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Der Mann und der Tod

12 Januar 2015 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Ein kleiner philosophischer Exkurs zum Thema Tod

Max Scheler (*1874)  vs. Jean-Paul Sartre (*1905)

Mann sollte meinen, der Tod betrifft uns alle, aber wann setzen wir uns schon einmal mit ihm auseinander? Ist der Tod eine Erlösung oder eine Grausamkeit? Max Scheler und Jean-Paul Sartre befassen sich mit dem Tod und suchen Antworten auf diese existentiellen Fragen. Dabei kommen sie zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

Zur Position von MAX SCHELER:

Zunächst zu dem ersten Philosophen Max Scheler, der den Tod als natürlich betrachtet und die Verdrängung des Todes als falsch begreift. Er beschäftigt sich mit diesem Aspekt in seinem Werk „Zur Ethik und Erkenntnislehre“ im Kapitel “Tod und Fortleben“.

Seiner Vorstellung nach ist in der Lebenstruktur das Wesen des Todes schon immer enthalten – nimmt die Zukunft ab und die Vergangenheit zu, bewegt sich das Leben in Richtung Tod. Somit ist die Todesgewissheit a priori im Leben vorhanden. Das Sterben ist ebenso ein Akt des Lebens selbst. Der Tod ist also ein Bestandteil des Lebens und der Mensch besitzt damit eine intuitive Todesgewissheit. Diese erfüllt nach Scheler das Leben mit Sinn. Es gibt allerdings eine generelle Verdrängung der evidenten Todesidee durch den metaphysischen Leichtsinn oder den Lebensinstinkt, den der Mensch durchaus braucht um sein Leben zu führen.

Scheler stellt allerdings eine neue Form der Verdrängung der Todesidee bei dem zu seiner Zeit „modernen“ Menschen fest : den Arbeitstrieb. Und konstatiert bei diesem eine Narkotisierung der Todesidee durch starke Geschäftigkeit. Auch wenn Schelers Text aus dem Jahre 1911 stammt, können wir uns dennoch gut mit diesem von ihm beschriebenen Menschsein identifizieren. Dieser moderne Mensch versichert sich zwar gegen den Tod – aber er lebt nicht angesichts des Todes. Früher gab der Tod dem Leben seinen Aufbau und Gliederung, er war eine formende und richtende Gewalt des Lebens. Scheler stellt nun zu seiner Zeit allerdings fest, dass der Tod als sinnlose Gewalt empfunden wird, die über den Menschen hereinbricht. Der Mensch stirbt nicht mehr wie früher bewusst, sondern für ihn stirbt immer nur der Andere. Seiner Zeit, wie Scheler fortführt, wird der Tod nicht mehr als natürlich empfunden, als Erschöpfung der Lebenskraft, sondern die Lehren der Naturwissenschaft werden auf die Entstehung des Todes übertragen. Die Maschine, der Körper, ist reparierbar und wird repariert und künstlich am Leben erhalten. Der Organismus wird als chemischer – physikalischer und mechanischer Prozess verstanden – folglich kann das System nur von außen gestört werden – der Tod wird somit künstlich und katastrophal und nicht wie früher als eigener Akt des Lebens begriffen. Der Tod kommt von außen und zerstört das Leben. Mit dieser Haltung wird aber laut Scheler das Urphänomen „Leben und Tod“ geleugnet.

Scheler beschreibt die Position des zu seiner Zeit „modernen“ Menschen einleuchtend und plausibel, eine Position, mit der wir uns sicher ohne weiteres identifizieren können. Seine Ansicht, dass die Todesgewissheit das Leben mit Sinn erfüllt, ist allerdings in unserer heutigen Zeit schwer nachzuvollziehen. Schelers These zum Tod erscheint bei einem natürlichen Tod im Alter als sinnvoll, aber wie soll der Tod als sinnvoll betrachtet werden, wenn er einen Menschen plötzlich aus dem Leben reißt?

Zur Position von Jean-Paul SARTRE

Eine Todesauffassung, die dem heutigen Menschen näher kommt, ist sicher die des Existenzialisten Jean-Paul Sartre. In seinem wohl wichtigsten Werk „Das Sein und das Nichts“ von 1943 ist auch ein Abschnitt dem Tod mit dem Titel „Mein Tod“ gewidmet. Sartre führt darin sozusagen die Position des „modernen“ Menschen, den Scheler in seinem Artikel kritisiert und einen falschen Umgang mit dem Tod vorwirft, fort. Im Gegensatz zu Scheler vertritt Sartre die Auffassung, dass der Tod dem Leben jeden Sinn nimmt. Er wendet sich also gegen die idealistische Position, bei der das Leben durch den Tod zu einem sinnvollen Ganzen wird.

Sartres These, dass der Tod dem Leben jeden Sinn nimmt, stellt diesen außerhalb des Lebens und ist somit eine jederzeit potentielle Nichtung seiner Möglichkeiten. Das Leben gestaltet sich nach ihm aus einer Folge von Erwartungen, in denen sich der Mensch immer wieder neu entwirft. Man kann sich aber nicht auf den Tod hin entwerfen – d.h. man kann ihn nicht erwarten, da er nicht zur Lebensstruktur gehört. Das Leben ist daher nicht vom Tod aus zu betrachten, dies ist nur der Standpunkt der Anderen. Durch den Tod wird letztlich die Folge von Erwartungen, die das Leben strukturieren, blockiert – und damit erhält die Erwartung den Charakter von Absurdität.

Nach Satre ist der Sinn des Lebens zukünftig, d.h. die Bedingung für den Sinn ist die Zukunft, denn die Gegenwart wird immer von der Zukunft betrachtet. Die Vergangenheit leitet ihren Sinn aus der Gegenwart. Tritt jedoch der Tod ein wird die Zukunft genichtet, unsere Handlung hat keinen Sinn mehr, wird absurd. Der Tod nimmt dem Leben damit jeden Sinn.

Der Tod ist nicht nur als Nichtung unserer Möglichkeiten zu verstehen, sondern er macht uns auch zur Beute der Anderen. Tod-sein bedeutet für Satre den Lebenden eine Beute zu sein. Denn nach dem Tod vollzieht sich die Deutung unseres Lebens durch andere. Während das menschliche Leben den Sinn für sich findet, macht der Andere das Leben des Toten zu etwas anderem. Es geschieht eine radikale Umdeutung des „toten Lebens“, das Leben wird von außen her umgewandelt und somit entfremdet. Der Tod nimmt also dem Leben jeden subjektiven Sinn und liefert es der objektiven Bedeutung aus. Während man sich Im Leben gegen den Anderen wehren kann , d.h. Sich selbst entwerfen, geht dies im Tod nicht mehr. Der Andere gibt nun den Sinn der Existenz vor. Durch die Existenz des Todes vollzieht sich eine Entfremdung des eigenen Lebens. Nach Sartre macht der Tod also die Erwartungen im Leben unwirksam, die Verwirklichung von Zielen bleibt undeterminiert und verleiht nun allen subjektiven Erleben einen Sinn von außen – gibt ihm somit objektive Bedeutung. Letztlich ist unser Leben sinnlos. Mit Sartres Todesverständnis können wir uns in der heutigen Zeit sicher eher identifizieren als mit Scheler, was natürlich auch durch die zeitliche Einordnung, die uns näher steht, zu erklären ist.

(vz)

 

Weitere Informationen:

Max Scheler: Zur Ethik und Erkenntnislehre : ISBN-10: 3416029305; ISBN-13: 978-3416029308

Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts ISBN-10: 3499133164, ISBN-13: 978-3499133169

http://www.max-scheler.de/

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