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Der Waldgang

15 Juni 2016 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Essay von Ernst Jünger

Unmittelbar nach dem Kriegsende produzierte Ernst Jünger verschiedene Essays – Der Friede (1945), Über die Linie (1950), Der Waldgang (1951), „Der Gordische Knoten (1956) – in denen er die politische und geistige Situation der Nachkriegszeit zu charakterisieren versuchte. Im Wesentlichen ging es darin um die Frage: Wie verhält sich der Mensch angesichts und innerhalb der Katastrophe? In dem obigen Essay, der in Aphorismen verfasst ist, beschreibt Jünger einen Menschen als „Waldgänger“, der sich von der umgebenden Gesellschaft gedanklich unabhängig hält und zum Widerstand fähig ist, falls der jeweilige Staat ein verbrecherischer ist oder wird.

Inhalt
Ausgangspunkt des Essays „Der Waldgang“ ist die Betrachtung eines übermächtigen Staates in dem die Wahlen so gelenkt sind, dass keine wirkliche Alternative mehr besteht und 98 Prozent Zustimmung erzielt werden. Einige angeführte Aspekte, wie uniformierte Wahlhelfer, staatliche Propaganda oder suggestiv gestaltete Wahlzettel, erinnern an Scheinwahlen in Diktaturen, doch schränkt Jünger die Beschreibung nicht explizit auf solche ein – es kann sowohl ein diktatorischer Staat als auch die moderne Massendemokratie sein. Die zwei Prozent der Menschen, die mit Nein stimmen, stellen die potentiellen Waldgänger dar. Jünger setzt gegen diesen omnipotenten Staat den „Waldgänger“, den Einzelnen, der sich nicht von den Strukturen des Massenstaates vereinnahmen lässt, sondern Widerstand leistet.

Dass ein solcher Waldgänger tatsächlich Widerstand leisten muss, ist die Ausnahme. Für den Normalfall geht Jünger davon aus: „Im allgemeinen bilden die Institutionen und die mit ihnen verknüpften Vorschriften gangbaren Boden; es liegt in der Luft, was Recht und Sitte ist. Natürlich gibt es Verstöße, aber es gibt auch Gerichte und Polizei“. Allerdings muss dieser „Waldgänger“ von vornherein mit der Möglichkeit rechnen und darauf vorbereitet sein, dass sich das ändert und er irgendwann einem verbrecherischen System gegenübersteht: „Man kann sich jedoch nicht darauf beschränken, im oberen Stockwerk das Wahre und Gute zu erkennen, während im Keller den Mitmenschen die Haut abgezogen wird“ .

In einer Diktatur wäre es dabei unklug, einen Widerspruch offen zu äußern, es brächte einen lediglich ins Gefängnis. Zugleich erleichtert es eine Diktatur durch die Vereinheitlichung des politischen Lebens dem Waldgänger, Aufmerksamkeit zu erzielen. „Gerade auf eintönigen Unterlagen leuchten Symbole besonders auf“. Ein „Nein“ an einer Hauswand kann als Provokation oder Aufruf bereits reichen. Oder ein bloßes „W“ für Waldgänger oder Widerstand. Der Waldgänger ist für Jünger eine Art Werte-Guerillero, der sich nicht von den Lockungen des Staates einfangen lässt. Und gerade dadurch wird er zum Totengräber des autoritären Staates, der auf die Nichtbeachtung seiner Werte mit einem Aufwand reagieren muss, der ihn auf Dauer zugrunde richtet.“Er kann selbst Heere lähmen, wie man es an der Napoleonischen Armee in Spanien gesehen hat“, schreibt Jünger.

Wenn der Waldgänger Widerstand leistet, steht er damit immer außerhalb der jeweiligen staatlichen Rechtsordnung, wie auch immer diese beschaffen ist. Er kann also nicht erwarten, dass sich seine Motive strafmildernd auswirken. Er hat also ein Recht zu seinen Handlungen nur in einem ethischen Sinn, nie vor der Rechtsprechung des jeweiligen Staates.

Anspruch und Wirkung
Der Waldgang ist nach Jünger die einzig sinnvolle Existenzform unter dem drohenden Zugriff des Staates im Zeitalter der „Werkstättenlandschaft“. Er dient sozusagen zur Differenzierungsmethode des selbstbewussten Individuums und ist „weder ein Liberaler noch ein romantischer Akt, sondern der Spielraum kleiner Eliten, die sowohl wissen, was die Zeit verlangt als auch noch etwas mehr“. Jünger zeichnet damit das Bild des Wadgängers als eine Gestalt, die ein ursprüngliches Verhältnis zur Freiheit besitzt. Denn der tauscht die Furcht gegen die Freiheit, leistet Widerstand wo kein Widerstand möglich war, kämpft in Schlachten, die andere schon für entschieden und beendet hielten, liegt als einsamer Granit am Sandstrand: „Der Wahrspruch des Waldgängers heißt: ‚Jetzt und Hier‘ – er ist der Mann der freien und unabhängigen Aktion“. Er lässt sich keine Übermacht durch das Gesetz vorschreiben und er verteidigt sich dadurch, dass er den Zugang zu Mächten offenhält. Der Waldgänger als Typus stellt eine kleine Elite dar, die sich auf eine elementare, substantielle Freiheit besinnt und dadurch in die Lage gerät, auch unmittelbarer Machteinwirkung standhalten zu können.

Das Pendel vom Aktivismus kann jedoch zur totalen Verinnerlichung umschlagen, orientiert an Nietzsches Traumgestalt, dem geistig-seelisch autarken Übermenschen. In seiner Seele ist „Friede und Sicherheit“ aber auch „der Sitz der vernichtenden Gefahr“. Als letzter Inbegriff des Waldgängers präsentiert dieser nicht den politischen Partisan und Widerstandskämpfer, sondern den Dichter in Gestalt des Priesterkünstlers von z.B. Stefan George. Das Wort wird zur Schöpfungsmacht und „der Ort des Wortes ist der Wald“. Als militanter „Eremit“ begleitet der Waldgänger seinen Rückzug in die Innerlichkeit mit einer Art großer Verweigerung. Damit wird Jüngers Abkehr vom politischen Geschehen manifest. Der Widerstand gegen den allmächtigen modernen Staat formt die Waldgänger zu einer kosmopolitischen Elite, der vornehmlich auch die Dichter als Autoren und Mittler angehören.

Jünger prägt in dem Waldgang einen Stil in Form von fein geschliffenen Aphorismen, der auch seine späteren Schriften kennzeichnet und insgesamt damit seinen kulturphilosophischen Anspruch zum Ausdruck bringt.

(wz)

 

 

 Weitere Informationen:

Hörbuch: „Der Waldgang“ erschienen bei Edition-Apollon
http://www.edition-apollon.com/index.php?option=com_content&view=article&id=74:der-waldgang&catid=35
Buch: Der Waldgang erschienen beim Klett-Cotta Verlag
http://www.klett-cotta.de/buch/Juenger/Der_Waldgang/4435

 

Quelle: Ernst Jünger: Der Waldgang, Kindlers Neues Literatur-Lexikon

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