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DAS MEER AM MORGEN

15 März 2016 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

LA MER À L’AUBE

„Das Meer am Morgen war so ruhig, wie unser ganzes Land. Empört werden die Menschen jetzt wach werden und sich erheben“

Frankreich 1941: Der 17-Jährige Guy Môquet ist in der Bretagne in einem Straflager interniert. Als in Nantes ein deutscher Offizier erschossen wird, ordnet Adolf Hitler die Exekution von 150 Geiseln an. Im Pariser Hauptquartier der deutschen Besatzer versuchen General von Stülpnagel, Oberst i. G. Speidel und Ernst Jünger die Hinrichtungen zu begrenzen.

Um den Plot in seiner Gänze zu verstehen, müssen Details vorab erläutert werden:
Die Massenerschießung und das Alter des jüngsten Opfers verursachten eine enorme Empörung in Frankreich. General de Gaulle rief im Radio zu einem landesweiten fünfminütigen Streik auf. Dieser erfolgte auch am 31. Oktober 1941.

Guy Môquet war Mitglied der kommunistischen Jugend und wurde 16-jährig von der französischen Polizei festgenommen. Trotz eines Freispruches, blieb er in Haft und wurde im Mai 1941 in ein Internierungslager nach Châteaubriant überführt. Nachdem am 20. Oktober 1941 der deutsche Oberstleutnant Karl Hotz erschossen wurde, wurden Guy und 26 weitere Mithäftlinge in Châteubriant exekutiert.

„Um zu verhindern, dass man 50 gute Franzosen erschießen lässt”, befürwortete der damalige französische Innenminister Pierre Pucheu die Auslieferung der „Kommunisten“ und ließ eine Liste erstellen. In Frankreich ist Guy Môquet das Gegenstück zu der deutschen Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ um die Geschwister Scholl. Der Abschiedsbrief von Guy Môquet wurde auf Anweisung von Nicolas Sarkozy alljährlich zum Todestag in den Schulen vorgelesen.

Die Idee zu diesem Film kam durch mehrere Zufälle zustande. Zum einen war Volker Schlöndorff als Austauschschüler in der Bretagne. Gerade ein Jahrzehnt nach der deutschen Besatzung. Als eines Tages in der Wochenschau Bilder vom Treueschwur der ersten Bundeswehrsoldaten gezeigt wurden, gab es heftige Reaktionen, im Kino ebenso wie damals auf dem Schulhof. Wehrdienst sei den Deutschen mehr als eine Pflicht, hieß es im Kommentar, eine heilige Aufgabe. Ohne Feindseligkeit wurde von Gräueltaten in der Gegend gesprochen. Ein Schulkamerad aus Nantes, der kleine Jean-Pierre, heute Arzt im Ruhestand, wohnte dort in der Rue du Roi Albert. Vor seiner Haustüre war im Oktober 1941, nach fast eineinhalb Jahren Besatzungszeit, zum ersten Mal auf französischen Boden ein deutscher Offizier erschossen worden.

Jahrzehnte später gab ein französischer Journalist Schlöndorff nach einem Interview ein kleines Büchlein in die Hand, das ihn interessieren könne. Die Geschichte des jungen Guy Môquet, der im Kino Flugblätter gegen die Besatzer hatte vom Rang in den Saal geworfen hatte.

Ernst Jünger hatte diesen bewegenden Brief nach der Hinrichtung ins Deutsche übersetzt. Wovon weder Schlöndorff noch sonst jemand in Frankreich etwas wusste. Erst die Entdeckung, dass Ernst Jünger sich in der Schrift „Zur Geiselfrage“ mit dem Vorgang befasst hatte, weckte wirklich die Neugier des Regisseurs an diesem Fall.

Drei Handlungsstränge werden in diesem Film zusammengeführt. Das Leben des jungen Guy im Internierungslager, die Situation im Hauptquartier nach dem Attentat und die einer kleinen Einheit der Wehrmacht, die das Erschießungskommando stellen muss. Drei unabhängige Räume, die der Krieg zusammenführt. Der Film berührt, man fühlt die Hilflosigkeit der Verantwortlichen und sieht ebenso fassungslos zu wie die Protagonisten mitmachen. Man spürt die widerwärtige Kollaboration und den großzügigen Umgang mit Menschenleben. All das kann der Film. Schwieriger wird es bei der Darstellung der Personen. Stereotype Bilder die den Charakter offen erkennen lassen. So ist der Denunziant der Polizei, fett, unansehnlich und brutal. Der Repräsentant der Deutschen Botschaft in Paris, nicht nur optisch schlitzäugig und kalt. Der Kommunist, bildhaft wie von einem Plakat während der russischen Revolution eines Iwan Simkow oder eines Alexander Apsit.

General von Stülpnagel wirkt von der Situation betroffen, versucht das Schlimmste zu verhindern, bleibt aber dennoch statisch. Ebenso schwierig wirkt Ulrich Matthes als Ernst Jünger. Zweifelsohne ist es außerordentlich schwierig einen Menschen darzustellen, der Bücher geschrieben hat, wie „In Stahlgewittern“, „Der Kampf als inneres Erlebnis“, „Feuer und Blut“, aber auch die Fabel „Auf den Marmorklippen“, mit seiner ungeheuren Wortgewalt. Dann aber auch als eine Person beschrieben wurde, die als ruhig, eher schmächtig in der Gestalt mit einer etwas zu hohen Stimme galt. So sind die Dialoge teils Exzerpte aus schriftlichen Hinterlassenschaften des Ernst Jünger voller Pathos und wenig menschlich.

In der Summe der drei Perspektiven entwickelt sich zwar ein Gesamteindruck, die Tiefe bleibt jedoch aus, weil auch die Fülle so umfangreich, die Personen so ungeheuer vielschichtig sind. Dies in 90 Minuten zu schildern ist wahrlich schwierig.

(sb)

Im Klett.Cotta-Verlag sind die Aufzeichnungen von Ernst Jünger „Zur Geiselfrage“.
Im Buch „Strahlungen I“ findet man eine Notiz über das Gespräch Jüngers mit General Stülpnagel (Paris, 23. Februar 1942).

 

 

Ernst Jünger – Zur Geiselfrage:

Schilderung der Fälle und ihrer Auswirkungen
Mit einem Vorwort von Volker Schlöndorff
Hrsg: von Sven Olaf Berggötz
Erschienen im Klett-Cotta-Verlag
ISBN: 978-3-608-93938-5

 

La mer à l’aube:
Regie: Volker Schlöndorff
Drehbuch: Volker Schlöndorff
Produzent: Bruno Petit
Darsteller: Léo Paul Salmain, Martin Loizillon, Ulrich Matthes, Marc Barbé, André Jung, Thomas Arnold, Harald Schrott u.a.
Genre: Drama
Filmproduktion: Frankreich / Deutschland, 2011
Kinostart: Herbst 2012
Musik: Bruno Coulais
FSK: 12 – Laufzeit: 90min

 

Ernst Jünger:
Ernst Jünger, am 29. März 1895 in Heidelberg geboren. 1901–1912 Schüler in Hannover, Schwarzenberg, Braunschweig u. a. 1913 Flucht in die Fremdenlegion, nach sechs Wochen auf Intervention des Vaters entlassen 1914–1918 Kriegsfreiwilliger 1918 Verleihung des Ordens »Pour le Mérite«. 1919–1923 Dienst in der Reichswehr. Veröffentlichung seines Erstlings »In Stahlgewittern«. Studium in Leipzig, 1927 Übersiedlung nach Berlin. Mitarbeit an politischen und literarischen Zeitschriften. 1936–1938 Reisen nach Brasilien und Marokko. »Afrikanische Spiele« und »Das Abenteuerliche Herz«. Übersiedlung nach Überlingen. 1939–1941 im Stab des Militärbefehlshabers Frankreich. 1944 Rückkehr Jüngers aus Paris nach Kirchhorst. 1946–1947 »Der Friede«. 1950 Übersiedlung nach Wilflingen. 1965 Abschluß der zehnbändigen »Werke«. 1966–1981 Reisen. Schiller-Gedächtnispreis. 1982 Goethe-Preis der Stadt Frankfurt/Main.1988 Mit Bundeskanzler Kohl bei den Feierlichkeiten des 25. Jahrestags des Deutsch-Französischen Vertrags. 1993 Mitterrand und Kohl in Wilflingen. 1998  stirbt Jünger im Alter von 102 Jahren in Riedlingen.

 

Weitere Informationen:
http://www.klett-cotta.de/nachricht/Ernst_Juengers_%C2%BBZur_Geiselfrage%C2%AB_und_Volker_Schloendorffs_Film_%C2%BBDas_Meer_am_Morgen%C2%AB/18957

 

Bildquelle: PROVOBIS FILM, Klett.Cotta-Verlag, Consulaires de l’ambassade Berlin

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