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Et Dieu… créa la femme

13 November 2011 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Sex als „High Risk“ in heutiger Zeit

Obwohl wir heute in einer der hinsichtlich Sexualität freiesten Gesellschaften leben, lässt sich in vielerlei Hinsicht jedoch ein Trend zu mehr Prüderie und puritanischem Verhalten feststellen. Am Beispiel der kürzlich in den Medien bis in die Intimsphäre ausgebreiteten Fälle von Kachelmann oder Strauss-Kahn ist jedenfalls in der Gesellschaft schnell eine Tendenz zur Vorverurteilung präsent, so daß wie in dem nachfolgenden Zeit-Artikel vom dem gleichen Muster wie in den Jahren zuvor, etwa der Profumo-Affäre oder beim Ex-US-Präsidenten Clinton sich puritanische Empörung äußert, obwohl in all diesen Fällen die Schwäche der Männer für das „Ewig Weibliche“, wie schon Goethe in seinem Faust beschrieben hat, in schamlosester Weise vorab an den Pranger gestellt wird.

Sex ist nicht alles

Was die Sexualität betrifft, so leben wir vermutlich in einer der freiesten Gesellschaften, die es je gab. Niemand, solange er unsere recht liberalen Gesetze befolgt, wird wegen seines Lebenswandels bestraft, keine Kleidervorschrift verhindert sein freizügiges oder provozierendes Auftreten, und der Seitensprung, der in alten Zeiten Kriege auslöste, ist seine Privatsache. Zugleich wirkt unsere Gesellschaft vollkommen sexualisiert. In den Medien, in der Werbung, in der Popkultur ist Sex das dominante Signal, und die einst streng verpönte Pornografie ist jedermann zugänglich.

Die Sexualität, früher die wichtigste Nebensache der Welt, ist zur unwichtigsten Hauptsache ge-worden. Die öffentliche Erregung über den Prozess gegen Jörg Kachelmann und die Verhaftung von Dominique Strauss-Kahn hat nicht allein damit zu tun, dass man sich über Vergewaltigung empört und mutmaßlichen Opfern Genugtuung verschaffen will, sie fügt sich auch in das Bild einer Gesellschaft, die so frei nicht ist, wie sie sich dünkt, sonst wäre sie nicht davon besessen, jede Intimsphäre ans Licht zu zerren und zu beurteilen. Und oft auch vorzuverurteilen, denn gleichgültig, wie die Richter den Fall Kachelmann beurteilen oder den von Strauss-Kahn: Deren Existenz ist beschädigt.

Dass menschliche Beziehungen selten gänzlich frei von Gewalt sind, kann man nicht bestreiten, und jede Gesellschaft muss alles daransetzen, Gewalt zu minimieren. Dafür haben wir das Strafgesetzbuch. Es verbietet Notzucht und Nötigung; es erlaubt nahezu alles, was auf freiwilligem und gegen-seitigem Einverständnis beruht. Darüber gibt es keinen Streit und darf es keinen geben.

Sexualität ist im Grunde so unschuldig wie das Bedürfnis zu trinken

Streit gibt es darüber, wie Männer und Frauen sexuell miteinander umgehen sollen, und hier geschieht etwas Merkwürdiges. Die Sexualität, die zuallererst ein biologisches, also lebenserhaltendes Faktum ist, wird aufs Neue, wie einst von der katholischen Sexualmoral, in die Pflicht einer höheren Vernunft genommen. Jetzt muss sie herhalten für den gesundheitsbewussten Dienst am Funktionieren des Ganzen. Nur der sexuell ausgeglichene, seelisch und körperlich optimierte Zeitgenosse ist fit für den Konkurrenzkampf. In der wissenschaftlichen Erforschung und Vermessung des Sexuellen, begleitet von rastlosen Ratgebern, die uns mit hygienischem und technischem Rüstzeug aller Art versorgen, steckt der Glaube an die Verbesserbarkeit des Menschen. Als Maschine erscheint er nun, die auf sportliche und sexuelle Höchstleistungen getrimmt werden kann und deren Erscheinungsbild dem jeweils gebotenen Standard entsprechen muss.

Und jetzt wird die Sexualität, die im Grunde so unschuldig ist wie das Bedürfnis, zu essen oder zu trinken, zum exemplarischen Schauplatz für alles, was an Größe und Gemeinheit im Menschen steckt. Wobei es ja klar ist, dass sich Größe und Gemeinheit auch im Sexuellen zeigen können – wie überall. Dass nun aber Machtfragen zwischen Männern und Frauen just hier entschieden werden sollen, ist absurd. Als ob von jemandem, der sich demütigenden Spielen hingibt, angenommen werden müsste, er liebe Demütigung schlechthin. Als ob aus der Tatsache, dass Kachelmann pro-minent war und DSK mächtig, zu folgern wäre, Männer, vor allem prominente und mächtige, hätten Spaß daran, Frauen zu quälen. Jeder päderastische Priester, jeder gewalttätige Mann erscheint nun als Beweis für die sexistische Verderbtheit des männlichen Geschlechts.

Dabei lehrt der Blick auf eine beliebige sommerliche Promenade, dass dem alten Spiel von Verlockung und Verführung der Nachschub nie ausgeht. Dass nämlich Frauen erotische Macht besitzen, die sie zur eigenen Freude oder auch zum eigenen Vorteil einsetzen, das wissen die meisten sehr wohl. Nur Barbaren schließen daraus auf ein Recht zum Übergriff. Aber das erotische Spiel mit seiner großen kulturellen Tradition war, so reizend es auch sein mag, nie völlig gefahrlos. Der Puritaner jedoch erblickt in der Vieldeutigkeit des Erotischen seinen größten Feind. Weil es unbere-chenbar und ungezähmt hervorbrechen kann, ist es für ihn das von Grund auf Verbotene, das durch ein strenges Reglement eingehegt werden muss. Die enterotisierende Energie des Puritanischen kann man in den USA am besten studieren, aber auch bei uns gewinnt sie an Boden. Sie fördert die allgemeine Tüchtigkeit, führt aber zu einem zwiespältigen Ergebnis: auf der einen Seite zu einem anschwellenden therapeutischen Gerede, das sich in den Dienst der Sauberkeit stellt; auf der anderen zu einer Pornoindustrie, die von der Lust auf Schmutz profitiert.

Aus Frankreich allerdings, das sich selbst gerne als die Heimstatt subtiler erotischer Kultur begreift, kommen erstaunlich unsubtile Reaktionen. Als der frühere französische Kulturminister Jack Lang sagte, es sei unüblich, einen Mann für ein Vergehen festzuhalten, bei dem schließlich niemand zu Tode gekommen sei, klang im Stillen die Botschaft mit, Zimmermädchen sollten nicht anfangen zu zicken. Und als der Philosoph Bernard-Henri Lévy in einem ZEIT- Interview sagte, die DSK-Debatte verrate »puritanischen Irrsinn«, war das ein Einwand, der zum denkbar falschesten Zeit-punkt kam. Vielleicht glaubte er sich schon im Kriegszustand mit den puritanischen Invasoren.

(wz)

Quelle: http://www.zeit.de/2011/23/01-Sexualitaet

Bildquelle: Peter Paul Rubens, Venus und Adonis, um 1630

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