Home » Gesellschaft, Literatur

Die Zwille

8 Juni 2016 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Die Zwille –  Ein Roman von Ernst Jünger

Der 1973 von Ernst Jünger publizierte Roman „Die Zwille“ erschien zunächst in der Form eines Fortsetzungsromans in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er spielt um die Jahrhundertwende in einer norddeutschen Großstadt (Braunschweig bzw. Hannover) und schildert den Lebensweg des Schülers Clamor Ebling, der auf Grund seiner hohen Empfindlichkeit und Ängstlichkeit ganz besonders unter den autoritären Verhältnissen der Schule zu leiden hat. Der Junge stammt ursprünglich aus dem niedersächsischen Dorf Oldhorst und wird, nachdem er beide Elternteile und seinen Vormund verloren hat, als Stipendiat in die Stadt geschickt, wo er die Quarta des Realgymnasiums besuchen soll. Clamor, der von seinen Mitschülern und Lehrern wie ein arg zurückgebliebener Dorfschüler behandelt wird, „gehörte nicht dazu“. Er war „von einer erstaunlichen Unkenntnis der Welt und ihrer Spielregeln. Er mußte auf einer frühen Stufe der Entwicklung stehengeblieben sein, bei wachsender Empfindsamkeit.“

Bereits am ersten Schultag wird er beinahe überfahren und legt voller Angst den Weg zur Schule zurück: Ein „Schlagwerk, das dazu diente, behelmte Pfähle in den Grund zu treiben, flößte Clamor ungemeinen Schrecken ein. Ihm war, als ob er einer Hinrichtung beiwohnte.“ Er empfindet das Leben sogleich in seiner ganzen Ambivalenz als erschreckend und anziehend zugleich. Die Angst entspricht dem allgemeinen Grundtenor seiner Gefühle. Sie tritt in allen Bereichen seines jugendlichen Lebens auf, in der Schule, Familie, Sexualität und Religion, sowie in den allgemeinen „Spielregeln“ der Welt, denen er ohnmächtig gegenübersteht. Auf die bedrohlichen Vorgänge, etwa die nicht mehr überschaubare und beherrschbare Technisierung der Welt, reagiert er mit Erstaunen und Erschrecken und mit einem Gefühl des Schuldig-Seins. Seine von Misstimmigkeiten geprägten Erfahrungen resultieren aus den Veränderungen der Realität, die sich der Kontrolle des Individuums entziehen: „Die Gesellschaft weichte an den Grenzen und in den Nähten auf.“ Die Wert- und Normkrise der Epoche kann vor allem an der Menge der dargestellten sexuellen Abweichungen (Ehebruch und inzestartige Initiation, Päderastie und Homosexualität, Sadismus und Masochismus) abgelesen werden, die die herkömmlichen Sozialstrukturen in Frage stellen und die Auflösungserscheinungen der wilhelminischen Gesellschaft veranschaulichen. Clamor selbst stammt vermutlich aus dem Ehebruch seiner Mutter mit dem benachbarten Müller von Oldhorst.

In der Schülerpension, der sogenannten „Presse“, trifft Clamor auf Teo, den Sohn des Pastors aus Oldhorst, einen frühreifen Gymnasiasten, dessen Allmachtsfantasien häufig zu gefährlichen Abenteuern führen. Teo ist genau das Gegenteil zu dem verängstigten Clamor, er ist ehrgeizig, selbstbewusst, und geradezu überheblich, sowie mit allen Wassern gewaschen. Er macht Clamor zu seinem „Leibschützen“ und beauftragt ihn, seine Lehrer und Mitschüler zu „beschatten“; was er dabei erfährt, „wird auf die hohe Kante gelegt“, denn Teo arbeitet mit den Mitteln der Erpressung: Er macht es sich zunutze, dass es in der dargestellten Welt zwischen den tradierten und weiterhin als verbindlich gesetzten Normen und der gelebten Praxis der Figuren eine deutliche Differenz gibt. Damit zeigt er seinen Lehrern dann die Grenzen ihrer Macht auf, wie z.B. dem Konrektor Zaddeck, einem sadistisch veranlagten Päderasten, der mit seinen Schülern sexuelle Beziehungen pflegte, („ein Schuß von Päderastie gehörte zum Gymnasium“).Diesem beabsichtigt Teo einen ordentlichen „Denkzettel“ zu verpassen, indem er ihm die Fensterscheiben einschießen will, weil er einen zarten und hilflosen Mitschüler bis aufs Blut gepeinigt und schließlich in den Selbstmord getrieben hat.

Doch das Unternehmen „Zwille“, mit der das Attentat ausgeführt werden soll – einer selbst gefertigten Schleuder – geht schief. Denn während Teo, als selbst definierte Instanz von ausgleichender Gerechtigkeit, und Clamor, sein Leibschütze, an Zaddecks Fenstern ihre beiden Zwillen erproben wollen, wird Clamor erwischt und festgenommen. Seine Festnahme erlebt er nur als rauschhaftes Ereignis, ohne es realisieren zu können. Er muss die Schule und die Pension verlassen, wird aber später vom Zeichenlehrer Mühlbauer adoptiert.

Jüngers Schülerroman zeigt die Gefährdungen sehr pointiert auf, denen ein junger Gymnasiast im wilhelminischen Deutschland zwischen 1900 und 1914 ausgesetzt war, wenn er sich den Quälereien seiner Mitschüler und Lehrer nicht entziehen konnte. In der Zwille, in der durchaus auch einige autobiographische Erlebnisse enthalten sind – Jünger war selbst einmal Pensionär in einer Braunschweiger „Presse“ gewesen – wird ein überwiegend bedrohlicher Schulalltag geschildert. Der Roman kann sicherlich nicht als Loblied auf die Schule betrachtet werden, es zeigt jedoch das „anekdotische Webmuster“ einiger Parallel-Schilderungen des damaligen Schulalltags, wie etwa der der etwas übertrieben rührseligen Feuerzangenbowle von Heinrich Spörl oder das des Internatslebens des „Jungen Törless“ von Robert Musil. In ihrer menschlich tragischen Konstellation wird der Roman u.a. gedeutet als „Vorgeschichte einer geschundenen Generation“, die den relativen „Frieden der Welt“ im August 1914 zu Grabe tragen wird.

(wz)

Weitere Informationen:
Sonderausgabe Die Zwille – von Ernst Jünger; 265 Seiten; ISBN: 978-3-608-95477-7
http://www.klett-cotta.de/buch/Juenger/Die_Zwille/4437

 

Quelle: Ernst Jünger: Die Zwille, Kindlers Neues Literatur- Lexikon

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (3 votes, average: 5,00 out of 5)
Loading...