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Gesichter der Renaissance

13 November 2011 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Meisterwerke italienischer Portrait-Kunst noch bis zum 20. November 2011 in Berlin

Nur noch bis zum 20. November diesen Jahres, ist eine der meist besuchten Kunstausstellungen in Berlin zu besichtigen, ehe die Ausstellung ans Metropolitan Museum of Art, New York übersiedelt.

Auf einmal waren sie da: die Männer mit den Adlernasen und stolz gehobenen Augenbrauen, die jungen Frauen mit den Schwanenhälsen und dem blassen Teint, die grauhaarigen Alten, ja, sogar lachende Kinder. Auf Altarbildern vom Anfang des 15. Jahrhunderts überraschen manchmal die Gesichter der Stifter, die klein am Rand knien, durch ihre individuellen Züge. Jetzt aber, nur wenige Jahrzehnte später, füllen solche Menschen – keine Heiligen – ganze Leinwände, stellen sich selbstbewusst zur Schau. Ihre roten Gewänder leuchten, die Haare der Männer sind sorgsam frisiert, die der Frauen kunstvoll hochgesteckt. Anfangs sehen wir sie von der Seite, dann beginnen sie sich uns zuzudrehen, nehmen Blickkontakt auf und reagieren schließlich auf die Situation, angeschaut zu werden.

Die Entstehung des Porträts im Italien des 15. Jahrhunderts ist eine Revolution, die nun im Berliner Bode-Museum wie niemals zuvor zu erleben ist. Schon im ersten Ausstellungsraum sieht man sich ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten gegenüber. Das Licht der Strahler holt sie aus dem Dunkel der Räume, lässt die kostbaren Brokatstoffe strahlen. Die Inszenierung rückt auch die feinen Zeichnungen und die handtellergroßen Medaillen in den Fokus. Nur den Marmorbüsten schaden die scharfen Lichtkontraste. Im gleichmäßigen Tageslicht ein Stockwerk tiefer, wo sie sonst steht, wirkt Desiderio da Settignanos wunderbare Marietta Strozzi noch lebendiger.

Etwa 150 hochrangige Porträts aus aller Welt versammelt die Ausstellung, Florentiner, Mailänder, Mantuaner, Venezianer, Römer, 150 Gesichter – das ist für einen Besuch eigentlich viel zu viel. Durch ein einfaches Mittel aber wird das Interesse des Betrachters wach gehalten und gelenkt, wird aus dem Staunen ein forschendes Sehen: Die Kunstwerke sind paarweise zusammengestellt, Gemälde bilden auf durchgehenden schwarzen Samtstreifen Pendants wie auf zwei Buchseiten. Da ist Ghirlandaios berühmtes Bildnis des alten, pockennasigen Mannes mit dem Kind und daneben sein Doppelporträt des Bankiers Francesco Sassetti mit Sohn, das eine aus dem Louvre, das andere aus New York. Neben der Berliner Terrakottabüste von Filippo Strozzi – Erbauer des berühmten Palazzo Strozzi – ist nun auch die Marmorbüste aus dem Louvre zu sehen sowie eine Medaille mit dem Bildnis des alten Kaufmanns aus Washington. Ihre Krönung findet die Präsentation in einer Stirnwand, an der Giuliano de’ Medici im Tafelbild, in der Skulptur und in der Medaille verewigt ist. Die drei Porträts, auf denen Giuliano rätselhaft die Augen niederschlägt, sind fast identisch. Der junge Medici war 1478 einer Verschwörung des rivalisierenden Pazzi-Clans zum Opfer gefallen. Botticelli musste in Serie produzieren, damit die Florentiner mit dem Bildnis ihre Loyalität gegenüber der Medici-Familie zur Schau stellen konnten.

Auch für manches Frauenporträt, wie sie in Florenz häufig waren, im patriarchalisch geprägten Venedig dagegen äußerst selten, war der Tod der Anlass. Die verstorbene Geliebte sollte zumindest im Bild gegenwärtig bleiben. Meist aber entstanden die Porträts vor oder nach der Hochzeit. Im Vergleich erkennt man, wie formelhaft sie sind: Der lange Hals, die Blässe, das runde Kinn, der kleine Mund, die hohe Stirn kennzeichnen das Schönheitsideal der Zeit, die äußere Schönheit als Ausdruck der Tugend versteht. Selbst die marmorne Marietta, die doch so viel individueller und freier wirkt als ihre gemalten Mitbürgerinnen, hat diese Züge.

Wenn all diese jungen Frauen sich ähnlich sind, wenn die von Botticelli porträtierte Simonetta Vespucci im einen Gemälde blaue, im anderen braune Augen hat und die Haare teils offen trägt, wie es eine Florentinerin niemals getan hätte – wie nah kamen diese Porträts dann der Wirklichkeit? Ist es nur rhetorisches Künstlerlob, wenn die Dichterin Girolamo Corsi Ramos über ihr von Vittore Carpaccio gemaltes Bildnis schreibt, es wirke so real, dass man den Eindruck habe, sie hebe gleich an zu sprechen? Eine Antwort gibt wenigstens zum Teil der Vergleich der Gattungen.

In den Zeichnungen, die meist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, findet man nicht nur viel mehr ältere Menschen – deren Gesichter für den Zeichner interessanter sind als die Jüngerer –, sondern auch die ganze Palette menschlicher Gefühle. Kein anderes Medium kann die Verbitterung um den Mund, den von Traurigkeit überschatteten Blick oder eine gedankenvolle Stirn so eindringlich wiedergeben. Der Silberstift, die weiche Kreide oder Kohle arbeiten die Physiognomie des Menschen akribisch heraus, Fältchen, Adern, minimal verzogene Mundwinkel werden im suggestiven Hell-Dunkel der Zeichnung zu beredten Spuren. In Pisanellos Skizze des Kaisers Sigismund ist die Augenpartie des 65-Jährigen von Sorgen gezeichnet, die Lider geschwollen, Haare und Bart wirr. In einer zweiten, ausgearbeiteten Zeichnung hat Pisanello die physiognomischen Unregelmäßigkeiten abgemildert, die Schatten über den Augen verschwinden lassen. Das Porträt zeigt einen weisen Herrscher mit feinem Profil und aufmerksamem Blick.

Auch für gemalte Porträts, die in den Palästen der Familien oder in öffentlichen Sälen hingen, wurden Züge stets geglättet, das wird auch im Vergleich mit Münzbildnissen deutlich. Auf Pisanellos Medaillen mit dem Profil von Leonello d’Este, des kunstsinnigen Markgrafen von Ferrara, sieht man einen strengen, fast unfreundlichen Fürsten mit langer, flacher Nase, fliehender Stirn und ausgeprägtem Kiefer. Im Gemälde, das ihn in prächtigem Kostüm vor einer Rosenhecke zeigt – Anlass war möglicherweise seine zweite Heirat mit Maria von Aragon –, ist Leonellos Profil weniger kantig, die helle Haut und der blonde Haarschopf schimmern vor dem dunklen Hintergrund. Aus dem abweisenden Herrscher ist ein verträumter junger Mann geworden.

Die virtuosen Medaillen, die in der Tradition der römischen Münzen stehen, sind eine der Überraschungen in der Ausstellung. Es ist erstaunlich, dass man aus dem nur wenige Zentimeter großen, flachen Relief ganze Charaktere, ja sogar Lebenswege herauszulesen vermeint. Den gefeierten Erzieher und Humanisten Guarino Guarini etwa, den Matteo di Andrea di Pasti mit kräftigem Hals und schwerem Kopf, markanter Nase und klarem Blick festgehalten hat, kann man sich nicht anders als zupackend und umgänglich vorstellen.

Gewinnerin in dem Wettstreit der Gattungen aber ist, zumindest für Florenz und Rom, die Skulptur. In beeindruckender Weise vermag sie auch Hässlichkeit mit Würde zu verbinden: Der von Mino da Fiesole porträtierte Niccolò di Leonardo Strozzi, Bankier am päpstlichen Hof, wirkt trotz seiner feisten Wangen, des ausgeprägten Doppelkinns, der überlangen Nase und den hervorstehenden Augen nicht abstoßend, sondern interessant. Offenbar standen hier römische Büsten mit ihrem erstaunlichen Verismus Pate. Neuartig aber ist der Sinn für das Momentane, der die Skulpturen so lebensnah erscheinen lässt. Marietta Strozzi nimmt leicht den Kopf zurück, als fasse sie jemanden ins Auge, der überraschend vor sie getreten ist, Filippo Strozzi ist in sorgenvolle Gedanken versunken und starrt, den Kopf leicht geneigt, vor sich hin. Dagegen scheint der Staatsmann Niccolò da Uzzano, der bezeichnenderweise eine Toga trägt, mit seinem pathetisch erhobenen Kopf und dem in die Ferne gerichteten Blick von einer Vision ergriffen. Realismus und Idealisierung schließen sich nicht aus, wie diese bemalte Terrakottabüste zeigt, die physiognomische Ähnlichkeit gibt dem Topos vielmehr Überzeugungskraft. Der Bildhauer verwendete für sein Werk eine Abformung von Uzzanos Gesicht.

Die Künstler der Renaissance mussten also beides beherrschen, die charakteristische Darstellung und die Überhöhung, zumal auch die Ansprüche der Auftraggeber verschieden waren. Einige beklagten sich über mangelnde Ähnlichkeit, andere fanden sich zu hässlich wiedergegeben. Masaccios herber, skulpturaler Stil gefiel manchem Herrscher nicht, während Giovanni Bellinis elegante Bildnisse an den meisten Höfen geschätzt waren. Die Frage nach Wahrheit und Inszenierung wird noch ganze Generationen von Kunsttheoretikern beschäftigen. Aber in diesen frühen italienischen Porträts, in denen noch keine Attribute, keine Posen oder räumliche Szenerien von den Gesichtern ablenken, stellt sie sich ganz unmittelbar. (A. Meier)

Gesichter der Renaissance – Meisterwerke italienischer Portrait-Kunst noch bis zum – 20. November 2011 in Berlin

Bode-Museum
Am Kupfergraben 1
10178 Berlin Mitte

Zweite Ausstellungsstation: Metropolitan Museum of Art, New York vom 19. Dezember 2011 bis 18. März 2012

Metropolitan Museum of Art/ New York, USA

(wz)

Weitere Informationen: http://www.museumsportal-berlin.de/ausstellungen/exhibition-details/gesichter-der-renaissance.html

http://www.museumsportal-berlin.de/startseiteninhalte/gesichter-der-renaissance.html

 

Quelle: Staatliche Museen zu Berlin

Bildquelle: Black chalk, 23.2 x 19.4 cm Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

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