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Ein Leben im Grenzbereich

4 März 2013 Ein Kommentar PDF Drucken Drucken

Ausnahmesportler Stefan Schlett – Ein Leben im Grenzbereich

Im Zuge unserer Buchvorstellung „Bis ans Limit – und darüber hinaus“ von Iris Hadbawnik wollen wir einen der zehn in ihrem Buch portraitierten Spitzen-Athleten etwas genauer vorstellen.

Eng in einen Bademantel gehüllt, mit Flip Flops an den nackten Füßen und einem Handtuch bewaffnet überquert Stefan Schlett die stark befahrene Hauptstraße. Selbst im Sommer wäre der Anblick eines solchen Aufzugs nicht ganz alltäglich. Aber bei Minustemperaturen und geschlossener Schneedecke lässt er so manchen Passanten im unterfränkischen Kleinostheim bei Frankfurt am Main erstaunt aufblicken. „Meine Nachbarn haben sich mittlerweile daran gewöhnt“, lacht Stefan. Denn sie kennen ihn bereits und wissen, dass sich Stefan im Winter auf den Weg macht, um im eiskalten nahegelegenen Main ein paar Meter zu schwimmen. Eisbaden nennt man dieses zwiespältige Vergnügen, das mir bereits beim Zuhören eine Gänsehaut beschert, aber von Stefan als „Riesen-Gaudi“ bezeichnet wird. Inspiriert wurde er dabei vor etlichen Jahren von einem Buchcover des Survival-Gurus Rüdiger Nehberg, das diesen beim Eisbaden zeigte. Das ist ein so großes Vergnügen, bestätigt mir Stefan, dass er dieser Leidenschaft wohl bis zu seinem Lebensende frönen wird.

Diese Aktionen allein könnte man bereits als extrem bezeichnen. Dabei handelt es sich lediglich um eine von vielen Facetten im Leben des Extremsportlers Stefan Schlett, der in „Fachkreisen“ schlicht „Ultraschlett“ genannt wird. In den letzten 30 Jahren ist er bei mehr als 175 Marathons und 476 Ultraläufen gestartet. Er hat an 1.400 Wettkämpfen in 86 Ländern teilgenommen und hat dabei 64.000 Kilometer zu Fuß und mehr als 50.000 Kilometer auf dem Rad zurückgelegt.

a: Herr Schlett, Sie sind 1962 geboren und können auf eine 30-jährige Erfolgsbilanz als Extremsportler zurückblicken. Schon als Jugendlicher entdeckten sie den Reiz von Ultraläufen, zu dem im Laufe der Jahre die Leidenschaft fürs Bergsteigen, Fallschirmspringen, Radfahren, Triathlon und Eisbaden hinzukamen. Als freiberuflicher Abenteurer tanzten Sie auf allen Ausdauerhochzeiten dieser Welt und sind gleichzeitig erfolgreicher Journalist. Wie kamen Sie zum Extremsport?

SS: Dazu muss ich etwas weiter ausholen.

Mit 17 Jahren absolvierte ich meinen ersten Halbmarathon. Mit 19 stand ich bereits an der Startlinie eines 100-Kilometer-Ultramarathons. Den Grundstein für die bis heute andauernde Laufleidenschaft legte jedoch mein Klassenlehrer. Dieser entdeckte mein Lauftalent bereits in der 8. Klasse.

Als in Kleinostheim der erste Volkslauf „Rund um das Vitamar“ initiiert wurde, nahm mich mein Sportlehrer mit zu meinem ersten 20-Km-Lauf. Da war ich gerade 17 Jahre alt. Noch während des gemeinsamen Wettkampfes erzählte der Sportlehrer von einem 100-Kilometer-Lauf, an dem er wenige Monate später teilnehmen wollte. Auch wenn dieses Projekt nicht gemeinsam realisiert werden konnte, so war ich doch fasziniert von der Idee, einmal selbst 100 Kilometer am Stück laufen zu können. Und ab diesem Zeitpunkt ging mir das nicht mehr aus dem Kopf. So kam es, wie es kommen musste. Zwei Jahre später, im Jahr 1981 meldete ich mich kurzerhand beim 100-Kilometer-Rennen in Unna/Westfalen an. Dass dieses einen großen Schritt von 20 auf 100 Kilometer bedeutete, bekümmerte mich wenig.

Die nächste sportliche Herausforderung fand bereits drei Wochen später statt. Ich beschloss beim Marathon in Berlin zu starten. Das faszinierte mich, aber gleichzeitig stand ich auch unter einem großen Zeitdruck, denn das Zeitlimit des Marathons lag damals noch bei fünf Stunden. Also es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Doch von diesen Glücksmomenten beflügelt, meldete ich mich bereits wenige Wochen später zu meinem zweiten 100-Kilometer-Lauf an.

Sorgten die Verbesserungen der Finisherzeiten anfangs noch für eine gehörige Motivation, so wurden Bestzeiten im weiteren Verlauf der sportlichen Karriere lediglich zweitrangig. Für mich ist es wichtig, gut im Ziel anzukommen und zu akzeptieren, was der Körper hergibt. Sich über eine schlechte Wettkampfzeit zu ärgern, ist mir fremd. Das war wohl auch einer der Gründe, weshalb ich zu dieser Zeit anfing, nach jedem Zieleinlauf 50 Liegestütze zu absolvieren. Dies tat ich auch, um mir selbst zu beweisen, dass ich während eines Wettkampfes nicht an mein Limit gegangen und noch genügend Kraft vorhanden war. Zwei Jahrzehnte lang war dies mein Markenzeichen und ist noch heute Bestandteil eines Rituals beim Zieleinlauf ganz besonderer Wettkämpfe.

a: Herr Schlett, früher ist Mann als anständiger deutscher Bürger noch zur Bundeswehr gegangen, Sie waren auch dabei. Was spielte diese Zeit für eine Rolle in ihrem Leben?

SS: Als Abenteurer war mir schnell klar: Ich will zu den Fallschirmjägern! Dort verpflichtete ich mich zunächst für zwei Jahre. Weitere drei Jahre sollten später folgen. Eine weitere Verlängerung kam nicht zustande, da ich weder bei der Sportgruppe Heer „Fallschirmspringen“, der Sportgruppe Heer „Orientierungslauf“ noch bei den Kampfschwimmern aufgenommen wurde. Einer der Gründe dafür war sicher auch, dass ich der Bundeswehr mit meinen Unternehmungen zu suspekt war. Denn trotz der starren Urlaubsregelung für die gesamte Kompanie, bestand ich immer wieder auf Ausnahmeregelungen, um an den extremsten Wettkämpfen teilnehmen zu können. Die endgültige Entlassung aus der Bundeswehr enttäuschte mich, bis mir bewusst wurde, dass sich die wahren Abenteuer dieser Welt jenseits der Kasernenmauern abspielten. Seit dem Besuch der Bundeswehr habe ich nie wieder ein geregeltes Leben geführt. Letztendlich war dies der Einstieg zum Ausstieg.

Nach der Entlassung aus der Bundeswehr im Dezember 1986 genoss ich meine neu gewonnene Freiheit. Drei Jahre lang ging es Schlag auf Schlag. Es folgen Fallschirmabsprünge, Wüstendurchquerungen, Marathons, Bergbesteigungen, Kurzstreckenrennen, Triathlons, Multisport- und Abenteuerwettkämpfe, Ultralangstreckenläufe, Gewaltmärsche, Multi-Day-Rennen und vieles andere mehr. Drei Jahre lang Abenteuer pur, während ich von meinen Ersparnissen lebte. Und als dann das Geld aufgebraucht war, fand sich genau zu diesem Zeitpunkt mein erster Sponsor.

a: Ich möchte ein paar Meilensteine Ihrer Erfolgsbilanz aufzählen, damit der Leser einmal einen Eindruck gewinnt, was Mann so alles leisten kann! Welche Extrembelastungen und Wettkämpfe waren aber für Sie besondere Ereignisse?

 

Erfolgsbilanz (nur in Auswahl):
Wettkämpfe:
• TransAmerica Footrace (1992) – 4.723,7 Kilometer in 64 Tagen
• Trans-Australia Footrace (2001) – 4.292,5 Kilometer in 63 Tagen
• Trans Europe Footrace (2003) – 5.036 Kilometer in 64 Tagen
• Deutschlandlauf (1998) – 1.225 Kilometer in 17 Tagen
• Xerox-Challenge (1990) – Durchquerung Neuseelands per MTB, Kajak, Rennrad und zu Fuß 2.444 km in 22 Tagen
• Sieger des 1.000-Meilen-Laufes in New York (1999)
• 10 x Grand Raid de la Réunion – 130 Kilometer und 8.000 Höhenmeter nonstop
• 2 x Marathon des Sables (1987 + 1988) – Etappenlauf durch die Wüste
• Erster Deutscher beim Badwater Ultramarathon (1991) – 241 Kilometer nonstop durch das Tal des Todes (damals wurde noch inoffiziell zum Gipfel des Mt. Whitney gelaufen)
• Sowie diverse Marathon Läufe: Everest Marathon, Marathon auf der Chinesischen Mauer, Antarktis Marathon, See Genezareth Marathon, Baikalsee und viele weitere mehr
• 3 x Ironman Hawaii (3,8 km Schwimmen, 180 Rad, 42,2 Laufen)
• 2 x Ultraman Hawaii (10 / 420 / 84 km)
• Außerdem: Wettkämpfe über die Double-, Triple-, Vierfache-, Fünffache- und Zehnfache-Ironman-Distanz
 
Weltrekorde:
• Treppenlauf auf einer eigens für dieses Event aufgestellten Rolltreppe in Frankfurt: 21.403 Stufen/5.000 Höhenmeter in 5:03:11 Stunden
• Ultramarathon auf der „Explorer of the Seas“, einem der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt: 50 km in 4:04:59 Stunden
• Ultramarathon unter der Erde: 700 m unter der Erde und 500 m unter dem Meeresspiegel im Kalibergwerk in Sondershausen/Thüringen; 50 km in 5:31:38 Stunden
• Marathon auf dem Captain‘s Deck des Kreuzfahrtschiffes “Meridian”, auf hoher See zwischen St. Thomas (US-Virgin Islands) und Puerto Rico in 3:46:45 Stunden
• Weltrekord auf einem Laufband in der Fußgängerzone von Aschaffenburg, vor dem Sportgeschäft “Sport Team Willig”: 111 km in 11 Stunden
 
Weiteres:
• Erster Läufer, der den höchsten (Everest / Nepal), den tiefsten (See-Genezareth / Israel), den nördlichsten (Spitzbergen / Norwegen) und den südlichsten (Antarktis) Marathon gelaufen ist.
• Besteigung der höchsten Berge von fünf Kontinenten (Mount McKinley / Nordamerika – 6194 m, Aconcagua / Südamerika – 6959 m, Elbrus / Europa – 5642 m, Kilimandscharo / Afrika – 5895 m, Mount Kosciuszko / Australien – 2228 m)
 

SS: Dass sich der Körper im Laufe der Zeit an wiederkehrende Extrembelastungen gewöhnt, konnte ich bei meinen Transkontinentalläufen am eigenen Leib erfahren. 1992 startete ich beim TransAmerica Footrace. Dieser Lauf führte quer durch die USA. Insgesamt 4.723 Kilometer von Los Angeles bis New York mussten in 64 Tagesetappen bewältigt werden. 2001 durchquerte ich an 63 Lauftagen und mehr als 4.292 Kilometern Australien. Zwei Jahre später stand ich am Start des Trans Europe Footrace, das die Läufer an 64 Tagen und 5.036 Kilometern von Lissabon nach Moskau führte. Mit dem Absolvieren aller drei Läufe war ich gemeinsam mit dem slowenischen Läufer Dusan Mravlje der erste Mensch, der drei Kontinente im Wettkampf zu Fuß durchquert hatte.

1985 war ich einer der ersten Deutschen, die sich für den IRONMAN in Hawaii qualifizierten (damals musste man sich noch nicht dafür qualifizieren) und 1992 war wohl mein Königsjahr. Noch im Jahr des TransAmerica-Laufes startete ich sozusagen zum krönenden Abschluss im November bei der Premiere des DecaTriathlons, dem 10-fach Ironman, in Mexiko.

Schon längst war der „normale“ Ironman für mich keine Herausforderung mehr. Daher reizte mich die Teilnahme an einer zweifachen Ironman-Distanz. Eines der ersten Rennen dieser Art fand im Jahr 1989 in Huntsville (Alabama) in den USA statt. Dort organisierte ein Ärzte-Ehepaar im Rahmen eines Feldversuches, bei dem die Veränderung der Triathleten während der Belastung dokumentiert wurde, einen solchen Ultratriathlon. Den nächsten Schritt – die fünffache-Ironman-Distanz – absolvierte ich 1991 in Den Haag. Dort erfuhr ich bei einer Pressekonferenz von den Plänen des mexikanischen Ehepaares Andonie, im darauffolgenden Jahr eine 10-fache Ironman-Distanz in Mexiko auf die Beine zu stellen. Als ich das hörte, tat ich dieses als Wahnsinn ab. Eine 10-fache Distanz ist absoluter Blödsinn, dachte ich. Letztendlich kann man dies doch ins Unendliche steigern – 15-, 20- oder 30-fache Distanz …Während der 106 Stunden Wettkampfdauer in Den Haag hatte ich jedoch genügend Zeit, mir über Sinn und Unsinn einer solchen Veranstaltung Gedanken zu machen. Ich wog das Für und Wider ab und bereits beim Zieleinlauf der 5-fach-Distanz (19 km Schwimmen, 900 km Radfahren, 211 km Laufen) war mir klar, dass ich beim DecaTriathlon starten werde. Erstens, so lauteten meine Überlegungen, war ich noch nie zuvor in Mexiko gewesen und wollte das Land kennenlernen. Zweitens verfügt Mexiko über zahlreiche Vulkane, die ich gerne besteigen wollte und nicht zuletzt reizte mich das südliche Temperament mit Fiesta und Tequila.

Meine Ausdauerexzesse konnte ich sozusagen am laufenden Band bewältigen, weil ich nie an meine körperlichen Grenzen gegangen bin. Eines meiner Talente, mit denen ich gesegnet bin ist, dass ich sehr schnell regenerieren kann. Bei allen von mir absolvierten Wettkämpfen stand der Spaß immer im Vordergrund. Man wird bei mir nicht erleben, dass ich ausraste, herumschreie oder meine Betreuer beschimpfe. Selbst wenn es schwer war, hab ich immer versucht, alle Situationen mit Humor zu nehmen.

Vielen Dank Herr Schlett für dieses nette und unterhaltsame Interview!
Wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei Ihrem nächsten Ultralauf durch die Sahara am 04-10. März 2012
http://www.100kmdelsahara.com/
 

 

Nähere Informationen zu Stefan Schlett sind im Buch von Frau Hadbawnik zu finden. Iris Hadbawniks Buch befasst sich mit der Faszination Extremsport und portraitiert dieses anhand von zehn Extremsportlern.

Sie absolvieren einen zehnfachen Ironman-Triathlon, hangeln sich an Eiswänden in schwindelnde Höhen oder umrunden mit dem Kajak ganze Kontinente. Extremsportler vollbringen Leistungen im Grenzbereich menschlicher Fähigkeiten. Was treibt diese Menschen dazu, sich gefährlichsten Herausforderungen und körperlichen Qualen auszusetzen? Wie trainieren sie? Und wie finden sie dabei noch Zeit für Beruf und Familie?

Iris Hadbawnik, selbst Ultraläuferin, porträtiert in dem 2011 erschienenen Buch “Bis ans Limit – und darüber hinaus” zehn dieser außergewöhnlichen Frauen und Männer. Da ist z.B. die Amerikanerin Brigid Wefelnberg, die Ultraläufe der besonderen Art absolviert: durch die Wüste, auf der Chinesischen Mauer oder am Polarkreis.

Guido Kunze wiederum radelte in sieben Tagen und 19 Stunden 4.000 km quer durch Australien – neuer Guinness-Rekord! Und B.A.S.E.-Jumper Hannes Kraft ist immer auf der Suche nach neuen außergewöhnlichen Absprungpunkten, sei’s ein Canyon in Amerika oder der Pekinger Fernsehturm. Während es den einen darum geht, die eigenen Grenzen auszutesten, wollen andere Abstand vom Alltag gewinnen, die Natur erleben. Wieder andere betreiben Extremsport im Dienste der Wissenschaft: So wanderte der Sportwissenschaftler Frank Hülseman 600 km durch die Atacamawüste in Chile, um zu erforschen, wie der Energie- und Wasserhaushalt des menschlichen Organismus unter Extrembelastung reagiert. Tolle Bilder und Informationen zu den interessantesten Extremsport-Events der Welt, darunter der “Marathon des Sables” oder das “Race Across America”, runden dieses spannende Buch ab, das Einblicke in eine faszinierende Welt gewährt, von der viele “normale” Sportler träumen, ohne sich selbst hineinzuwagen.

 

Weitere Informationen unter:
http://www.stefanschlett.de/htm/index.htm
http://www.hadbawnik.de/Bis-ans-Limit.html
http://www.facebook.com/pages/Bis-ans-Limit-und-dar%C3%BCber-hinaus-Faszination-Extremsport/100344773402801
http://www.fitnessatbusiness.de/

 

Bis ans Limit – und darüber hinaus. Faszination Extremsport
Das Buch von Iris Hadbawnik ist seit 2011 im Buchhandel erhältlich
• Broschiert: 224 Seiten
• Verlag: Verlag Die Werkstatt GmbH; Auflage: 1. (31. August 2011)
• Sprache: Deutsch
• ISBN-10: 389533765X
• ISBN-13: 978-3895337659
• Größe und/oder Gewicht: 24 x 16,8 x 2 cm
http://www.amazon.de/Bis-ans-Limit-Faszination-Extremsport/dp/389533765X
 
 

Bildquelle: Stefan Schlett

Quelle: Bis ans Limit – und darüber hinaus. Faszination Extremsport

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