biwak-Kuppe (8285 dm), Kleiner (8937 dm) und Großer Lugstein (8992 dm – der höchste unter den 14 Achttausendern), immer scharf an der tschechischen Grenze entlang. Auf jedem Hügel gibt es ein Gipfelbuch sowie eine Stempelstelle für die Gipfelkladde, die jeder Läufer anstatt einer Startnummer mitführt. Beim durchlaufen des ehemaligen Bergbaudorfs Zinnwald-Georgenfeld erinnert ein verblichener Gedenkstein an einen weiteren berühmten Zeitgenossen: Goethe wohnte hier vor über 200 Jahren während seiner geologischen Studien. Außerdem gibt es seit 1971 eine Wetterwarte, was die Erkenntnis zur Folge hatte, dass Zinnwald die kälteste bewohnte Ortschaft Deutschlands ist. Da kommen mir unweigerlich Goethes berühmte Worte aus dem Osterspaziergang in den Sinn: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden belebenden Blick“.

Zwar basieren die Läufe an beiden Tagen auf Selbstversorgung, da aber Expeditionsleiter Stefan Utke aus dieser Gegend stammt, hat er für die 1. Etappe seine Familie rekrutiert. So dürfen wir uns zwischen den Bergbesteigungen zwei mal auf „Opa und Oma Utkes Jausenstation“ freuen. Jetzt waren nur noch die Wüste Höhe (8266 dm) und der Hemmschuh (8473 dm) abzulaufen und der erste Expeditionstag mit 9 Achttausendern ist im Kasten. Abstieg und Zieleinlauf nach 35 Kilometern, 900 Höhenmetern und 6 ½ Stunden Laufzeit im SWF-Sporthotel in Neuhermsdorf. Eine nostalgische Herberge mitten im Wald, die in dem ehemaligen Bahnhof Hermsdorf-Rehefeld an der still gelegten Eisenbahnstrecke ins tschechische Moldava (früher Moldau) integriert ist. Die frühere Bahntrasse fungiert nun als Langlaufloipe im Winter.

Am nächsten Morgen wird das Höhenlager (7400 dm) Bahnhof Hermsdorf-Rehefeld abgebrochen, zum warmlaufen folgt ein anspruchsvoller Crosslauf auf der alten Bahntrasse. Lange Anlaufwege verbinden die verbleibenden Achttausender Steinkuppe (8048 dm), Drachenkopf/Kannelberg (8054 dm) und Schickelshöhe (8049 dm). Herrlich klares Hochsommerwetter gestattet majestätische Weitblicke in die Sächsische Schweiz und rüber zu unseren Nachbarn in Tschechien. Als Verpflegungsstation  muss heute ein Biergarten in dem Örtchen Hermsdorf herhalten. Über den Julius-Schmidt-Steig wird die Stephanshöhe (8040 dm) erklommen. Ein besonderer Gipfel, gibt es doch in unserer Laufgruppe zwei Stefan‘s und eine Stefanie… Und der Steig, der uns hoch brachte ist benannt nach Johann Friedrich Julius Schmidt, ein Astronom, der im 19. Jahrhundert die erste vollständige Mondkarte veröffentlichte. Noch ein Zufall: Der Stephanshöhe ist ausgerechnet der Shishapangma zugeordnet, jener Berg in China, der als niedrigster 8000er gilt und denn ich mein Leben lang hoch wollte, dessen Besteigung aber nicht zu finanzieren war. Endspurt zum Pöbelknochen (8328 dm), der finale Achttausender. Es gibt allerdings nichts zu pöbeln. Ein toller Trip! Keine Verletzten, Abstürze oder Erfrierungen – alle sind heil angekommen. Jetzt sind es nur noch 3 km, vorbei an den Galgenteichen, einem Trinkwasserspeicher, bis zum Bahnhof Altenberg. Die Runde ist somit komplett, die technischen Daten für die 2. Etappe lauten: 30 km/800 Höhenmeter/6:00 Stunden.

Wir leben in Zeiten weltweiter Absagen von Laufveranstaltungen. Aber die Krise hat einmal mehr gezeigt, Laufen ist ein Sport für jede Wetter- und Lebenslage. Die aktiven machen weiter, ob individuell, virtuell, oder mit eigenen Challenges, im Rahmen des Möglichen und Erlaubten. Hier ist ein überschaubares Format entstanden, klein, familiär, preisgünstig und relativ sicher in der Durchführung. Informationen zu der etwas anderen Trailrunning-Serie gibt‘s bei www.schulz-sportreisen.de/deu82 und zu den Achttausendern á la Sachsen hier: www.achttausender-im-erzgebirge.de

(SS) Stefan Schlett

 

 

Quelle/Bildquelle: (Stefan Schlett)

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