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Das behagliche Heim

7 Mai 2013 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Das behagliche Heim

Eine Kinderzimmergestaltung von André Arbus (1938)

Neulich las ich, dass Chinesen extrem leistungsorientiert seien. Ein Vorbild an Fleiß und Ehrgeiz. Die Kehrseite ist aber, dass Kreativität und Fantasie lange keine wichtige Rolle spielten – eher als hinderlich angesehen wurde. Vielleicht der Grund, warum so viele Produkte kopiert werden. In Deutschland gibt es Kreativität und Fantasie. Noch? Immer ein wenig belächelt und jeder Architekt, Innenarchitekt, Gestalter kennt die Frage: „Wie kann man das putzen?“ Praktisch und günstig muss es sein. Der Erfolg der Baumärkte wäre auch sonst nicht erklärbar. Betritt man ein so praktisches, hübsches Idyll, so verfällt man leicht in eine Art Wachkoma, wichtige Organe versagen für kurze Zeit, weil man weiß, es kommt die Frage: „Na, wie findest Du das?“ Die Antwort muss positiv sein, sonst endet der Abend in Stahlgewittern. Jene Überspitztheit des eigenen Geschmacks, jene Ideologie des Sonderbaren die unter der ritterlichen Einbeziehung der betreffenden Personen proklamiert wird, erscheint so unverständlich. Es ist und bleibt ein Phänomen, wie Menschen es schaffen in Null-Amplituden-Wohnungen zu überleben.

Leider bewegt sich so mancher gute Raumgedanke ungesichert in der Welt des bloß Möglichen. Mut zur Gestaltung heißt auch immer Diskussion oder eher Rechtfertigung. Ein Picasso ist immer und trotz der Nichtkenntnis des Besitzenden klar, ein unbekannter Künstler ein Wagnis. Das gleich gilt für die Gestaltung. Was unterscheidet denn das Schöne von dem Hässlichen? Einfach ist das nicht zu beantworten. Symmetrie, Proportion und Harmonie. Ein Trias von bestechender Reduktion.

Wo bleibt der „Konsument“? Gestaltung muss eine Aufgabe erfüllen. Wie soll die Funktion eines Raumes beschaffen sein? Ist das Eigene, das Besondere in einem sichtbar und intelligent umgesetzt?

André Arbus Kinderzimmergestaltung aus dem Jahr 1938 hat die Sensibilität des Besonderen. Das Zimmer fällt durch die konstruierte Mitteldecke auf. Die Kletterlust von Kindern inspirierte ihn auf halber Raumhöhe einen „Saturnring“ zu konstruieren, gesichert durch ein Netz. Der Boden, ein Gummifußboden, der Schutz vor Stürzen bietet und den aus Metall konstruierten Möbeln zusätzlich Halt gibt. Zudem dämpft der Gummiboden Lärm.

Der spielerische Umgang der Formen ohne Kitsch und „Disneyischen Pomp“ lässt den gesamten Raum geradezu zeitlos erscheinen. Für die von betriebswirtschaftlichen Fakten geprägte Zeit eine ideale Investition, immerhin bis jetzt eine 73 Jahre währende Kalkulation.

 

(sb)

Der Autor selbst ist Architekt und Innenarchitekt

 

Bildquelle: Marcel Dupuis

 

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