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Impressionen aus Afghanistan

6 Juli 2010 Ein Kommentar PDF Drucken Drucken

Improvisation, Lethargie, Unwillen

KUNDUS Gero Riedel half bei Aufbau eines Lagezentrums der afghanischen Sicherheitskräfte mit.

Gero Riedel, 39, ist Hauptmann der Reserve. Fünf Monate war der Dromersheimer in Kundus. Er half beim Aufbau eines Lagezentrums der afghanischen Sicherheitskräfte.

Sein Fazit lässt am Sinn des deutschen Einsatzes zweifeln.

„Angst vor Repressalien haben alle deutschen Soldaten dort.“ Der Kadi im Hinterkopf hemme Entscheidungen, Handeln werde unmöglich. „Ständig werden Rechtsberater bemüht, auch mitten im Einsatz für den Befehl zum Feuern.“ Gefahrenabwehr sei kein klar abgegrenzter Begriff. „Die Folgen des Bombenabwurfs am 4. September 2009 bei Kundus wirken extrem nach.“

Angreifer nutzen Verunsicherung

Und Angreifer würden diese Verunsicherung nutzen. Riedel nennt ein Beispiel: „Unsere Kräfte wurden von Aufständischen beschossen. Sie setzten einem Angreifer nach, der eine geschulterte Panzerfaust trug. Er verschwand hinter einem Gehöft und kam mit andersfarbiger Jacke und Frau an seiner Seite zum Vorschein.“ Die Deutschen erkannten den Mann eindeutig. „Sie konnten aber nichts unternehmen.“ Ziel der Bundesregierung ist, dass afghanische Kräfte in zwei Jahren die Sicherheit eigenverantwortlich übernehmen. Gero Riedel schüttelt energisch den Kopf. „Keine Chance.“ Derzeit sei die afghanische Führung eher bestrebt, internationale Sicherheitskräfte im Land zu halten. Steuern als Einnahmequelle des Staates fehlen. Wovon solle ein Sicherheitsapparat finanziert werden? Benzin für Patrouillenfahrten fehlt, Kleidung gegen Kälte und vor allem das Gefühl für Zuständigkeit.

Hauptmann Riedel beschreibt Improvisation, Lethargie und oft auch Unwillen. „Informationen wurden nur auf mein nachhaltiges Insistieren hin weitergegeben.“ Wenn es um die Sicherheit deutscher Truppen geht, sei schneller Informationsfluss jedoch entscheidend. „Das können Afghanen nur sehr schwer verstehen.“

Bei Beschuss ausweichen, das zerschlage keine Strukturen. „Die Quelle für neue Rebellen versiegt dort nicht, solange Menschen keine Einkommensalternative haben.“ Riedel vergleicht den Einsatz im Aufständischengebiet mit dem Kampf gegen eine vielköpfige Hydra. „Unser Einsatz dort hat kein Konzept.“

Die Zusammenarbeit mit der afghanischen Führung sei für Europäer eine Geduldsprobe. „Das westliche System ist schlichtweg nicht übertragbar.“ Frühzeitig Nachschub für Diesel oder Papier anfordern, wenn der Vorrat zur Neige geht, das klappt nach neun Jahren Bundeswehreinsatz im Land nicht. Niemand fühlt sich zuständig, das ständige Nachbohren zehrt. Gero Riedel kam mit Zweifeln zurück. Würden die Bundeswehr und die anderen ISAF-Kräfte übereilt abziehen, hätte das sicher ein Machtvakuum im Land zur Folge. „Die Taliban würden ohne gefestigte Regierungsstrukturen wieder die Macht übernehmen.“ Es sei also richtig und gut, dass die Bundeswehr präsent ist.

Aber was können die deutschen Soldaten wirklich bewegen? „Im Kosovo hatte ich das Gefühl, dass wir nachhaltig helfen konnten.“ Er vergleicht. Mit Auslandseinsätzen hat er Erfahrung. „Vorbereitet war ich fast gar nicht auf die Kultur.“ Zwei Tage vor dem Abflug ein Anruf, was ihn erwartet in Kunduz – das war alles. Weder Unterkunft noch Auto waren bei seiner Landung organisiert.

Quelle: Mainzer Allgemeine Zeitung

http://www.youtube.com/v/BFuUbeQqN7o

http://www.youtube.com/v/xELsmKrI7lI

(rz)

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