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Der “emotional involvierte, präsente Ernährer-Vater”

22 August 2010 Ein Kommentar PDF Drucken Drucken

Der emotional involvierte, präsente Ernährer-Vater

Wann ist der Mann bereit für Kinder?

Männer fürchten, mit der Familiengründung ihre Freiheit zu verlieren. Denn sie haben den Anspruch, gleichzeitig traditioneller Versorger und fürsorglicher Vater zu sein.

Die Krux zwischen alten Männlichkeitsnormen und neuen Ansprüchen erforscht derzeit ein Schweizer Forscherteam am Zentrum Gender Studies der Universität Basel. Die Wissenschaftler um Andrea Maihofer haben 60 männliche Akademiker befragt: Wieso bekommen manche Männer Kinder und andere nicht?

Das Ergebnis der dreijährigen Studie: Viele Männer wissen nicht, wie sie Familie und Beruf unter einen Hut bekommen sollen. „Die Festlegung auf eine Familie ist für viele unserer Befragten ein Thema, das mit Ängsten und Ambivalenzen verbunden ist.“ Heute muss ein Mann gleichzeitig als Vater präsent und aktiv, aber auch noch Versorger und liebevoller Ehemann sein. Für diesen neuen Mann fand man in Basel eine Umschreibung: Der „emotional involvierte, präsente Ernährer-Vater“.

Dieser Anspruch steht im Widerspruch mit dem freien und unabhängigen Leben, das vor der Familienplanung als Ideal galt. Der 33-jährige IT-Experte Jendrick sagt: „Individualisierung und Verwirklichungsdrang haben bei mir jahrelang den persönlichen Takt vorgegeben. Man bekommt beides täglich massiv von außen eingetrichtert durch Politik, Werbung, Bildung. Als Vater würde ich meine Bedürfnisse stark zurückstellen.“ Seit drei Jahren diskutieren er und Freundin Ida, 35 Jahre, das Kinderthema. Ihre biologische Uhr tickt, seine „soziale Uhr“ ist noch nicht bereit. Aber was viele Männer nicht ahnen: Wer bis zum 45. Lebensjahr kein Vater ist, wird meist auch keiner mehr.

Zusammen mit seinen Kollegen H. Trappe und A. Wengler untersuchte Schmitt die häusliche Aufgabenteilung von Paaren und fand heraus: Mit der Geburt des ersten Kindes fallen viele automatisch in ein traditionelles Rollenmuster zurück. Er sorgt für das Familieneinkommen, sie, die vorher schlechter verdient hat, kümmert sich um Haushalt und das Kind. Davor fürchten sich nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer. Nur aus anderen Gründen.

„Deutschland hat ganz klar eine Tradition als Wohlfahrtsstaat mit der Fokussierung auf die Frau als Fürsorgeperson.“ Es sei auffällig, dass man hierzulande zwar von der skandinavischen Familienpolitik gelernt habe, aber in den Köpfen ein Denken herrsche wie in vielen südeuropäischen Ländern. Einen Wandel sieht Soziologe Schmitt da erst in „zehn plus X Jahren“.

Die Lösung liegt dabei vor allem in der Familienpolitik. „Es gibt feste Strukturen in den Köpfen der Männer. Die Normen müssen sich ändern und es muss selbstverständlich werden, dass ein Mann in die Kinderbetreuung einbezogen wird.“

„Wenn die Geburtenraten wieder steigen sollen ist es nötig, familienpolitische Maßnahmen – wie in Skandinavien – so zu koordinieren, dass sie Frauen nachhaltig in ihrer Doppelrolle in Beruf und Familie entlasten“, glaubt Schmitt. Hierzu sei es nötig, die öffentliche Kinderbetreuung auszubauen und die Männer stärker für die Familienarbeit zu motivieren. Erfreulich also, dass Familienministerin Schröder Anfang 2010 ankündigte, die Partnermonate von zwei auf vier Monate zu verlängern. „Die Vätermonate sind ein elementares Instrument, um die Männer in ihrem Beitrag zur Kinderbetreuung – und damit einer ausgeglicheneren Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau – zu aktivieren“, urteilt der Bevölkerungsexperte.

Doch im Freundeskreis wird es oftmals noch als „Bonus“ und nicht als Selbstverständlichkeit gesehen, wenn der Mann Vätermonate nimmt. Was auch daran liegen kann, dass viele Männer außerhalb der Partnermonate wenig Spielraum haben, weil sie ihre Rolle als Versorger erfüllen müssen.

So wie der 41-jährigen Michael. Zwei Monate genoss der Art Director Abstand zum Job und unterstützte seine Frau bei der Betreuung ihres 5-jährigen Sohns und der neugeborenen Tochter. Danach stieg er wieder in gleicher Weise wie vorher in seine Position ein – samt Überstunden. Keine Überraschung für Soziologe Schmitt. „Die meisten beruflich engagierten Männer leisten auch nach der Geburt weiter Überstunden.“ Folglich ist zumindest der Verlust der Selbstverwirklichung im Job kein Grund, keine Kinder zu bekommen. Aber der Anspruch war eigentlich ein anderer.

Was raten nun die Schweizer Forscher den Männern für ihre Rolle als „emotional involvierter, präsenter Ernährer-Vater“? Am Anfang stehen viele Fragen, die sich ein Mann stellen muss. „Fühlen Sie sich den eigenen Ansprüchen an eine Vaterschaft gewachsen? Was für ein Vater wollen Sie sein? Welche Veränderungen des eigenen Lebens würde das bedeuten? Ist dafür die richtige Partnerin vorhanden???“

(wz)

Quelle: Zeit  http://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2010-05/vater-freiheit

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