Home » Interview, Krafttraining

Fleischmaurerei

13 November 2011 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

No Sports! – Zur Ästhetik des Bodybuildings,  ein Interview mit Jörg Scheller

Hochtrabende Bücher, die verstaubte Themen, Weltbilder und Begriffe wieder ans Tageslicht zerren? Kunstwissenschaft… Soziologie? Brrr… Auf Anhieb klingt das so faszinierend wie sieben Meter Waldweg.

Freimauer, Faschisten, Disneyland? Was für eine Mischung… Und was hat das alles mit Bodybuilding zu tun? Jörg Scheller weiß es. Er hat ein Buch darüber geschrieben: No Sports! Zur Ästhetik des Bodybuildings

Jörg ist junger Akademiker, schon viele Jahre am Eisen und hat in seinem Buch eine wagemutige Brücke geschlagen zwischen Philosophie, Kunst und Bodybuilding.

Es geht um den tieferen Sinn der „Fleischmaurerei“, wie er es nennt. Um das Selbstverständnis. Um seine Einordnung, seine Definition, seinen kulturgeschichtlichen Hintergrund und… ganz wichtig: um Ästhetik!

Überraschend gut gelingt ihm dies in der literarischen Umsetzung. Mit Esprit und Kreativität weiß er seine ganz eigene und gut fundierte Sicht auf die Welt des Bodybuildings zu formulieren. Das geschieht mit zum Teil hohem Anspruch an das Interesse und Verständnis des Lesers. Wer jedoch über den Rand der Hantelscheibe hinaus blicken und tiefer gehend in die kulturelle Verankerung, Entwicklung und Vision des Bodybuildings hinein tauchen möchte, wird in diesem Buch eine sehr durchdachte Grundlage finden.

Lieber Jörg, wenn wir Dein Buch als eine Antwort sehen… Was wäre die Frage dazu?

Inwiefern ist Bodybuilding tatsächlich Sport – oder nicht vielmehr Kunst? In meinem Buch zeige ich, dass Bodybuilding zwar aus dem Sport hervorgeht, dessen Prinzipien aber in vielerlei Hinsicht widerspricht. So wird ein Läufer im Gegensatz zu einem Bodybuilder nicht nach der Form seiner Waden beurteilt, sondern danach, wie schnell er mit diesen Waden sprinten kann. Ein Gewichtheber wiederum muss hohe Gewichte stemmen können – für den Bodybuilder gilt, was der IFBB-Profi Bob Cicherillo einmal sagte: „It’s not how much weight you can lift. It’s how much weight you look like you can lift.“ Ich werte das nicht negativ, sondern stelle nüchtern fest: Body-Builder sind eigentlich Body-Bilder. Ihr Ziel besteht darin, den eigenen Körper, ja das eigene Leben in ein Kunstwerk zu verwandeln. Ob man das für gute oder schlechte Kunst hält, ist jedem freigestellt.

Wo besteht für Dich der Unterschied zwischen Bodybuilder und Fitnesssportler?

Ich möchte drei grundsätzliche Unterschiede nennen. Zum einen will der Fitnesssportler gefallen. Er ist sexy, moderat, angepasst. Damit verkörpert er das Ideal der Masse. Der Bodybuilder hingegen will auffallen. Er ist verstörend und extrem – das Ideal der Wenigen. Fitness ist Mainstream. Bodybuilding ist, trotz Schwarzeneggers Erfolgen, im Kern eine verpönte Subkultur geblieben. Auf der FIBO in Hannover lässt sich das gut nachvollziehen: vorne die großen, sauberen und hellen Hallen der Fitnessanbieter, hinten die kleinen, verruchten Stände der Bodybuildinganbieter.

Zum anderen geht es dem Fitnesssportler primär um Gesundheit, Ausgeglichenheit und Leistungsfähigkeit. Er strebt nach einem langen, erfüllten Leben und will sich mit seinem flexiblen Körper alle Optionen offen halten. Der Bodybuilder hingegen strebt nach einer radikalen, unzweideutigen Körperästhetik – ob der Weg dahin gesund ist oder nicht, ist letztlich zweitrangig.

Last but not least ist die Körperästhetik des Fitnesssportlers stärker am antiken Ideal der Schönheit orientiert als die des Bodybuilders. Ich nenne die Ästhetik des Bodybuildings deshalb „erhaben“. In der Philosophie unterscheidet man seit dem 18. Jahrhundert zwischen dem Schönen und Erhabenen, wobei unter letzterem das Gewaltige, Schroffe, Unfassbare verstanden wird. Vor allem im Profi-Bereich übersteigt die Ästhetik des Bodybuildings das Vorstellungsvermögen des Publikums, erschüttert Konventionen, löst Staunen oder Empörung, auf jeden Fall starke Reaktionen aus.

Du schreibst, der Bodybuilder habe Aristoteles gekündigt und sei zu Nietzsche übergelaufen. Was meinst Du damit?

Aristoteles war der Ansicht, der Mensch müsse die Natur perfektionieren. Allerdings glaubte er, die Perfektion sei bereits in der Natur selbst angelegt – der Mensch müsse gewissermaßen nur ein bisschen nachhelfen, müsse nur ein paar Flüchtigkeitsfehler in Gottes Schöpfung korrigieren.

Friedrich Nietzsche war nicht länger dieser Ansicht. Für ihn stellte die Natur ein einziges Desaster, eine göttliche Fehlproduktion dar. Anstatt ihr auf die Sprünge zu helfen, sollte der Mensch die Natur neu erfinden – also Natur in Kultur verwandeln. In dieser Tradition sehe ich den Bodybuilder. Er betrachtet seinen Körper nicht als natürlich-gottgegeben. Statt dessen schafft er sich einen neuen Körper, erzeugt sich selbst mit Hilfe von Maschinen und synthetischer Nahrung. Bodybuilding ist somit Körper-Kultur im reinsten Sinne: An Stelle des Natur-Körpers tritt der Kultur-Körper.

Sind Bodybuilder überhaupt noch wahre Männer, Bodybuilderinnen noch echte Frauen?

Ich bin mir nicht sicher, ob es so etwas wie „wahre Männer“ und „echte Frauen“ überhaupt gibt. Frühere Generationen haben mit solchen Begriffen zu viel Schindluder getrieben, als dass ich sie noch unvoreingenommen gebrauchen könnte. Aber das wäre wohl eine lange Diskussion… Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Bodybuilder und Bodybuilderinnen im positiven Sinne widersprüchlich sind, da sie – willentlich oder unwillentlich – klischeehafte Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit unterwandern. Die Männer rasieren ihre Körper, betrachten sich unablässig im Spiegel, halten Diät und schonen ihr Körperkunstwerk, anstatt es im Kampf zu verschleißen – alles Tätigkeiten, die das Klischee den Frauen zuschreibt. Die Frauen wiederum entwickeln eine beachtliche Muskulatur und trainieren an Maschinen, was das Klischee als „männlich“ einstufen würde. In dieser Hinsicht ist Bodybuilding eigentlich recht fortschrittlich.

Weiß Bodybuilding einen kosmopolitischen und emanzipatorischen Beitrag zu unserer Gesellschaft zu leisten? Ist es etwas Modernes, Erhabenes, Absurdes? Oder ist es eher etwas Rückschrittliches, Martialisches… Nur Betätigung und Belustigung für das stumpfe Prekariat? Nur ein Sport für die Unterschicht?

Alles zugleich! Diese Ambivalenz macht es ja so spannend. Sieht man von Doping, Narzissmus und mangelnder Selbstkritik ab, so stellt sich mir das Bodybuilding allgemein als weithin unterschätzte Kunstform der Moderne dar. Du hast es angesprochen: Bodybuilding ist in der Tat weltoffen und kosmopolitisch, aktuell erfährt es etwa in Afghanistan einen großen Popularitätsschub. Es ist auch durchaus emanzipatorisch, unterscheidet es Menschen doch nicht nach Hautfarbe oder Religion.

Ich sehe das Bodybuilding deshalb nicht in der Tradition der faschistischen Körperkulte, sondern erkenne darin sogar ein Echo des Renaissance-Denkens. Dafür muss ich ein wenig ausholen…

Um 1500 keimte in Italien zum ersten Mal der Gedanke auf, der Mensch sei ein freies Wesen, das sich selbst gestalten könne. Der humanistische Philosoph Pico della Mirandola nannte den Menschen einen „Bildner seiner selbst“ – damals eine ziemlich häretische Äußerung. Dieses Idealbild des Menschen inspirierte die späteren Anhänger des Liberalismus, von denen viele Freimaurer waren – wie übrigens auch die meisten Unternehmer der Moderne. Der Liberalismus schließlich mündete in den angloamerikanisch geprägten Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen.

Deshalb erstaunt es nicht, dass es mit Ben und Joe Weider keine reaktionären Ideologen, sondern zwei liberale jüdische Geschäftsmänner aus Kanada waren, die 1946 das Bodybuilding als eigenständige Disziplin begründeten. Sie betrachteten das Bodybuilding auf vielleicht typisch amerikanische Weise: Jeder ist seines Glückes, aber auch seines Körpers Schmied. Den Körper als Kunstwerk zu inszenieren, stand für sie in keinem Widerspruch dazu, den Körper mit Gewinn zu vermarkten. So wurden Körper, Kunst und Kommerz untrennbar miteinander verwoben.

Man könnte einwenden, die hehren liberalen Prinzipien des Bodybuildings seien heute pervertiert. Das ändert nichts am Prinzip. Denn pervertiert werden kann schlichtweg alles – ob Christentum, Humanismus, Kapitalismus oder eben Bodybuilding. Es gilt also, dem wahren Prinzip und den weniger bekannten historischen Einflüssen des Bodybuildings wieder Gehör zu verschaffen.

Was macht das heutige Bodybuilding Deiner Meinung nach falsch? Wie vermag es sich gesellschaftsfähiger zu zeigen? Birgt es vielleicht sogar einen Nutzen für jeden Menschen oder wird es stets missachtete Randerscheinung bleiben?

Ich betreibe selbst seit meinem fünfzehnten Lebensjahr Kraftsport. Eine Zeitlang habe ich auch Bodybuilding praktiziert, dieses jedoch nie als Gegenpol zur intellektuellen Betätigung gesehen. Im Gegenteil. Ich habe viel vom Bodybuilding gelernt, etwa was Selbstdisziplin und Selbstformung anbelangt. Zudem ist Bodybuilding, trotz seiner Radikalität und Kompromisslosigkeit, die zivilisierteste Form der Körperkultur:

Bodybuilder treten als lebendige Skulpturen gegeneinander an, sie stehen in keinem unmittelbar physischen Wettkampf wie etwa im Boxen. Der sportliche Wettbewerb der Körper weicht einem Wettbewerb der Körper-Bilder und der Körper-Kunstwerke.

Die Bodybuilding-Szene muss sich jedoch stärker selbst reflektieren, muss selbstkritischer werden und nicht zuletzt ein Bewusstsein für ihre Geschichte entwickeln. Sonst bleibt sie weiterhin nur Gegenstand besorgter Psychologen oder hämischer Kulturkritiker. In den 1970er Jahren gab es viele Kontakte mit der Kunstszene – das war überaus produktiv. Es sollte im Bodybuilding nicht nur darum gehen, stumpf Muskeln aufzubauen, sondern auch darum, dieser Praxis eine Bedeutung zu verleihen. Erst damit ist das Körperkunstwerk komplett. Nur wer das, was er praktiziert, auch reflektiert und offen diskutiert, beweist die volle Souveränität über sich selbst und sein Schaffen.

(cz)

http://www.amazon.de/No-Sports-Zur-%C3%84sthetik-Bodybuildings/dp/3515097139/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1321225608&sr=8-1

Weitere Informationen: http://www.derwillezurkraft.de/

 

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (2 votes, average: 4,50 out of 5)
Loading...