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Henri Cartier-Bresson

21 November 2011 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Der Kompass im Auge: Amerika–Indien–Sowjetunion

17. November 2011 bis 26. Februar 2012

Der Fotograf, Zeichner und Filmregisseur Henri Cartier-Bresson (1908–2004) war ein weitgereister, kosmopolitischer Beobachter des Weltgeschehens. Wie kein zweiter Fotograf im 20. Jahrhundert galt er bereits zu Lebzeiten als Verkörperung der Fotografie der Moderne. Gerne betonte er, dass seine Leidenschaft nicht der Fotografie als solcher, sondern dem Leben galt, und dass er sich nicht als Reisender verstand, sondern als Beobachter des Geschehens, der jeweils Zeit in verschiedenen Kulturen verbrachte. Henri Cartier-Bresson war bei André Lhote an der Malerei des Kubismus geschult, von den Surrealisten rund um André Breton beeinflusst und von der Philosophie des Zen-Buddhismus inspiriert worden. Er prägte mit der spezifischen Ästhetik seines reichen fotografischen Oeuvres und seinen pointierten Gedanken zu Theorie und Praxis der Fotografie Generationen von Fotografen. Sein 1952 erschienenes Buch „Der entscheidende Moment“ („Images à la Sauvette“) zählt zu den meistzitierten Büchern in der Geschichte der Fotografie.

Durch die 1947 von ihm mitbegründete Agentur Magnum Photos legte er eine Messlatte für gesellschaftliches Engagement mit den Mitteln der Fotoreportage, gepaart mit dem Anspruch höchster fotografischer Qualität.

Die Ausstellung führt anhand von 214 Fotografien, die Cartier-Bresson über fünf Jahrzehnte hinweg in drei höchst unterschiedlichen Ländern – den USA, Indien und der Sowjetunion – in markanten Phasen ihrer Geschichte machte, und mehreren Dokumentarfilmen in seinen fotografischen Kosmos.

Die Ausstellung wird in Zusammenarbeit mit Magnum Photos und der Fondation Henri-Cartier-Bresson gezeigt.

Amerika

Unter allen Ländern, die Henri Cartier-Bresson besucht, haben die USA besondere Bedeutung in seiner beruflichen Entwicklung als Fotograf. Nach einem Jahr in Afrika, ausgedehnten Reisen durch Europa und Lateinamerika und zuletzt einem in Mexiko verbrachten Jahr trifft Cartier-Bresson im Frühjahr 1935 in New York City ein. Seine fotografischen Spaziergänge führen ihn durch das New York der Wirtschaftskrise. 1932 hatte er beschlossen, Fotograf zu werden, bereits 1933 findet seine erste Einzelausstellung in der Galerie Julien Levy in New York statt, bald danach erscheinen seine Fotografien auch in der illustrierten Presse. Nach Jahren in Kriegsgefangenschaft in Deutschland und im Widerstand in Frankreich kehrt

Cartier-Bresson im Frühjahr 1946 nach New York zurück. 1947 widmet ihm das Museum of Modern Art in New York eine erste große Retrospektive. Trotz der Anerkennung in der Kunstwelt wendet sich Cartier-Bresson dem Fotojournalismus zu. Mit dem Schriftsteller Truman Capote reist er für Harper’s Bazaar nach New Orleans, mit John Malcolm Brinnin quer durch die USA. Das Buch mit seinem ernüchternden Bild vom Zustand der Vereinigten Staaten von Amerika knapp nach dem Zweiten Weltkrieg wird erst knapp ein halbes Jahrhundert später erscheinen.

Bei der Gründung der Agentur Magnum Photos im April 1947 im Restaurant des Museum of Modern Art ist er zwar nicht anwesend, wird die Entwicklung dieser im Besitz der Fotografen selbst befindlichen Kooperative aber auf viele Jahre hinaus massiv mitprägen. Mit den anderen Gründungsmitgliedern Robert Capa, David Seymour, Richard Rodger und William Vandivert teilt sich Cartier-Bresson die Welt. Seine Zuständigkeit für Asien prägt seine Reisen der kommenden Jahre und hängt wohl auch mit seiner aus Jakarta, Indonesien, stammenden damaligen Frau, der Tänzerin Ratna Mohini, zusammen. Doch wird er die USA in den Jahrzehnten danach mehrmals auch für längere Aufenthalte aufsuchen, bei denen er fotografisch die Entwicklung des Landes nachzeichnet und auch zwei Dokumentarfilme entstehen.

Sowjetunion

Als am 5. März 1953 Josef Stalin in Moskau stirbt, bemüht sich Henri Cartier-Bresson um ein Visum für die UdSSR. Nachdem ein sowjetischer Regisseur im Kreml Cartier-Bressons Buch „Images à la Sauvette“ präsentiert hatte, kann der Fotograf im Juli 1954 einreisen. Er wird der erste Fotograf von Weltrang sein, der nach Stalins Tod die Sowjetunion bereist. Obwohl ständig kontrolliert, konzentriert sich Cartier-Bresson auf die Menschen in jenem größten Land der Erde, über dessen Alltagswirklichkeit im Westen kaum etwas bekannt ist.

Er besucht nicht nur Moskau, sondern auch Georgien, Usbekistan und den Kaukasus. 1955 erscheinen zwei umfangreiche Fotoserien von Cartier-Bresson in Magazinen wie LIFE und Paris Match. Auch hier ist Cartier-Bresson in einer historisch wichtigen Phase vor Ort. Der Tod Stalins bedeutet das Ende einer Ära und ein vorübergehendes Tauwetter in der Zeit des Kalten Krieges zwischen den damaligen Machtblöcken rund um die sogenannten Supermächte USA und Sowjetunion. Er wird in den frühen 1970er-Jahren wiederkehren, um sein Bild der UdSSR einer Aktualisierung zu unterziehen, wie er es mit vielen Ländern gerne getan hat.

Der Fotograf Henri Cartier-Bresson

Während seines Studiums der Malerei bei André Lhote bildet Henri Cartier-Bresson, der zunächst Maler werden möchte, sein Verständnis der Geometrie heraus, das seine Ansprüche an den Bildaufbau in der Fotografie prägen wird. Der ordnenden Kraft der Geometrie steht das Element des Chaos gegenüber, das dem Betrachter des Lebens überall entgegentritt. Beide Komponenten verbinden sich für ihn im entscheidenden Moment des Auslösens in der fotografischen Aufnahme, in dem für einen kurzen Augenblick alle Elemente im Bild den „richtigen“ Platz einnehmen. Als Georges Braque ihm in den 1950er- Jahren das Buch „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ des deutschen Philosophen Eugen Herrigel schenkt, vertieft sich für Cartier-Bresson seine Auffassung vom „fotografischen Schuss“. Es geht für ihn nunmehr darum, „Auge, Herz und Hirn“ auf eine Linie zu bringen, was auch bedeutet, die richtige Balance zwischen diesen drei Aspekten und Bedeutungsebenen einer Fotografie herzustellen.

Cartier-Bresson achtet peinlich darauf, als Beobachter mit der Kamera unbemerkt und — als er bereits berühmt ist — unerkannt zu bleiben. Diskret und schnell bewegt er sich durch die Straßen, immer die Hand an der Kamera, bereit für das nächste Bild. Er ist bereit, auch lange auf ein Bild zu warten, lehnt inszenierte Fotografie aber strikt ab. 1932 erwirbt er in Marseille seine erste M-Leica und hat damit sein fotografisches Instrument gefunden, handlich und unauffällig. Er bevorzugt ein 50mm-Objektiv und fotografiert konsequent ohne Blitzlicht. Farbe bildet die rare Ausnahme in seinem von Schwarz-Weiß-Filmmaterial geprägten Werk.

Kontaktabzüge sind für ihn der Schlüssel zur Beurteilung eines Fotografen. Fotografien stellt er gerne auf den Kopf, um die Komposition eines Bildes besser beurteilen zu können. Er legt großen Wert darauf, dass seine Fotos von den Bildredakteuren der Illustrierten nicht — wie allgemein üblich — beschnitten werden, sondern der Bildausschnitt der Aufnahme respektiert wird. Ab den späten 1960er-Jahren besteht er darauf, dass seine Fotografien mit dem schwarzen Rand des Originalkaders des Negativs vergrößert oder abgedruckt werden.

Konsequent lehnt er auch Retuschen ab und ficht für eine korrekte Widergabe seiner Bildunterschriften. Als er sich in den 1970er-Jahren aus der aktiven Tätigkeit im Fotojournalismus zurückzieht, widmet er sich verstärkt Buchprojekten und dem Zeichnen, das sein künstlerischer Ausgangspunkt gewesen war.

(vz)

Weitere Informationen unter:

http://www.kunsthauswien.com/de/ausstellungen/aktuell

 

Quelle: Kunst Haus Wien http://www.kunsthauswien.com/de/home

 

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