Home » kultur, kunst

Krieg und Kuchen

15 April 2015 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Bildwerk als Erkenntnismittel. Kata Legradys cognitive tools

Kann man den Tisch mit den physikalischen Apparaten, an dem Lise Meitner und Otto Hahn 1938 ein Experiment durchführten, das Meitner und ihr Neffe später als erste Kernspaltung beweisen konnten, als das „Werk“ von Meitner-Hahn bezeichnen? Ganz sicher nicht, niemand würde eine solche Verwechslung von Werk und Werkzeug akzeptieren.

Im Kunstbereich wird nur allzu leichtfertig das Werk der Künstler mit deren Werkzeug gleichgesetzt. Entsprechend geht der Anspruch auf Werkschaffen verloren. Man gibt sich damit zufrieden, mit Werkzeug zu hantieren. So besitzt der größte Teil der Arbeiten zeitgenössischer Künstler keinen Werkcharakter mehr, weil auf den Ausweis von Erkenntnis mit eröffnendem Weltsinn zwangsläufig verzichtet wird – sei es aus modernistischer Beschränktheit, derzufolge Werkschaffen unmöglich geworden ist; sei es aus der Not schneller Reaktion auf Marktbedürfnisse.

Seit 100 Jahren versuchen Pataphysiker, Dadaisten, Surrealisten und Konzeptkünstler aller Bereiche der Versuchung zu widerstehen, bloßes Hantieren mit Werkzeug – und sei es noch so avanciert – als Kunstwerkschaffen auszugeben, indem sie weitestgehend auf Werkzeugmeisterschaft verzichten. Je dilettantischer oder ostentativ stümperhaft die Behandlung der Mittel, desto geringer die Verführung, in der Demonstration des Werkzeuggebrauchs schon das Werk zu sehen.

Andererseits wurde seit ebenso langer Zeit diskutiert, ob es Erkenntnis oder generell Geistestätigkeit ohne materiell-physische Verkörperung geben könne. Wenn aller Geist also auf „embodiment“ angewiesen ist, muss das Verhältnis von Werk und Werkzeug neu bestimmt werden. So entstand die Idee der Erkenntnismittel, der theoretischen Objekte oder cognitive tools, wobei an die Stelle des alten Werkbegriffs die Verpflichtung auf Wirkung trat.

Die Arbeiten von Kata Legrady erfüllen geradezu beispielhaft diese zeitgemäße Orientierung auf das Verhältnis von Handeln und Wirken sowie von Vergegenständlichung (embodiment) von Körper und Geist. Sie zielt auf Erkenntnis und nicht auf die Behauptung von Werkschaffen, das analog zur Schöpfung Gottes den Anspruch auf einen ontologischen Status erheben könnte. Sie zielt also auf Wirkung im Rezipienten, im Nutzer ihrer Arbeitsresultate. Der Betrachter leistet die Anstrengung einer Erkenntnis des Zusammenhangs von Kitsch des Geschmacks und des Gemüts einerseits und der Zerstörungslust andererseits. Für letzteres stehen die Waffen, für ersteres das Geschmacksdesign.

Im Übergang des lateinischen dulce zum italienischen dolce – also dem Übergang von Kriegsheroismus zu Gesellschaftsklatsch bei Törtchen und Unterhaltungsmusik – verweist Kata auf anthropologische Konstanten wie auf die Kulturgeschichte, auf zuckerbasierte Gehirnenergie oder auf die sprichwörtliche „Dolcemanie“ pathologisch aggressiver Menschen.Damit erweist sich Kata als eine erstrangige Agentin universeller Zivilisierung der Kraftmeierei wie des Behübschungszaubers. (Bazon Brock)

Bilder: Kata Legrady: Bombs & Candies. dulce et decorum

http://www.dailymotion.com/video/xcctoh_bombs-and-candies_creation

BOMBS AND CANDIES von ZeroTV

 

Weitere Informationen:
http://www.amazon.de/Bombs-Candy-Kata-Legrady/dp/8857208605
 
http://www.bazonbrock.de/werke/detail/?id=2561
 

 

Denker im Dienst und Künstler ohne Werk

Bazon Brock, Denker im Dienst und Künstler ohne Werk, ist emeritierter Professor am Lehrstuhl für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Bergischen Universität Wuppertal. Weitere Professuren an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (1965–1976) und der Universität für angewandte Kunst, Wien (1977–1980). 1992 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Eidgenössisch Technischen Hochschule, Zürich. Er entwickelte die Methode des »Action Teaching«, bei dem der Seminarraum zur Bühne für Selbst- und Fremdinszenierungen wird. Von 1968 bis 1992 hat er die documenta-Besucherschulen ins Leben gerufen. 2009 Besucherschule zur Ausstellung »60 Jahre. 60 Werke« im Martin-Gropius-Bau Berlin. Er moderierte elf Jahre lang die Sendung Bilderstreit – Kunst im Gespräch in 3sat. Rund 2000 Veranstaltungen; zum Beispiel: Wa(h)re Kunst. Der Museumsshop als Wunderkammer (seit 1994 in 18 Städten); Lustmarsch durchs Theoriegelände (2006, in elf Museen); Tag der Weltzivilisierung (24.11.2007 u. 2008); viele Gemeinschaftsaktionen mit Joseph Beuys, Nam June Paik, Friedensreich Hundertwasser und Wolf Vostell. Seit 2010 leitet er gemeinsam mit Peter Sloterdijk das Studienangebot „Der professionalisierte Bürger“ an der HfG Karlsruhe.

Institute: Labor für Universalpoesie und Prognostik, Büro für Evidenzkritik, Institut für theoretische Kunst, Institut für Rumorologie/Gerüchteverbreitung, Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der hohen Hand.

Zuletzt veröffentlicht:

Lustmarsch durchs Theoriegelände – Musealisiert Euch! (Buch & DVD, 2008); Mann mit Mission (DVD-Box, 2010); (Hg. mit Peter Sloterdijk): Der Profi-Bürger, 2011.

(vz)

http://youtu.be/8eHVfwUtG7c

Quelle: http://www.bazonbrock.de/werke/detail/?id=2561

 

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (3 votes, average: 5,00 out of 5)
Loading...