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Lakeballtaucher

20 November 2011 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Der Schatz im Golfplatz-Teich

Ralf Oestmann sucht Gewässer nach verschlagenen Bällen ab.

Wenn Ralf Oestmann auf den Golfplatz geht, dann meistens mit großem Gepäck – Sauerstoffflasche, Bleigürtel und Neoprenanzug: Der 39-jährige Verdener ist Lakeballtaucher. Er sucht die Teiche auf Golfplätzen nach verschlagenen Bällen ab. Damit verdient er sein Geld. Denn fast jeder Ball lässt sich wieder verkaufen – selbst, wenn er schon 20 Jahre im Wasser gelegen hat.

Es ist früh am Morgen, als Ralf Oestmann auf Schloss Lüdersburg eincheckt. In regelmäßigen Abständen besucht er die 36-Loch-Anlage zwischen Lüneburg und der Elbe, um die Teiche des „Lakes Course“ auf Golfbälle abzusuchen. Seine Ausrüstung – neben dem Tauchgerät auch zwei Metallkörbe, in denen die Bälle gesammelt werden – packt er auf ein Golfcart. Lautlos geht es mit dem Elektrowagen zum ersten Wasserhindernis. Oestmann ist eigentlich gelernter Gärtner, seine Eltern haben einen Betrieb in Kirchlinteln-Armsen (Kreis Verden). Bei einem Urlaub auf Jamaika sei ihm die Idee gekommen, Greenkeeper zu werden, sagt Oestmann. „Ich kam an einer Golfanlage vorbei, hatte meinen Job als Gärtner gerade gekündigt und war auf der Suche nach neuen Möglichkeiten.“ Zurück in Deutschland, ließ er sich in Freising zum Platzwart im Golfsport ausbilden. Nach einem Praktikum im Hamburger Golf-Club Falkenstein und einer Zwischenstation in Cloppenburg arbeitete Oestmann als Greenkeeper in einem Bremer Golf-Club – bis er mal wieder etwas Neues ausprobieren wollte. „So kam ich zum Tauchen.“ Heute ist er einer der wenigen hauptberuflichen Lakeballtaucher in Deutschland.

Der erste Teich ist erreicht. Doch Oestmann muss warten, er will eine in der Nähe vorbeiziehende Golfer-Gruppe nicht stören. Als sie die Bahn verlässt, parkt er das Cart hinter einem Baum, damit es nicht von einem Ball getroffen werden kann. Oestmann schlüpft in seinen Neoprenanzug. Das Wasser ist kalt. Die Temperaturen gleichen denen der Nordsee an kühlen Herbsttagen. „Andere Taucher würden bei solchen Bedingungen einen Trockenanzug tragen, aber ich bin keine Frostbeule. Bevor es bei mir so weit ist, muss es erst richtig Winter werden“, sagt Oestmann.

Noch steht er am Ufer. „Bevor ich ins Wasser steige, beobachte ich erst einmal die Abschlagpunkte.“ Die Spieler wüssten ja in der Regel nicht, dass ein Taucher auf dem Platz herumlaufe. „So ein Ball kann leicht zu einem tödlichen Geschoss werden“, sagt Oestmann. Kaum gesagt, saust ein Ball ins Wasser – nur wenige Meter von ihm entfernt. „Da ist schon der erste“, kommentiert Oestmann trocken und lacht.

Nun geht’s in den Teich. Links und rechts zieht Oestmann die beiden Metallkörbe für die herausgefischten Golfbälle hinter sich her. In der Nähe bleibt ein Paar stehen und staunt. Bevor die Golfer weiter zum nächsten Abschlag ziehen, wird mit dem Handy noch schnell ein Foto von der seltenen Erscheinung gemacht. In seinem Taucheranzug und mit seinen Körben wirkt Oestmann wie ein Fischer, der mit Fallen auf der Jagd nach Bisamratten ist. Langsam wird das Wasser tiefer. „Gut gluck“, sagt er und taucht ab. Einzig die aufsteigenden Luftblasen lassen erkennen, wo er sich befindet.

Randvolle Körbe

Die Teiche auf dem Lüdersburger Golfplatz sind groß und bis zu sieben Meter tief, „das macht die Suche schwierig“, sagt Oestmann. Nach einer Stunde kommt er wieder zurück an die Oberfläche. Er hat fette Beute gemacht: Die Körbe sind randvoll mit Golfbällen gefüllt. „Vor 15 Jahren wäre ich mit dem Geschäft noch richtig reich geworden“, sagt Oestmann. „Bevor ich sie verkaufen kann, muss ich sie einlegen, reinigen und sortieren.“ Der Preis richtet sich nach der Beschaffenheit. Alte Bälle bringen nur wenige Cent, neuwertige bis zu 2,50 Euro. Für bestimmte Exemplare machten die Kunden aber auch schon mal etwas mehr Geld locker. Deshalb müsse er sich gut auskennen. Sehr begehrt sei unter Golfspielern zum Beispiel der Pro-V1 von Titleist oder der HX-Tour von Callaway. Gefragt sind auch Bälle der Marken Bridgestone, Nike und Wilson oder Bälle mit besonderem Aufdruck wie zum Beispiel dem BMW-Emblem, der AIDS-Schleife, lustigen Figuren oder einfach Werbeschriftzüge. „Je seltener das Exemplar, um so mehr bringt es ein.“ Bei seinem letzten Besuch hat Oestmann gut 500 Rangebälle aus dem Wasser geholt. „Die dürften eigentlich gar nicht in den Teichen liegen, weil sie ausschließlich für den Übungsplatz gedacht sind“, sagt Oestmann, „trotzdem spielen einige Golfer damit.“

Nach einem Regenschauer fährt der Verdener in Schlangenlinien zum nächsten Teich. Dabei profitiert Oestmann von seinen Erfahrungen aus der Greenkeeper-Zeit. Wenn er Nassstellen auf dem Platz erkennt, weicht er rechtzeitig aus, um keine Schäden zu hinterlassen. „Unerfahrene Lakeballtaucher fahren mitunter tiefe Spuren in den Rasen und zerstören den Platz, was eine aufwendige und teure Reparatur nach sich zieht“, sagt Oestmann.

Bei einem Tauchgang bleibt der 39-Jährige drei bis vier Stunden unter Wasser. Und nicht bei allen Tauchgängen ist er allein: „In einigen Teichen schwimmen nicht nur Graskarpfen und Barsche, sondern auch 1,50 Meter lange Hechte und bis zu 2,50 Meter lange Welse.“ Und das Risiko beim Lakeballtauchen? „Ich habe meinen Taucherschein gemacht und zusätzlich einen Technikkursus belegt, ich weiß, wie ich mit der Ausrüstung umgehen muss.“ Er schnallt sich die neue Sauerstoffflasche auf den Rücken. Stress oder Hektik? Keine Spur, Oestmann lässt sich viel Zeit beim Wechsel.

Momentan stellt der Lakeballtaucher einen Auftrag für einen ausländischen Kunden zusammen. 20000 Golfbälle habe der bei ihm bestellt. „Ein paar Bälle fehlen mir noch, bevor ich ausliefern kann. Deshalb geht’s morgen in alter Frische weiter.“

(sh)

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