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Die Flucht vor dem Frieden

22 Juni 2016 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

Ernst Jünger: Kriegstagebuch 1914 – 1918

Ehe man sich der Gefahr aussetzt, soll man sich vorsehn, steckt man aber einmal darin, bleibt nichts übrig, als sie zu verachten. (Luis Coloma)

Von den unzähligen Büchern, die nach dem Ersten Weltkrieg über diesen erschienen, sind die deutschsprachigen Publikationen von Erich Maria Remarque „Im Westen nichts Neues“ und Ernst Jünger „In Stahlgewittern“ die heute noch bekanntesten. Obwohl die Mehrzahl der Veröffentlichungen auf eigenen Erfahrungen beruhen, ist das Werk „In Stahlgewittern“ besonders. Besonders, da Ernst Jünger während seiner Dienstzeit kontinuierlich Aufzeichnungen führte. Die insgesamt 15 Kriegstagebücher, geführt von Ende 1914 bis zum August 1918 bilden die Grundlage für seine späteren Veröffentlichungen.

Wenn man von Ernst Jünger spricht, fällt der Ausdruck „preußischer Anarchist“. Sich widersprechende Begrifflichkeiten, die den Kontrast der Person Ernst Jüngers widerspiegeln. So wie der Dschungel und die Wüste vieles gemein haben, so sieht Ernst Jünger Parallelen zwischen dem Anarchen und dem Konservativen.

Für Ernst Jünger ist die Essenz des Daseins inmitten einer großen Schicksalhaftigkeit die Erhöhung des Mannes. Über den Ursprung hinaus entwickelt Ernst Jünger ein übergeordnetes System, indem der Einzelne entweder im unausweichlichen Zerfall des Ganzen zerbricht, oder nach der überlebten Feuertaufe als ein höheres Wesen zur Verfügung steht.

Mit dem Kriegstagebuch schließt sich der Kreis um die Werke „In Stahlgewittern“, „Sturm“, „Der Kampf als inneres Erlebnis“, „Das Wäldchen 125“ und „Feuer und Blut“. Es ist gerade deshalb von Bedeutung, da Ernst Jünger den Inhalt des Buches „In Stahlgewittern“ immer wieder verändert hat. Das typische Sprachgerüst ist getränkt von einem dunkel-mythischen Ausdruck. Anders als in dem Kriegstagebuch. In dem Kriegstagebuch erleben wir Bilder eines jungen Mannes, der die Flucht vor dem Frieden nutzt, um der wilhelminischen Langeweile zu entkommen und das Spiel mit dem Tod als erlebnisreiches und erfüllendes Wagnis definiert.

Das Kriegstagebuch 1914 – 1918 zeigt auf 647 Seiten ein Bild im Focus des direkt Erlebten. Die Aufzeichnungen werden akribisch geführt und mit Zeichnungen aufgefüllt. Im Einsatz sind Aufzeichnungen nicht möglich, werden aber retrospektiv nachgeholt. Der Seelenzustand ist ablesbar, so kommt nach ungeheurer Anspannung ein oberflächlicher Ruhezustand. Die Formulierungen ändern sich. Wieder einmal mit dem Leben davon gekommen zu sein stärkt den inneren Seelenzustand Jüngers. „Der Weltkrieg habe das erstarrte Gefäß einer Welt zerschlagen, auf das der Geist wieder flüssig werde.“ wird Jünger schreiben. Das Existenzgefühl das nur in Angst, Schmerz und Rausch vollkommen zu erfahren sei, begleitet ihn für sein weiteres Dasein. Aber seine Entschlossenheit, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen wird ihn an die Grenzen seiner Leidensfähigkeit bringen.

19.III.18

… Dicht bei uns platzte eine schwere Granate. Ein Mann behauptete, am Fuß getroffen zu sein.Ich saß in einem kleine Trichter und rief den Leuten, die die Gewehre zusammengesetzt hatten, zu, I sich in den Trichtern zu verteilen. Dann wendete ich mich dem Manne zu und untersuchte seinen Stiefel, ob ein Loch darin zu finden wäre. Im selben Moment pfiff es wieder in der Luft, jeder hatte das Empfinden: Die kommt hierher, dann gab es einen furchtbaren Knall. Die Granate war mitten zwischen uns geschlagen. I Ein furchtbares, nicht mehr menschliches Gebrüll erscholl aus vielen Kehlen.

Das unsägliche Grauen der Scene wurde noch durch intensives rosa Licht erhöht, das von der Maschinen-Gewehr-Munition herrührte, in welche die Granate eingeschlagen war. Dieses Licht zeigte den schwelenden Qualm des Einschlages und und eine Reihe sich wäl I zender Körper, außerdem die nach allen Seiten auseinanderstiebenden Überlebenden.

Ich will nicht verheimlichen, daß auch ich zunächst vollkommen genug hatte. Ich sprang in den benachbarten Graben und fand dort einen kleinen Teil der Komp. vor. Dort ermannte ich mich wieder und schickte Füs. Haller zum Verbinden, rief nach Sanitäter und ging selbst an I die Stelle des Unglücks. Einige stießen noch immer die furchtbaren, markerschütternden Schreie aus, einige kamen auf mich zugekrochen und winselten „Herr Leutnant.“ Immer wieder diese grenzenlose Zuversicht des Mannes zu dem Offizier, der ihm als tüchtig bekannt ist. Einem hielt ich die Hand auf den Kopf, meiner Ohnmacht, zu helfen, I fluchend. Es war Jasinki, dessen Bein durch ein Grantsplitter geknickt war.

… Der Platz sah schaurig aus. Um die Einschlagstelle der Granate herum lagen 20 Leichen, fast alle bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Manche waren in zwei, manche in Unmenge Teile zerissen. Es war das entsetztlichse Eindruck, den ich vom Kriege. Wo war meine schöne, siegesgewisse Kompanie geblieben? Mit über 150 Mann war ich ausgezogen, bereit, den Feind zu schlagen und jetzt hatte ich noch 63 unter dem Druck des furchtbaren Geschehnisses stehende Leute.

(Kriegstagebuch 1914 – 1918, Seite 373 und 374, orthografische Fehler wurden belassen)

Das Kriegstagebuch 1914 – 1918 retouchiert weniger die eignen Erlebnisse als dessen veröffentlichte Bücher in den 1920er Jahren, wie z.B. „Der Kampf als inneres Erlebnis“. Gleiches gilt für den Ausdruck der Sprache. Seine späteren Publikationen sind durchzogen von einer latenten Religiosität. Virtus, Dignitas und Fortuna bilden die Säulen von Funktion und Handeln mit tödlichen Ausgang. Das Werden und Vergehen nimmt dionysische Ausmaße an und das mit einer ungeheuren Wortgewalt. Somit bildet Das Kriegstagebuch eine persönliche Empfindung des unmittelbar Erlebten des Ernst Jünger. Das gesamte Buch wird durch eine Vielzahl von Zusatzinformationen unterfüttert. Schriftliche Aufzeichnungen werden durch Skizzen bereichert. So beginnt ab Seite 465 die Editorische Notiz, welche weitergeführt wird zu einem Exkurs über den ersten Weltkrieg.

Ernst Jünger ist eine Jahrhundertgestalt. Er verkörpert auch die Geschichte eines Landes, dass nicht richtig wusste, wie man mit ihm umgehen sollte. Die Tatsache, das Ernst Jünger in Frankreich einen hohen Stellenwert genießt, sollte doch beruhigen.

(sb) Sven Borger

Ernst Jünger
Kriegstagebuch
1914 – 1918
Hrsg. von Helmuth Kiesel / erschienen im Klett-Cotta Verlag /ISBN 978-3-608-93843-2
http://www.klett-cotta.de/suche?vt=j%C3%BCnger&x=0&y=0
 
 

 

Bildquelle: Klett-Cotta Verlag

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