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Rundskop

11 Dezember 2011 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Bullhead

Das Film-Debut des Belgiers Michael Roskam „Bullhead“ ist halb Millieustudie, halb ein europäischer Thriller. Er schildert in Neo-Noir-Tradition die momentane Situation von flämischen Rinderzüchtern und der mit ihr konfrontierten Hormonmafia in Belgien, einem Lande kurz vor dem Abgrund in moralischer, politischer und ökonomischer Hinsicht.

Die erste Szene gibt einen düsteren Waldrand sowie eine Wiese im Nebel wider. Eine Stimme aus dem Off erzählt vom Leben der Männer und von Geheimnissen, die lange Zeit verdrängt wurden mit dem Fazit: „Egal, was man tut: man ist verdammt.“ Das Inferno kann beginnen.

Schauplatz des Films ist das flache Land Flanderns, das proletarische Landleben der Bauern, von Bedrohung und Härte geprägt. Wo die Probleme zumeist durch bloße Körperkraft gelöst werden. Es ist eine Männerwelt, in der Rindfleisch in riesigen Mengen produziert aber auch verzehrt wird, Bordellbesuche und Body-Bilding zum Tagesgeschäft gehören, in der man den Tieren illegale Wachstumshormone spritzt und sich selbst ebenso das Testosteron verabreicht, um sich im Milieu der Fleischmafia durchsetzen zu können.

Im Zentrum steht Jacky, ein Hüne von einem Mann; man sieht ihm zu, wie er zu Hause seine Muskeln vor dem Spiegel spielen läßt und erkennt, dass man vor ihm Respekt hat, weil er nicht lange fackelt. Er ist Rinderzüchter, wie schon sein Vater zuvor und gehört dieser Welt an. Aber zwischendurch ahnt man, daß es etwas in Jackys Vergangenheit gibt, das er nicht verdrängen kann. Dies wird besonders deutlich, als eines Tages ein Polizist, der wegen illegalen Fleischhandels ermittelt, erschossen aufgefunden wird. Ausgerechnet als Jacky mit einem Rindfleischhändler ein heikles Geschäft einfädeln will.

Je mehr der Zuschauer über Jackys Story erfährt, umso stärker rücken tragödienhafte Elemente seines Schicksals in den Vordergrund. Dabei tritt die eigentliche Kriminalgeschichte deutlich zurück. Relativ schnell wird klar, dass der sich selbst Hormone spritzende Muskelberg einem inneren Druck standzuhalten versucht und kurz vor dem Explodieren steht. Der Grund dafür wird in einer langen Rückblende enthüllt, die die Hauptfigur in ein völlig anderes Licht taucht. In dem faszinierenden Perspektivenwechsel wird die Frage nach männlicher Identität aufgeworfen, in einer noch immer stark patriarchalisch geprägten Welt.

Der nun sensible Mensch im Körper eines Boxers wird von Matthias Schoenaerts gespielt. Schon bevor der Zuschauer von seinem Geheimnis erfährt, ahnt er, daß Jacky nicht einfach ein brutaler Typ ist. Seine bullige Muskel-bewährte Statur konterkariert Schoenaerts durch verletzlich wirkende Bewegungen, als müsse Jacky sich bei jeder Aktion vor der Welt in Acht nehmen. Hinter der Kulisse des wilden Stiers verbirgt sich schließlich die gepeinigte Seele eines traurigen, einsamen Menschen.

Das Regiedebut Bullhaed von Michael Roskam wirkt geduldig und ausgewogen in seiner Inszenierung. Er entfaltet die Abgründe seines Protagonisten jedoch mit einer enormen Wucht, der man sich kaum entziehen kann. Zugleich liefert er ein unerbittliches Porträt seiner belgischen Heimat, in dem nahezu alle Abgründe der Gesellschaft zum Vorschein kommen. Korruption, Nationalitäten-Streit und politisches Versagen. Unter die Haut geht jedoch vor allem der Thriller durch die eindringliche Dokumentation der besonderen Tragik seiner Hauptfigur.

Seit 24. November in den deutschen Kinos.

(«Bullhead», Belgien 2011, 120 Minuten, FSK 16, von Michaël R. Roskam, mit Matthias Schoenaerts, Jeroen Perceval, Jeanne Dandoy)

 

http://www.youtube.com/v/BtTcmprvGyQ

 

Quelle: Savage Film / faz/critic

 

 

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