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Der großmütige Moralist

11 Februar 2015 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Charles Dickens Geburtstag

Vor 203 Jahren wurde Charles Dickens nahe der englischen Stadt Portsmouth geboren. Mit seinen Romanen „Oliver Twist“, „Große Erwartungen“ oder „Eine Weihnachtsgeschichte“ erlangte der englische Romancier Weltruhm. Charles Dickens hat wie kein anderer die Londoner Milieus  des 19. Jahrhunderts beschreiben – die realistischen Schilderungen der englischen Gesellschaftsschichten zwischen schicksalsgeschlagener Unterschicht und reichen Bürgern inspirierten Filmemacher und Theaterregisseure bis heute. Seine Bücher prangerten immer wieder soziale Missstände und Ungerechtigkeiten vor allem gegen Kinder an.

Charles Dickens sah nicht nur – er half

Charles Dickens- ein Schriftsteller, der sein eigenes Adjektiv bekommt, hat es geschafft: Dann erzielen seine fiktiven Welten eine Wirkung, die über das Werk hinausreichen. Mit dem Begriff „Dickensian“ beschreiben unsere britischen Nachbarn bis heute Texte, in denen es um Armut, miese Arbeitsbedingungen und Ungerechtigkeiten vor allem gegen Kinder geht. Es ist die Welt, die Dickens in seinen Romanen immer wieder mit großer Eindringlichkeit geschildert hat.

Eine seiner großen Leistungen ist es, dass er Kindern eine Stimme in der Literatur gegeben hat, dabei war er beileibe kein Kinderbuchautor. „Niemand, insbesondere kein englischer Autor, hat besser über die Kindheit geschrieben als Dickens“, fand George Orwell in seinem berühmten Essay über den Kollegen. Ob in „Oliver Twist“ oder in „Große Erwartungen“ – oft lehnen sich seine jugendlichen Figuren gegen Ungerechtigkeiten auf. Und das war offenbar das Thema seiner eigenen Kindheit.

Charles war das zweite von acht Kindern eines glücklosen Marinezahlmeisters. Als er zwölf Jahre alt war, nahmen seine Eltern ihn von der Schule und schickten ihn zum Arbeiten in eine Schuhcremefabrik. Dickens war entsetzt. Erst 20 Jahre später erzählte er seinem Freund und Biografen John Forster davon. Er schreibt darüber in „David Copperfield“, seinem erklärten Lieblingsbuch, das deutlich autobiografische Züge trägt.

Aber Dickens konnte nicht nur Kinder, er hatte vor allem ein Händchen für skurrile Charaktere. Der Sprüche klopfende Diener Sam Weller aus „Die Pickwickier“ ist einer dieser unvergesslichen Typen – oder die korrupte, stets betrunkene Hebamme und Leichenwäscherin Mrs. Gamp aus „Martin Chuzzlewit“. Der Geizhals Ebenezer Scrooge aus „Weihnachtslied. Eine Gespenstergeschichte“ ist heute schon fast so bekannt wie der Weihnachtsmann. Ihm hat nicht nur Walt Disneys Zeichner Carl Barks ein Denkmal gesetzt, als er Onkel Dagobert so im amerikanischen Original nannte. Ein „scrooge“ gilt im Englischen ganz allgemein als Begriff für einen missmutigen Jammerlappen.

Charles Dickens – die Handlung seiner Erfolgsromane

Charles Dickens kannte sich im viktorianischen London bestens aus. Die Metropole wuchs durch die Industrielle Revolution beständig, Wohn- und Arbeitsbedingungen in vielen Vierteln waren haarsträubend. Weil er fast alle Schichten der Gesellschaft kannte und beschrieb und, wo nötig, auch Missstände anprangerte, gilt Dickens als ein „Gewissen der Nation“. Es gab viel zu bemängeln: Armut, Hunger, Ignoranz, die Gleichgültigkeit der Reichen, die unfähige Justiz – und das Wetter.

Berühmt ist der Anfang von „Bleak House“: „London. Der Michaelitermin ist vorüber, und der Lordkanzler sitzt in Lincoln’s Inn Hall. Abscheuliches Novemberwetter. So viel Schmutz in den Straßen, als ob sich die Wasser der Sintflut erst gestern von der Erde verlaufen hätten … Nebel überall. Nebel stromaufwärts, wo der Strom zwischen Buschwerk und Auen fließt. Nebel stromabwärts, wo er sich schmutzig zwischen Reihen von Schiffen und dem Uferunrat einer großen – und schmutzigen – Stadt hindurchwälzt. Nebel auf den Sümpfen von Essex und den Höhen von Kent. Nebel kriecht in die Kajüten der Kohlenkähne; Nebel liegt draußen auf der Takelage und klimmt durch das Tauwerk großer Schiffe.“ Der Nebel wallt noch einige Zeilen lang weiter.

Dickens schrieb überzeugend über unerwiderte Liebe. Gelungene Liebesszenen sind bei ihm aber so selten wie starke Frauen als Protagonistinnen. Seine Geschichten gelten als sentimental, weitschweifig und melodramatisch – auch das ist Dickensian . Und einige Texte setzten im Laufe der Zeit Patina an. Oscar Wilde ätzte über Dickens‘ „Raritätenladen“: „Man muss schon ein Herz aus Stein haben, um nicht über den Tod der kleinen Nell zu lesen, ohne in Lachen auszubrechen.“

Charles Dickens schöpfte immer wieder aus der eigenen Biografie. Seine Mutter Elizabeth diente ihm als ein Vorbild für Mrs. Nickleby in „Nicholas Nickleby“. Auch seinem Vater John hat er mit Mr. Micawber in „David Copperfield“ ein literarisches Denkmal gesetzt. John Dickens lebte ständig über seine Verhältnisse und landete schließlich im Londoner Schuldgefängnis Marshalsea. Die Eltern konnten sich den Schulbesuch von Charles finanziell nicht mehr leisten. Die Zeit in der Schuhcremefabrik hat in dessen Werk Spuren hinterlassen. Von ihren Eltern verlassene Kinder und Gefängnisse findet man in vielen Dickens-Geschichten.

Dickens hatte später ständig Angst, seinen Wohlstand wieder zu verlieren, er vergaß nie, dass er selbst einmal arm war. Dabei war er ein Mann, der Missstände nicht nur beschrieb. Es sind viele Fälle bekannt, in denen Dickens Menschen half, die in Not geraten waren. Für Prostituierte gründete er sogar eine soziale Einrichtung.

Ein Doodle für den Mann, der uns so vieles schenkte

Wenn Prinz Charles mit seinem Kranz heute in Westminster Abbey steht, werden auch Claire Tomalin und andere Autoren mit in der Kirche sein. Die britische Biografie-Spezialistin Tomalin hat gerade ein Buch über Charles Dickens veröffentlicht. Sie schildert ihn darin als einen Mann von schier endloser Energie. Er war Journalist, Romanautor, Theaterliebhaber, er erholte sich von seiner Schreibtischarbeit bei langen Spaziergängen oder Ausritten. Er war ein großzügiger Gastgeber, lernte noch spät im Leben Französisch, reiste viel, ging als erster Autor überhaupt auf ausgiebige Lesereisen, die ihn bis in die USA führten. Für seine Lesungen dramatisierte Dickens seine Texte und arbeitete sie in szenische Auftritte um. Er brachte die Leute zum Lachen und zum Weinen, war ungeheuer populär und eitel. Er trug seine Haare länger, liebte extravagante Kleidung und nannte sich selbst den „Unnachahmlichen“.

Tomalin wirft aber auch einen Blick hinter diese PR-Fassade auf die dunkleren Seiten von Dickens‘ Charakter, und damit hat sie sich nicht nur Freunde gemacht.

Bei der Trennung von seiner Frau Catherine, die als plump und schläfrig beschrieben wird, verhielt sich Dickens nicht wie ein Gentleman. Im Alter von 46 Jahren, offenbar in einer Midlife-Crisis, begann er ein Verhältnis mit der jungen Schauspielerin Nelly Ternan. Es kam zu etlichen unschönen Szenen zwischen ihm und Catherine. Tochter Kate sagte später, ihr Vater habe sich in dieser Zeit „wie ein Verrückter“ benommen. Dickens wusch schmutzige Wäsche, schrieb einen verletzenden Brief über das Verhältnis zu seiner Frau, mit der er 22 Jahre zusammen war und zehn Kinder hatte, und ließ ihn in mehreren Zeitungen veröffentlichen. Kinder, Freunde und Kollegen waren entsetzt. Bis zu seinem Tod hielt er sein Verhältnis mit Nelly Ternan geheim. Sie sollen noch einen gemeinsamen Sohn bekommen haben, der aber wohl kurz nach seiner Geburt starb.

Lag es an diesen dramatischen persönlichen Ereignissen? Jedenfalls werden Dickens‘ spätere Romane immer pessimistischer. Die Charaktere in „Bleak House“, „Große Erwartungen“ und „Unser gemeinsamer Freund“ werden zerrissener – und interessanter. Sein letzter Roman „Das Geheimnis des Edwin Drood“ blieb unvollendet. Dickens starb am 9. Juni 1870 an den Folgen eines Schlaganfalls.

Seit seinen ersten Erfolgen war er eine öffentliche Person. Deshalb wurde er auch nicht, wie er es wünschte, auf einem kleinen Friedhof in der Grafschaft Kent begraben, sondern in Westminster Abbey. Als das bekannt wurde, fragte ein kleines Mädchen bange: „Charles Dickens ist tot? Wird dann auch der Weihnachtsmann sterben?“

Dickens blieb auch postum von großem Einfluss. Schon im ersten Satz von „Der Fänger im Roggen“ bezieht sich J.D. Salinger auf David Copperfield, auch wenn er sich gleichzeitig von ihm absetzt. Bis heute gehört Dickens in vielen englischsprachigen Ländern zur Schullektüre. Welchen Stellenwert Dickens immer noch hat, zeigte sich, als der British Council und Bertelsmann kürzlich in Berlin zu einem „Showcase“ mit mehr als 100 Teilnehmern luden. Im Zentrum stand die Frage, worüber Dickens heute schreiben würde. Geladen waren britische Autoren wie A.S. Byatt, David Nicholls und John Burnside, die ihre Lieblings-Dickens-Textstellen vorstellten und ihr eigenes Werk zu dem des Kollegen in Beziehung setzten.

Viele nannten „Große Erwartungen“ als ihren Lieblingsroman. David Nicholls zitiert daraus gleich am Anfang des ersten Kapitels seines Bestsellers „Zwei an einem Tag“. Er hat Dickens‘ Roman im Alter von 13 Jahren gelesen und sagt: „Ich dachte, der handelt von mir.“ Seine erste Begegnung mit Dickens hatte er, als er das Musical „Oliver!“ sah. Zurzeit verfilmt Mike Newell gerade Nicholls‘ Drehbuch zu „“. Der Film mit Jeremy Irvine, Helena Bonham-Carter und Ralph Fiennes kommt im Herbst in die Kinos.

„Dickens lebt auch in der Vorstellung der Leute, die ihn nie gelesen haben“, sagt Professor John Mullan vom University College London, „für so eine Wirkung würden aktuelle Autoren ihren rechten Arm geben.“ Die Autoren in Berlin spekulierten lieber lustvoll darüber, was ihr Kollege heute so treiben würde. Sein Stil, seine Dialoge wirken stellenweise kinotauglich, lange bevor das Kino erfunden war. Dickens war ein genialer Selbstvermarkter, er würde also vermutlich heftig twittern. Und Stoff fände er mehr als genug: An Ungerechtigkeiten wird auf absehbare Zeit kein Mangel herrschen.

(wz)

Weitere Informationen:

Dickens-Museum in London: http://www.dickensmuseum.com/

Roman Polanskis „OLIVER TWIST“


Bildquelle: http://stadtbibliothek-rostock.blogspot.com/2012/02/charles-dickens-721812-961870-200.html

Quelle: http://www.abendblatt.de/thema/article2180806/Charles-Dickens-sah-nicht-nur-er-half.html

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