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Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos

3 Juli 2017 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Loriot – Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.

Ein Nachruf

Liebe Leser, seien Sie nicht beunruhigt. Es folgt nun keine persönliche Betrachtung eines Mannes, keine kleine minuziös vorgetragene Spekulation seines Schaffens, die in jedweder Hinsicht nun so oft über die Bildschirme heimischer Wohnräume geistert. Hier und da sehen wir als unfreiwillige  Zeugen, Kenner seiner Persönlichkeit, die uns mit wolliger Laune heraus etwas zu erzählen haben, die mich – und da seien Sie mir bitte nicht böse – Intellektuell eher an die drittklassige Auslegeware vergangener Kaufhäuser erinnert.

Den medialen Talksuhlen entgegnen möchten wir durch ein Nachwort des Künstlers selber.

NACHWORT IN EIGENER SACHE
„Wenn ich es recht bedenke, ist die berufliche Frage bei mir eigentlich nie ganz gelöst worden. Ich weiß nicht genau, wann ich ernsthaft damit begonnen habe, Pläne für die Zukunft zu machen. Der früheste mir bekannte Zeitpunkt lag etwa um das Jahr 1929. Ich war damals fünf und erhielt Besuch von Tante Olga, der Witwe eines namhaften sächsischen Tondichters. Sie betrachtete meine Hände. Dann sah sie mir mit dem verheißungsvoll leuchtenden Blick der alternden Künstlergattin tief in die Augen und sagte:

„Möchtest Du Pianist werden?“

Ich verneinte mit dem Hinweis, ich sei bereits entschlossen, mich beruflich dem Austragen von Milch oder der Reparatur von Kabeln unter der Straßendecke zu widmen. Auch Kanalisation käme in Betracht oder Pflastern.

Auf weiteren Gedankenaustausch mit Tante Olga kann ich mich nicht mehr besinnen. Jedenfalls hat sie mich daraufhin beruflich weder beraten noch unterstützt. Wahrscheinlich hatte sie auch keine nennenswerten Verbindungen zum Straßenbau. Heute erscheint mir mein damaliges Verhalten übereilt. Pianist ist ein schöner Beruf, und man ist weniger der Witterung ausgesetzt.

Neben meinen nüchternen Berufplänen nährte ich Wunschträume, die mehr ins heldische Fach hinüberspielten. Eine farbenfrohe Darstellung des Todes von Prinz Louis Ferdinand in der Schlacht bei Saalfeld regte mich zu intensiver Nachempfindung an. Die Sofalehne als Schlachtroß zwischen den Schenkeln, bog ich mich weit zurück, dem tödlichen Degenstoß des französischen Kavalleristen entgegensehend. Bis hierher entsprach die Situation etwa dem historischen Vorgang. Nun entglitt mir die preußische Geschichte. Ich fiel unversehens nach hinten aus dem Sattel und mit dem Hinterkopf auf ein Nähkästchen meiner Urgroßmutter. Romantische Reitertragödien haben seither für mich an Reiz verloren.

Eine andere künstlerische Farbreproduktion schilderte das nahe Ende eines Matrosen der Skagerrakschlacht mit der Unterschrift „Der letzte Mann“ (Hier irrt Loriot! Wir wollen dies vor unseren aufmerksamen Lesern richtig stellen, wohlweißlich der Gefahr gewiss der Üblen Nachrede nach StGB §168 bezichtigt zu werden. Doch bei näherer Untersuchung ist das Gemälde „Der letzte Mann“ tatsächlich von Prof. Bohrdt und gilt als verschollen. Sachdienliche Hinweise zum Aufenthalt dieses Gemäldes nimmt gerne jede lokale Polizeidienststelle entgegen. Lediglich ist zu beachten, dass bei Besuchen solcher Institutionen ein gültiger Ausweis obligatorisch ist.).

Er stand auf den Restbeständen eines sinkenden Panzerkreuzers und reckte eine stark beschädigte kaiserliche Flagge in das qualmende Inferno brennender Schiffsgiganten. Diese reizvolle Schilderung ließ mich jahrelang mit dem Gedanken spielen, mein Leben künftig auf See zu verbringen.

Die kriegerische Entwicklung der vierziger Jahre enthob mich dann vorübergehend aller Berufssorgen.

Auch mein Bedarf an Heldentum wurde weitgehend entsprochen. Dabei fiel mir gelegentlich das Nähkästchen meiner Großmutter ein.

Das Kriegsende war besonders für mich so unglücklich, weil es mir erneut die Berufsfrage stellte. Schließlich folgte ich einem Ruf der Forstwirtschaft und begann eine viel versprechende Holzfällerkarriere. Ich hatte diese Stellung etwa ein Jahr bekleidet, als ich mich in einem mir heute unerklärlichen Bildungsrausch entschloß, mein Notabitur von 1941 zu vervollständigen. Nach bestandener Prüfung erfreute ich mich einer gewissen Fertigkeit sowohl im Lösen vielstelliger Differential- und Integralaufgaben als auch im Übersetzen griechischer Philosophen. Ferner verfügte ich über einen goldenen Zitatenschatz deutscher und englischer Klassiker. Zur musischen Abrundung meiner Ausbildung studierte ich noch sechs Semester an der Hamburger Kunstakademie.

Nach insgesamt zwanzig Lehrjahren sah ich mich nun imstande, ein kleines Männchen zu zeichnen, das mich bis heute ernährt. Ich bin gut zu ihm, damit es mich nicht verlässt.“

Loriot  (Bernhard-Viktor Christoph Carl von Bülow)

 

Aus: „Loroit´s Großer Ratgeber“; erschienen im Diogenes-Verlag
ISBN: 3-257-01648-4
Zeichnungen: Loriot

(sb)

Loriot, bürgerlich Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow – † 22. August 2011 in Ammerland am Starnberger See

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