Home » leben, Vorschau, Zeitgeist

Reise durch die Vergangenheit

11 Juli 2014 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

„…dann müssen wir uns trennen!“

Da schlurfte ich durch Westerland. Der Wind ging mir jetzt schon auf den Keks. Der Teufel muss mich geritten haben, in dieses verdammte Nest zu fahren. All diese zu Geld gekommenen Handwerksmeister, die nun bei „Gosch“ saßen, bei gefühlten -5 °C, wie sie lachten, mit offenem Mund…die Gesichtfarbe gleich dem Hummer auf ihren Tellern. Männer mit Goldbrille, Bäuchen und Bluthochdruck. Die Frauen farbig wie ein Mandrill und faltig wie ein Plisseerock, das Leben eine Party. Und immer dieser Wind! Hier soll man so schön abschalten können sagte mir eine Kommilitonin. Die hat nie einen Freund gehabt, was will die schon wissen? – sagte ich zu mir, immer aufpassend, dass meine Mundwinkel mein Selbstgespräch nicht verraten. 8er April. Vor 23 Tagen hat mich Elisabeth verlassen. An sich wollte ich sie verlassen, leider kam sie mir zuvor, dieses Miststück. Geplant hatte sie das sicherlich schon vor Monaten. Frauen sind nicht spontan und wenn es um eine Trennung geht, sind sie wie ein General, der einen Weltkrieg von langer Hand vorbereitet. Umringt von ihren weiblichen Adjutanten, diesen willfährigen Jasagerinnen, die mich ohne Schamesröte bei Besuchen mit Küsschen begrüßten, wurde im Untergrund der Feldzug vorbereitet und vollzogen. Ich hätte im Nachhinein der ein oder anderen stecken sollen, dass Lissi oft nach den Besuchen ihrer Adepten konstatierte, dass blau oder grün in jeglicher Form überhaupt nicht passend für den einen oder den anderen Typen gewesen sei. Jetzt war es zu spät.

Lissi war ein Teufel. Am Anfang im Bett, am Ende als Gesamtwesen. Dabei hatte ich nur eine geringfügige Mitschuld, aber nur deshalb, weil eine alleinige Schuld des Anderen gesellschaftlich schwer zu transportieren ist. Als Mann hat man in Potenz verschissen, auch bei vollem Haar, auch bei keinem Bauch, auch wenn man Fußball hasst und auch, wenn man sich gar für Kunst interessiert.

Mein Magen knurrt, ich gehe zu „Gosch“. Ich bestelle mir ein Matjes-Brötchen mit viel Zwiebel. Noch mehr! – sage ich. Der indische Fisch-Brötchen-Verkäufer hebt verständnislos die Brauen. „Ja…noch mehr Zwiebeln!“ Lissi hasst Zwiebeln, ich hasse Lissi und zum küssen … dazu fehlt eindeutig das passende Material.

Der Wind kommt scharf und bläst die Zwiebeln vom Matjes. Das ist wohl die extremste Form von Einsamkeit, die einem überkommen kann. Klimatisches und emotionales Weltenende.

Lissi liebte Fußball. Sie war ein Fußballfaschist – später als sie ihr wahres Gesicht zeigte. Ein wenig stutzig wurde ich, als ich zu Ostern Bettwäsche geschenkt bekam. Nicht wegen der Bettwäsche generell, sondern eher wegen des „Designs“. Unschuldig wie ein Lämmchen öffnete ich das Geschenk. Nach dem Öffnen musste ich aus meinem unterentwickelten schauspielerischen Talent schöpfen. Ich lächelte. Bettwäsche mit HSV-Muster. Ich war irritiert, dachte an einem Scherz klopfte mehrmals auf die Verpackung, in der Hoffnung da wäre noch etwas. Nichts! Ich lächelte. Sie strich mir sanft um mein Gesicht, hauchte lasziv etwas Obszönes, stieß mich sanft nach hinten, öffnete mir die Hose … den HSV hatte ich bis dahin vergessen.

Ich versuche zu vergessen.

Ich koche, denke an Krieg, es ändert nichts. Ich stehe im Schützengraben – überall Granaten. Der Himmel stöhnt, die Erde ächzt. Stehe da, befehle 100 Mann. Ich schau durchs Glas, bereit zum Angriff, drehe mich um und sehe in 100 Lissi-Gesichter. 100 laszive Lissifratzen im HSV-Trikot. Ich lade durch …rumms!

Ich wache auf. Da liegt ein Mandrill mit Plisseegesicht. Auf ihrem Nerz ein Matjes. Das behalte ich aber für mich. Es eilen eifrig Menschen herbei. Ich will mich entschuldigen, ernte aber nur Blicke, die keine Freundlichkeit in sich tragen. Hat aber auch rumms gemacht, denke ich mir. Geschieht ihr recht, Pelztier tragen und keinen Platz machen. Lissi trug nie ein Pelz. Ich schaue zum Himmel und frage mich, ob die Regenwürmer die ich als Junge verknotete, oder die Kellerasseln, die ich in das Luftgewehr meines Vaters stopfte und gegen die Kellerwand schoss, nun mich für meine rauen Sünden strafen würden?

Irgendwann brachte Lissi zwei Bekannte mit. Sie war wohl bei einem Spiel, alles andere wäre logisch nicht erklärbar. Ich war zu Hause, vernahm ein rüdes Öffnen der Tür. Mir ging es auch an diesem Tag nicht so gut. Angina. Sie kam an das Sofa, küsste mich mit ihren spitzen harten Lippen. Meine Augen tränten, nicht wegen der Kreissäge im Hals eher wegen der Alkoholemission beim Ausatmen. „Geht’s Dir besser Schaaatz!“ Mangelnde Empathie konnte man ihr nicht vorwerfen.

„Ich hab zwei Bekannte mitgebracht. Guinness und Hupsi. Echt fett die beiden. Hat man echt Spaß.“

Ich heuchle Interesse. „Das sieht man schon an den Namen, he, he!“ Mehr schaffe ich nicht. Guinness und Hupsi, oh Gott! Als Pfosten super, als Umgang eher suboptimal. Nicht darüber nachdenken. Jeder Partner braucht seinen Freiraum. Ich höre das Öffnen von Flaschen. Ich stehe auf, wanke traumatisiert zur Küche. Will mir das mal näher anschauen. Eine ménage à trois in blau, weiß, schwarz. Lissi öffnet Bierflaschen mit den Zähnen, Guinness tanzt in Kutte, weil HSV siegreich, Hupsi fängt Fürze und lässt dann mit geöffneter Hand diese in Flammen aufgehen. Gelächter als ob es kein Morgen gäbe. Ich bin fassungslos und vergesse meine Angina.

Ich lege mich wieder auf das Sofa und schaue „Das Piano“ und wünschte mir, Lissi wäre wie Ada McGrath. Pianospielerin und vor allem stumm.

Stumm gehe auch ich weiter. Ich höre nur die zehn Windstärken. Ein paar Möwen über mir und die Hölle unter mir. An einem Sonntag vor 23 Tagen, wir lagen im Bett eingetütet in blau, weiß, schwarz. Nun auch mit einigen Autogrammkarten auf dem Nachtisch. Sonnenstrahlen durchdrangen den externen HSV-Clubraum. Meine Hand schlich sich merklich unerkannt in Richtung Mrs. zeRoberto. Das Körpergewicht, welches sich ungünstig zu meiner Seite in Richtung Matratze drehte, beendete meinen Schleichgang zur Brust. Sollte ich etwa nun auch noch Fußballschuhe anziehen? Reichte nicht die HSV-Fahne, getarnt als Bettwäsche? Gut! Ich richtete mich auf, an einem Sonntag vor 23 Tagen. In einer erhabenen Position angekommen fange ich an, meine eben noch von Lissi parierten Avance, verbal zu verdeutlichen. So geht das ja nicht! Immer am Samstag mit Topmodel Guinness und Fakir Hupsi Bierflaschen mit den Zähnen öffnen und von van Nistelrooy und Schweinsteiger sich schön auf den Busen schreiben lassen … dann müssen wir uns trennen! Das mache ich nicht mit! Ich bin nicht gewillt … Teufel Lissi zieht ihr Trikot Nummer 6 in Form, atmet tief durch, fährt sich mit den Händen durch das noch wilde lockige Haar und sagt: „Schweini ist bei den Bayern!“ Sie könne sich zudem durchaus ein Leben ohne mich vorstellen.

Sie hätte auch schon alles durchdacht. Sie die Wohnung. Gerne könne sie so zwei Wochen bei ihren Eltern schlafen, das müsste ja reichen für mich, um mir eine neue Wohnung zu suchen. Einen Neuen hätte sie natürlich nicht, es ginge mich im Übrigen auch nichts mehr an. Sie wolle mir das nur sagen, damit ich nicht so gekränkt sei.

Ich merke, wie eine aufkommende Hitze meinen Körper durchströmt, trotz Wind. Trotz dieses verdammten Windes. Mir reicht der Wind, mir reicht „Gosch“, mir reichen die Zwiebelmatjes. Ich werde abfahren, morgen. Für immer dieser verknöcherten Insel mit dem vergangen Chic und dem Bussi-Bussi den Rücken kehren, meinen blanken Hintern zeigen.

Morgen fahre ich – und sprenge dann den Hindenburgdamm. Ich lache laut, fühle mich befreit bei dem Gedanken. Ich fahre zum Hotel, packe meine Sachen, lege mich hin. Die Nacht bleibt ruhig. Ich schlafe wie ein Stein. Mein Smartphone weckt mich. Ich höre den Wind. Ich springe aus dem Bett, bin bereit für das Attentat. Der Taxifahrer gibt mir die Koffer an und verspricht mir beim nächsten Besuch besseres Wetter. Ich bleibe stumm, tue so, als hätte der Wind die Worte weggetragen. Ist mir zu blöd. Ich sprenge eh gleich den Damm, Mr. Fips Asmussen. Der Zug kommt, ich setze mich nach vorn, bereite die Sprengladung vor. Kein Gedanke an Lissi. Keine Zeit!

Ich sehe einen „Coca-Cola-Trolley“. Ob ich Hunger hätte? Vielleicht einen Kaffee? Ich winke ab und bedanke mich. Der Servicemann der NOB will nicht ohne einen freundschaftlichen Rat von mir ziehen. Heute spielt der HSV gegen Dortmund!!! Das Abteil wird ab Niebüll voll mit Fußballfans. Es ist besser, ein Abteil weiter hinten zu nehmen. Ich höre den Wind, entschärfe die Bombe, fühle mich leer, entwaffnet und vernichtet. Ich schleppe mich zum neutralen Abteil. Bei Niebüll kommt der erwartete Vandalensturm. Kreaturen in blau, weiß und schwarz. Ich versuche ruhig zu bleiben. Ich spüre, dass ich schwitze. Schaue auf meine Uhr. Noch zwei Stunden bis Hamburg. Die Wagen füllen sich, auch das neutrale Abteil wird okkupiert. Dann höre ich das Lied, welches Lissi immer sang: „Scheiß auf Schule, scheiß auf Arbeit. Sieben Tage denke ich nur an dich. HSV, dich brauche ich!“

 

… ja, dann müssen wir uns trennen!

 

(sb)

Quelle:  Aus dem Buch von Sven Borger mit dem Titel „Reise durch die Vergangenheit“

 

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (8 votes, average: 5,00 out of 5)
Loading...