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„cuoresenza – herzohne“ – Das neue Album von Etta Scollo

30 Januar 2013 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

„Bild: Etta Scollo und Orchester 2006; mit freundlicher Genehmigung der Agentur Maganda“

Etta Scollo im Interview

 

Abseits der üblichen Wege findet man kleine Oasen der Schönheit. Doch leidet die Entdeckungslust oft unter der Behäbigkeit und der teuflischen Paarung von Anspruch und Gelingen. Der Kunst in Ihrer facettenreichen „Bildhaftigkeit“ zu begegnen ist aber ein durchaus schöner Pfad, dessen Begehung sich lohnt. Kunst soll auch Freude in sich tragen und transportieren. Diese Freude stellt sich beim Hören der Musik von Etta Scollo ein.

Etta Scollo, geboren in Catania, Chansonniere. Ihre Reise von Catania über Turin und Wien nach Hamburg führte sie vor einigen Jahren nach Berlin, wo sie auch heute noch lebt. Ihre Musik, eine Mischung aus traditioneller italienischer Musik, gepaart mit Soul und ihrer gefühlvollen Stimme darf dem Publikum nicht länger vorenthalten werden.

Voller gespannter Vorfreude trafen wir Etta Scollo im sonnig-herbstlichen Berlin auf der 1985 das erste Eisschnelllauf-Weltcuprennen in Deutschland stattfand.

androgon: Ihre Reise begann von Catania, Ihrer Heimatstadt nach Turin. Warum Turin?

ES: Der Beginn von allem war ein Traum. Als ich ein Kind war, stand für mich fest, dass ich aus Sizilien fortgehe, sobald ich 18 bin. Ich wusste nicht wirklich ein „Wieso“, ein „Warum“ und ein „Wohin“, nur ein frühes Gefühl der Entdeckungslust.

Endlich 18 geworden heiratete ich meine erste große Liebe, einen Sizilianer, der aber in Turin lebte. Er war älter, ein wunderbarer Mann und ich froh, ihn als erste Erfahrung in meinem Leben gehabt zu haben.

androgon: Wie reagierte Ihr Umfeld auf die Entscheidung, nicht nur mit gerade 18 Jahren Catania zu verlassen, sondern auch so früh zu heiraten?

ES: Meine Freunde fanden meinen Entschluss voreilig und mein Vater, der sehr progressiv war, war der Meinung ich sollte doch in Palermo bleiben und studieren. Es war zudem der Beginn des Feminismus zu spüren und während sich alle Leute trennten um mit der „Liebe“ zu experimentieren, tat ich das vollkommene Gegenteil. Eigentlich Nonsens…(lacht)

androgon: Sie haben dort Architektur und Kunst studiert. Somit haben Sie zumindest in einem Aspekt entsprechend dem Wunsch Ihrer Familie gehandelt.

ES: Das stimmt. Etwas später auch in einem Weiteren…

androgon: Das verflixte „Einer studiert und einer muss arbeiten“?

ES: Ja, wir trennten uns später. Mein Mann arbeitete in einem Büro und bemerkte für sich, dass das Leben zu schade ist, um lediglich einer stupiden Arbeit nachzugehen. Ich dagegen traf bedingt durch das Studium interessante Menschen. Die verschiedenen Lebensperspektiven verdeutlichten den Kontrast. Ich motivierte ihn, ebenfalls zu studieren. Das tat er und ging nach Florenz.

So kam es, dass ich auf einmal ganz auf mich gestellt war. Jetzt noch eine Unterstützung von meinem Vater anzunehmen, kam für mich nicht in Frage.

androgon: Wie haben Sie diese Zäsur im Alltag bewältigt?

ES: Neben dem Studium musste ich arbeiten. Ich fing bei Fiat an und montierte und schweißte immer vormittags, und am Nachmittag ging ich zu den Vorlesungen in der Universität. Das ging zwei Jahre lang, bis ich „zusammenbrach“. Ich beendete das Studium und den Job.

Da bekam ich das Angebot mit einer befreundeten Band auf Tournee zu gehen. Ich sagte sofort zu.

androgon: Ihr weiterer Reiseweg führt sie von Turin auf das Konservatorium nach Wien. Ist die Tournee als Beginn für Ihre weitere musikalische Karriere zu betrachten?

ES: Auf dieser Tournee lernte ich einen österreichischen Musiker kennen. Wieder Hals über Kopf (lacht) bin ich dann von Turin nach Wien gegangen. Das Konservatorium in Wien hatte für mich zunächst ganz praktische Gründe. Ich brauchte ein Visum und so lag es nahe, dass ich Gesang und Aufenthalt miteinander verbinden konnte.

androgon: Die Aufnahme auf das Konservatorium gestaltet sich doch meist als schwierig. Wie konnten Sie überzeugen?

ES: Ich hatte eine Gitarre und meine Stimme. Ich habe dann ein sizilianisches Lied regelrecht gebrüllt und sah die entsetzten Gesichter der Kommission. Bis auf einen. Der damalige Rektor des Konservatoriums. Er sprach mich nach der Prüfung an und sagte mir, dass er dafür eintreten würde, mich aufzunehmen.

androgon: Konnte er sich durchsetzen?

ES: Ja, obwohl er bestimmt viele Widerstände hatte. Ich wurde aufgenommen. Allerdings wollte ich klassischen Gesang studieren, kam aber in die Klasse für die Musical-Ausbildung.

androgon: Wie verlief den der musikalische Weg in Wien?

ES: Während der Ausbildung am Wiener Konservatorium, sang und spielte ich in einem Blues Trio, schrieb eigene Lieder und experimentiere musikalisch in Workshops mit Bobby McFerrin und Sheila Jordan. Das war für mich eine sehr fruchtbare Zeit, das Autodidaktische lag mir mehr als der Musicalunterricht am Konservatorium.

androgon: Von Wien zog es Sie nach Hamburg. Warum nicht München, liegt doch näher?

ES: (lacht) Es gibt wohl eine direkte Konkurrenz zwischen den Wienern und den Münchnern. Da war ich schon wohl ein wenig assimiliert. Und Hamburg ist für die Wiener wie Großbritannien. Es ist weit weg, da kann man keine Konkurrenz entwickeln. Ich muss aber gestehen, dass Hamburg eher zufällig meinen Weg kreuzte. Ich ging nach New York und kam in Kontakt mit der dortigen Musikszene. Der Besitzer der Skyline-Studios und damalige Produzent von Lou Reed wollte mein neues Album produzieren, jedoch wurde mein Vater krank und ich reiste zurück nach Palermo. Es war sehr schwierig für mich.

androgon: Was wurde aus dem Projekt in New York?

ES: Ich war damals bei einem Österreichischen Label unter Vertrag. Ich wollte wieder zurück nach New York, um dort die Platte zu produzieren, dass wollte man aber nicht in Österreich. Mein Produzent schlug dann eine andere Konstellation vor. Ich lernte den Toningenieur kennen und zog nach Hamburg.

androgon: Wie gefiel Ihnen Hamburg?

ES: Ich bin sehr nett aufgenommen worden. Die Hamburger wirkten auf mich sehr souverän und Ihre Art von Humor hat mich beeindruckt.

androgon: Sie haben Ihre Platten dann in Hamburg produziert. Wie kann man Ihre Musik beschreiben?

ES: Eine Mischung aus italienschen Singer-Songwriter-Liedern, gepaart mit Soul-Einflüssen. Einen weiteren Schwerpunkt bilden die Bläser und Chöre. Jeder Wechsel war für mich eine Art neuer Orientierungspunkt, auch musikalisch. Ich habe mich zu der Zeit von der österreichischen Popszene bewusst distanziert, die Hamburger waren weniger kommerziell und sehr persönlich.

androgon: Dies setzt eine große innere Flexibilität voraus.

ES: Ja, es gibt immer Phasen im Leben. Phasen, die beginnen und Phasen, die enden. Neues zu entdecken war der Reiz. Auch immer mit dem Hintergrund, seine eigene Position abzufragen. Ich habe mich auch gefragt, ob es Schicksal ist, oder ob ich die für mich dramatischen Ereignisse selbst herbeigeführt habe. Ich weiß nicht, ob Zufall existiert, aber es gibt Situationen, die gewisse Entscheidungen herbeiführen.

androgon: Ihre Musik ist sehr Besonders. Besonders in der Art und Weise der Arrangements. Ihre italienischen Wurzeln sind stark zu spüren. Vermisst man die Heimat mehr je weiter entfernt man ist?

ES: Mir war es wichtig, mehr zu erfahren. Nicht nur bezogen auf die Orte, zu denen es mich hinzog, sondern auch, mehr über meine Wurzeln zu erfahren. Sicher eine latente Sehnsucht, die ich aber als Sehnsucht nicht wahrgenommen habe. In Hamburg habe ich angefangen sehr persönliche Lieder zu schreiben. So entstand das Album „BLU:“. Ich verspürte Lust, traditionelle Musik mit der Klassik zu verbinden.

Die Verbindung von den Musikrichtungen habe ich als Passion angenommen. Inspiriert durch Elemente, die ich auf meiner Reise in mir aufgesogen habe. Meine Vision ist traditionelle Musik mit dem Blick auf die Zukunft.

androgon: Sie bekamen 2007 für Ihr Album „Canta Ró“ den Weltmusikpreis. Abgesehen von der fragwürdigen Gestaltung dieser Auszeichnung, was hat sich für Sie geändert und wie haben Sie es aufgenommen?

ES: Der Preis war in der Tat sehr speziell. Ich habe mich aber ehrlich gefreut. Ich fand das Festival sehr nett, aber ich empfinde mich nicht als eine Weltmusikmusikerin.

androgon: Wo würden Sie Ihre Musik einordnen?

ES: Ich habe auch keine Definition für meine Musik. Es ist eine Musik, die eben nicht ein typisches Genre bedient. Ebenso mache ich keinen Italo-Pop und bin auch nicht esoterisch angehaucht.

androgon: Zu Beginn unseres Gespräches auf der Eisbahn sagten Sie mir aber, Sie seien Zwilling im Aszendenten Zwilling und somit mit vier Persönlichkeiten beschäftigt.

ES: (lacht) Ja das stimmt. Die Sprunghaftigkeit oder eher die Flexibilität ist etwas, das zu mir gehört.

androgon: Und als Luftzeichen freiheitsliebend. Hat der Mond Einfluss auf Ihre Arbeit?

ES: Ich glaube ja…jetzt kommt doch auch bald Vollmond?

androgon: Ja.

ES: Ich bin ein wenig empfindlich, unruhig werde ich eher bei Fönwetterlage, oder einem typisch sizilianischen Winter. Aber da bin ich doch sehr kreativ.

androgon: Ist somit die deutlich niedrigere Niederschlagshäufigkeit in Berlin der Grund warum Sie von Hamburg weggezogen sind?

ES: Wir wollten eine Veränderung. Das teldex-Studio bot sich in Berlin an. Dieses Studio ist bekannt für seine klassischen Produktionsaufnahmen mit so wunderbaren Künstlern wie Sir Simon Rattle oder Kent Nagano. Mein damaliger Partner bekam als Toningenieur die einmalige Gelegenheit durch eine Kooperation einen Teil dieses Studios zu nutzen. So zog es mich nach Lichterfelde. Die Arbeit war sehr interessant, jedoch war Lichterfelde das Gegenteil von Hamburg. Ich wohnte gegenüber einer stillgelegten Kaserne und das einzige was ich traf, waren Füchse am Abend und Senioren mit Hund am Tag. Somit arbeitete ich viel, träumte von Sizilien und bekam von Berlin eigentlich nichts mit. Gleichzeitig trennte mein langjähriger Freund und ich mich, und fing wieder allein von neuem in Berlin an. So produzierte ich das neue Album „cuoresenza“.

androgon: Ihr neues Album empfinde ich als sehr lyrisch. Sie beschreiben in dem Booklet Ihrer CD als Einleitung den Zustand zweier Elemente. Herz und Körper verlassen einander. Ist das ein Teil Ihrer eigenen Biographie? Immer wieder neue Lebensperspektiven?

ES: Die Auswahl der Lieder ist autobiographisch. Zwei sinnbildhafte Begrifflichkeiten, die verschiedener nicht sein können. Das Herz ist immer sich Selbst. Das Herz ist immer ehrlich. Der Körper hat viele Widersprüche. Der Körper hat den Kopf, den Bauch. Ein Körper ohne Herz ist eine Maschine. Ein Herz ohne Körper ist das pure Leiden. Rationalität und Irrationalität. Ich hatte mich selbst als das Herz identifiziert und versuchte das Selbsterlebte durch den Pfad der Emotionalität, was für mich die Musik war, dem Körper zu begegnen.

androgon: Sie kommen gerade von einer Tournee durch Deutschland. Singen aber auch in Italien. Ist das Publikum ein anderes, weil Sie dort in Ihrer Heimatsprache singen?

ES: Ja, es ist schon etwas anderes. Vor einem italienischen Publikum habe ich das Gefühl, ich stünde nackt auf der Bühne. Auf einer Bühne kann man nicht lügen. Sie können toll moderieren, sie können wunderbar spielen, jedoch verrät die Körpersprache ob sie es ehrlich meinen. In Italien habe ich das Empfinden, man hört nicht nur meine Lieder, sondern man erkennt meinen Gefühlszustand. Dazu kommt, dass meine Lieder bekannt sind. Ich erkläre nicht den Text, sondern warum ich dazu kam dieses zu singen. Es ist natürlich klar, dass man in der Heimatsprache vorträgt. Das macht auch vieles leichter.

androgon: Ist es nicht ein Spagat, Sinn und Inhalt und vor allem die Seele Ihrer Lieder in eine andere Sprache zu übertragen?

ES: Das stimmt. Es ist sehr schwierig. Ein häufiger Austausch mit der Übersetzerin ist sehr wichtig. Das Deutsche hat einen wesentlich größeren Wortschatz. Deutsch ist sehr präzise. Italienisch ist mehr eine „Phantasiesprache“. Italienisch – habe ich das Gefühl – bietet weniger Wörter. Dafür beschreiben gleiche Wörter verschiedene Situationen. Es entstehen mehr Zweideutigkeiten, die Raum für eigene Interpretationen lassen. „Doppio senso“ oder besser „ambiguo“. Diese Begrifflichkeiten, die viel in der italienischen Sprache ausmachen, gibt es nicht in der deutschen Sprache. Meine Texte leben von der gewissen Undeutlichkeit. Das macht es schwieriger aber nicht unmöglich. Aber das Problem taucht auch auf, wenn man die Texte ins Englische oder Französische übersetzt.

androgon: Bleiben Sie Berlin treu?

ES: Es gefällt mir hier sehr. Ich fahre oft nach Sizilien. Es gibt aber keinen Ort, der ideal ist. Ich bin sehr gerne hier, gerade weil ich weiß, dass ich Berlin verlassen kann.

androgon: Ihre nächsten Projekte?

ES: Ich werde ein Hörbuch in Italien aufnehmen. Eine Novelle über den Mond von Vincenzo Consolo. Das nächste Musikprojekt „Sicilia Mater“ ist in Vorbereitung mit der – auch in Berlin lebenden – Schauspielerin Lucia Chiarla und der Dramaturgin Agnese Grieco. Die Tournee in Sizilien startete 2012  – am 19. Januar 2013 geht es in Deutschland weiter.

androgon: Ich bedanke mich sehr für das Interview und das Eislaufen.

(sb)

Ganz besonders bedanken möchten wir uns bei Frau Etta Scollo, die heldenhaft unser Interview auf Kufen durchlaufen hat.

Ebenfalls herzlicher Dank geht an Frau Wagmüller von der Agentur Trocadero für die tolle Zusammenarbeit.

Album: cuoresenza – Etta Scollo
 
www.ettasollo.de
www.trocadero-home.de
www.maganda.de

 

Etta Scollo – live Termine
19.01.13 Berlin, Tipi – Programm „Cuoresenza“
15.03.13 Karlsruhe, Tollhaus – Programm „Cuoresenza“
16.03.13 Stuttgart, Nacht der Museen – Programm „Cuoresenza“
03.04.13 Koblenz, Cafe Hahn – Programm „con Cello“
19.04.13 Worpswede, Musichall – Programm „Cuoresenza“
27.04.13 Braunschweig, Staatstheater – Programm „Parlami“
28.04.13 Schloss Neuhardenberg – Programm „Parlami“
18.05.13 Zürich, Volkshaus mit Pippo Pollina special/ Etta solo zu Gast
18.-23.06.13 Berlin, Bar jeder Vernunft – Programm „con Cello

 

SPIEGEL TV am 14.1.2013 um 23 Uhr auf SAT.1: http://www.spiegel.de/sptv/reportage/italien-in-der-krise-ciao-bella-ciao-a-876448.html
„Europa am Abgrund: ciao bella ciao – mit Etta Scollo durch Italien“ – eine Reportage von Beate Schwarz, mit Musik von Etta Scollo.
Für die Reportage reiste die italienische Sängerin Etta Scollo durch Ihr Heimatland – es ist eine Reise durch die Krise.
Wer ist schuld an Schulden, Arbeitslosigkeit, Korruption und Chaos? Wem nützen die jüngsten Reformen? Wie geht es den Menschen auf dem Land und in den Städten?
 http://www.youtube.com/watch?v=uZbNa1j5-pk&feature=share&list=UUlKQiLHypOvfndhDtnBJMNg
 

Interview: Sven Borger (androgon)

 Fotos: androgon; Miriam Bauer

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