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100 Meter in 8 Sekunden

20 November 2011 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

100 Meter in 8 Sekunden? – John Brenkus

„Bolts 9,69 Sekunden von Peking waren schier unglaublich, aber wenn man sich die stundenlangen Kommentare und Analysen dazu ansieht, stellt man fest, dass sich die Debatte größtenteils darum drehte, was denn noch möglich ist.

Eine Zeit unter 9,70 Sekunden hätte man erst Jahre später erwartet, aber nun begann man umzudenken und spekulierte sogar laut darüber, wann wohl die 9,60 geknackt werden würden und ob nicht auch die 9,50 geknackt werden könnten.

Als Bolt 2009 dann 9,58 rannte, flammte die Debatte erneut auf, und es hing eine Frage in der Luft, die dringend beantwortet werden wollte: Wo führt das alles hin? Wann ist aus dem Rennen die Luft raus? Wir wissen, dass Bolt der beste Läufer ist, den es je gab – die Zahlen sprechen für sich. Aber wenn es demnächst langweilig wird, ihn mit anderen Läufern der Gegenwart zu vergleichen, bleibt uns nichts anderes übrig, als ihn an der bestmöglichen Leistung der Zukunft zu messen.“

Die Leistung der Zukunft?

Hat der Verfasser dieser Zeilen eventuell einen Spaziergang zu viel mit Johnny Walker gemacht? Nicht wirklich. So beschreibt der Autor, Sportkenner und Kopf der ausgezeichneten amerikanischen Show Sport Science womit er sich tatsächlich befasst hat. In seinem Buch befasst er sich mit den theoretischen menschenmöglichen Leistungen verschiedener Sportarten. Es trägt den Titel: 100 Meter in 8 Sekunden?: Wie Wissenschaftler die Grenzen sportlicher Leistung vorhersagen

Es geht um den „Perfektionspunkt“

Um das anatomisch, physikalisch und klimatisch mögliche Leistungs-Optimum, dass man nach heutigen regelkonformen Maßstäben erreichen kann. Dass all diese Zahnräder der menschlichen Leistungsfähigkeit jemals auf Perfektion eingestellt sein werden, bleibt fraglich. Aber das interessiert hier gar nicht. Es geht nicht um das, was sein wird, sondern um das, was sein könnte… Was sein könnte, wenn alles perfekt wäre!

Grenzen

Dabei orientiert sich der Autor in Zusammenarbeit mit entsprechenden Wissenschaftlern und Sport-Koryphäen an festen menschlichen und irdischen Grenzen wie z.B. der maximal möglichen Leistungsfähigkeit des menschlichen Energie-Stoffwechsels und der Atmung, der endgültigen Belastbarkeit von Sehnen oder Schultergelenken und auch den maximal möglichen optimierenden Einfluss äußerer Bedingungen wie der Temperatur, der Luftfeuchtigkeit, des Luftdrucks usw. Auch die in einzelnen Disziplinen verwendeten Gerätschaften werden genau unter die Lupe genommen und auf ihr Optimum hin berechnet – solange dies regelkonform ist.

Die Disziplinen

Wie schnell kann ein Mensch sprinten… Wie viel kann er auf der Bank drücken… Wie schnell kann er schwimmen… Wie weit einen Golfball schlagen… Wie hoch einen Basketball dunken… Wie lang den Atem anhalten… Wie weit einen Baseball schlagen… Wie schnell einen Marathon oder die Meile laufen… wenn alles perfekt wäre?

Mit diesen Fragen und den dazugehörigen Disziplinen befasst sich John Brenkus in seinem Buch. Dabei lernt man wirklich viel Interessantes über die jeweiligen Sportarten, das Regelwerk, versteckte Potenziale, Geschichtliches, Anekdoten und Tabus. Vor allem weiß er die Faszination dahinter zu vermitteln und Respekt zu schaffen.

Respekt?

Insbesondere das Apnoe-Tauchen muss eine wirklich grenzwertige Erfahrung sein. Jeder von uns kennt sicherlich das Gefühl des Erstickens… Wie wärs mit einem kleinen Praxistest: Suchen Sie sich eine Uhr mit Sekundenzeiger und dann einfach mal die Luft anhalten. Mund zu… Die Nase zuhalten…

Wie fühlt sich das an? Was für ein Gefühl entwickelt sich in Ihrer Brust, wenn Sie bis an ihr Limit gehen? Wie viele Sekunden haben Sie bereits hinter sich? 45… 60… oder gar 75? Können Sie noch? Schnürt es Ihnen nicht gerade die Kehle zu? Platzt Ihre Lunge etwa nicht gleich vor Verlangen nach Sauerstoff? Sammelt sich nicht immer mehr Kohlenstoffdioxid in ihrem Körper und droht, ihn zu vergiften? Bekommen Sie Panik? Oder haben Sie etwa schon längst aufgegeben und wieder Luft geholt?

Was denken Sie, wo liegt der Perfektionspunkt für regelkonformes Luftanhalten? Denken Sie, dass es möglich wäre für – sagen wir – 5 volle Minuten die Luft anzuhalten? Wussten Sie, dass im Gehirn nach 3 Minuten ohne Sauerstoff die ersten Gehirnzellen absterben? Wären 5 Minuten da nicht doch etwas hochgegriffen? Wann haben Sie gerade die ersten Anflüge von Panik bekommen? Nach einer Minute? 5 Minuten können sehr lang sein.

Ich verrate Ihnen jetzt mal lieber nicht, wo der errechnete Perfektionspunkt liegt. Aber nur um das mal zu klären: Der momentane Weltrekord im regelkonformen Apnoe-Tauchen liegt bei 11 Minuten und 35 Sekunden! Wie das alles möglich ist, beschreibt John Brekus in seinem Buch.

Schreibstil

Der Autor weiß die jeweiligen Disziplinen ansprechend aufzubereiten und vermittelt dem Leser das Gespür für momentane und mögliche Rekorde. Zudem wird der einzelne Perfektionspunkt nicht einfach nur als abstrakte Zahl dargestellt. Jeder potenzielle Rekordwert wird in eine fiktive und durchdachte, aber manchmal auch sehr abgehobene Geschichte verpackt, unter deren optimalen und extremen Bedingungen die „perfekte Leistung“ absolviert wird. Typisch amerikanisch… aber nicht unbedingt schlecht. Manchmal sogar sehr mitreißend geschrieben.

Abgerundet wird das Ganze neben der Einleitung durch einen Exkurs zum Thema „Doping“ und den Epilog, in dem die jeweiligen Perfektionspunkte und ihre Realisierbarkeit kritisch hinterfragt werden.

Die mentale Komponente

Immer wieder wird auch deutlich gemacht, dass Barrieren oftmals eher psychologischer als physischer Art sind. Anhand vieler Beispiele wird klar, dass runde Zahlen nur schwer unterboten werden, obwohl es anatomisch und physikalisch überhaupt keinen Grund dafür gibt. So geschehen z.B. bei der legendären Vier-Minuten-Grenze für eine Meile, die während der Nachkriegszeit für unerreichbar gehalten wurde. Viele Athleten versuchten sich an ihr. Jahrelang scheiterten alle… Bis 1954 der legendäre Roger Bannister als erster Mensch die Meile in 3:59,4 Minuten lief. Kaum war dies geschafft, purzelten die Rekorde nur so… Sieben weitere Male in kurzer Folge stellten verschiedene Athleten eine noch bessere Zeit auf.

Da hat sich der Mensch Millionen von Jahren entwickelt, betreibt seit ein paar Tausend Jahren sportliche Wettkämpfe. Und es hat bis 1954 gedauert, bis ein Mensch nachgewiesen die Meile in unter vier Minuten lief. Kaum war dies mental als möglich anerkannt, schafften es plötzlich auch viele andere.

Im Endeffekt ist es unser Geist, der entscheidet, wie viel Leistung wir unserem Körper auch tatsächlich abfordern werden. Unser Körper ist stets darauf aus, Ressourcen zu sparen und Strukturen zu schonen. Steht er vor einer unmöglichen Aufgabe – wie z.B. dem Sprung über ein Hochhaus – so wird er bereits von Anfang an kapitulieren. Doch an den scheinbaren Leistungsgrenzen kommt es oftmals auf genau den Funken Wahnsinn an, der notwendig ist, um genau das für möglich zu erachten, was ansonsten jeder andere für unmöglich hält. Genau so werden Rekorde gebrochen. Mit einem freien und offenen Geist, der sich nicht an eingebildete Grenzen hält, sondern bereit ist, Neuland zu betreten und auf sein körperliches Potenzial zu vertrauen.

(cz)

http://www.amazon.de/100-Meter-Sekunden-Wissenschaftler-sportlicher/dp/3868831622/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1321823311&sr=1-1

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