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Eine Fahrradgeschichte…

29 April 2010 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Wir stellen vor: Rotor Bikes

1979

Die 201. Russische Division aus Tadschikistan bezieht Alarmstellung an der Grenze zu Afghanistan. Der bevorstehende internationale Konflikt, der vergleichbar mit der US- amerikanischen Vietnamtragödie ist, nimmt seinen Lauf. Für die Welt geht es um Politik, für einige wenige um Sport, Radsport.

Morgengrauen, irgendwo im Hindukusch in 3500 Metern Höhe. Olegs schwere Stiefel verhaken sich in den Pedalriemen, seine Hände klammern sich an den Lenker. Noch einen kurzen Blick und ein Nicken zu seinen Kameraden Ahmed und Sergej, dann entspannt er die Muskulatur seiner Finger, die auf den Bremsgriffen liegen. Ihre Bergmaschinen stürzen los, eine steile Strecke hinab, die Kilometer weiter auf eine Passstrasse stößt. Mit hoher Geschwindigkeit durchbrechen sie die tief hängende Wolkenschicht, donnern durch einen Gebirgsbach und springen über Risse und Geröll. Vorsicht ist geboten, denn erst kürzlich wurde einer ihrer Kameraden Opfer eines gebrochenen Rahmens. Achmed raste in eine Gruppe versprengter Mudschaheddin und selbst Oleg ist von Blessuren gezeichnet.

Auf der Passstrasse angekommen, bringen sie ihre Maschinen zum Stehen, Wasser verdampft in den Trommelbremsen, sie lauschen in den Nebel. Stille! Oleg: „Hier oben hört man sein Blut in den Adern rauschen und manchmal das Klappern von Ausrüstungsgegenständen.“

Dann heißt es Sichten und Aufklären. „Im Frühjahr waren Feuerüberfälle an der Tagesordnung, damals konnten die Mudschaheddin unsere Fahrzeuge von weitem hören. Heute ist es genau anders, wir kommen fast lautlos daher.“ „Trotzdem passieren verrückte Sachen.“ sagt Achmed, und zeigt ernst auf ein Einschussloch in seinem Rahmen. „Nach einem Feuer- gefecht mussten wir uns trennen, da uns die Mudschaheddin auf den Fersen waren.“ Das Funkgerät war im Bergmassiv nutzlos, so musste Oleg mit seiner Maschine zum Lager zurück, um die Kamovs zu rufen. Zwölf Kilometer bergab. Nach eigenen Angaben die schnellste Abfahrt in seinem Leben. Oleg: „Ich driftete um Kurven, die ich sonst mit größter Vorsicht nahm. Ein Posten am Rand des Lagers hatte mich von weitem durch sein Fernglas bemerkt und schüttelte den Kopf, als ich völlig außer Atem von meiner Maschine fiel.“

Zwanzig Minuten später tauchten sie auf, kreisten wie Raubvögel am Himmel und warfen hin und wieder glühende Magnesiumkugeln ab. Die Mudschaheddin waren verschwunden und Sergej kam ins Lager zurück; nur Achmed blieb verschollen. Achmed: „Ich saß oberhalb der Strasse, als die Kamovs verschwanden. Ich schnappte mir meine Maschine, um zurück zu fahren, und donnerte voll in einen Trupp Mudschaheddin, der mir entgegen kam. Sie eröffneten sofort das Feuer, eine Kugel durchschlug meinen Rahmen, eine andere traf mich ins Bein.“ Als Achmed wieder aus dem Lazarett kam, hatte sich die Situation entschärft. Die Offensive war gestartet, das bedeutete Ruhe in den Bergen des Hindukusch. Ruhe gab es jedoch nicht für Oleg, der inzwischen zum Fähnrich ernannt wurde.

„Ständig kamen Kameraden und sogar Typen vom Speznatz mit Fahrrädern und Motorradteilen zerlegter Dneprs, um sich Maschinen montieren zu lassen. Oleg: „Der ständige Treibstoffmangel ließ nur selten motorisierte Patrouillien zu, ganz zu schweigen von Ersatzteilen für den Kras, der vor sich hin rostete. Unsere Kompanie hatte auch einige S.P.W., aber zu allem Ärger wurden diese für die Offensive im Pandschir- Tal abgezogen. Oleg, der im zivilen Leben Mechaniker war, konnte helfen. Als Komsomolze im Motorsportverband hatte er viele Erfahrungen in Sport und Technik gesammelt.

Achmed: „ In einem Dorf hatten wir einige Fahrräder entdeckt, die Oleg mit Dnepr-Motorradteilen fusionierte. Heraus kam das, was man heute als Urtyp des Downhill- Bikes bezeichnen würde.

Kleine Trupps von drei bis fünf Soldaten waren jetzt mit ihren Maschinen unterwegs und patrouillierten Strecken von 70 Kilometern. Nicht selten gab es Wettbewerbe, welche Gruppe zuerst das Basislager erreicht. Einige Leute entwickelten Vorlieben für die heftigsten Abfahrten auf diesen Streckenabschnitten, so dass man begann, Rennen auf diesen Abschnitten zu fahren. Mit einem gehörigen Schluck Wodka machten sich die Fahrer fit für die Abfahrt. Ein wahnsinniges Unternehmen, wenn man der Umstände des Krieges bedenkt.

Der Preis bestand aus mehreren Flaschen Wodka und einem der neuen Spezialteile aus Olegs Werkstatt. Einige Soldaten brachten vom Heimaturlaub Motorradteile mit, so dass ständig neue Maschinen geschraubt wurden. In dieser Zeit starteten Gruppen mit sieben Fahrern gleichzeitig, was hin und wieder derbe Massenstürze mit sich brachte.Einige Offiziere, die vor Ort waren, und untereinander Wetten abschlossen, nahmen die Rennen unter ihre Obhut, damit höhere Dienststellen gar nicht erst auf die Idee kamen, nach den Aktivitäten der Mannschaften zu fragen. Als die Offensive im Pandschir- Tal scheiterte, die russischen Truppen in den Hindukusch zurückgedrängt wurden, eskalierte der gesamte Konflikt zum Debakel für die Russen.

1988 unterzeichneten Vertreter der UdSSR, der USA und Pakistan ein Abkommen, das den Abzug der russischen Truppen aus Afghanistan vorsah. Olegs Einheit wurde zurück nach Tadschikistan verlegt, der Truppenalltag nahm noch einige Wochen seinen Lauf, bis zum Ende von Olegs Dienstzeit.

1998.

Zehn Jahre später verschlägt es Oleg nach Deutschland, als Fahrer einer russischen Im- und Exportfirma bringt er Güter in deutsche Großstädte. Den sich seit Anfang der neunziger Jahre entwickelten Mountainbike- Downhillzirkus hatte Oleg im Fernsehen mitbekommen, schenkte ihm jedoch keine Aufmerksamkeit. Warum auch? Hatte er doch Jahre zuvor Technik gebaut und erprobt, die heute als neue Entwicklungen propagiert werden. Trotz dieser Erkenntnis frönt Oleg immer noch dem Radsport. Mehrmals im Jahr trifft sich Oleg mit alten Kameraden und ihren Maschinen, um den alten Zeiten zu huldigen. Manche mögen denken, dass es sich hierbei um militaristische Tendenzen dreht, Oleg geht es jedoch um Radsport und dessen Pioniergeist.

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